Die untergegangene Alpweide auf dem Hohgant
Auf dem breiten Bergrücken des Hohgant dehnt sich heute ein unübersehbares Gesteinstrümmerfeld aus. Vor uralter Zeit lag an dieser Stelle eine der schönsten Alpweiden. Saftiges Gras und duftende Alpenblumen gediehen darauf. Während des Sommers hüteten die Älpler ihre Herden und bereiteten goldgelbe Butter und zentnerschwere Käse. Einst bewohnte die Alp ein Senn mit seiner gottlosen Frau. Sie behandelte den blinden Vater abscheulich, strich ihm manchmal sogar Kuhmist anstatt Butter auf das Brot und wies ihm beim Vieh im Stall ein Lager an. Auch gegen die Knechte und Mägde war sie hartherzig und vergönnte ihnen das Essen. Einst, es war stockdunkle Nacht, war ein heftiges Gewitter im Anzug. Da befahl der Senn dem alten Mann, das Vieh einzutreiben. Immer weiter irrte dieser dabei von der Alp ab. Unaufhörlich zuckten die Blitze durch den Nachthimmel, gossen unermessliche Wasserströme hernieder. In ein paar Stunden war die Alp in ein graues Trümmermeer verwandet, und Menschen und Vieh waren spurlos vom Erdboden verschwunden.
Emmentaler Sagen, Hermann Wahlen, 1962 Gute Schriften Bern
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.