Die Talherren im Enziloch
Am Fusse des Höchenzi im Napfbergland liegt unterhalb einer hohen Fluh das Enziloch. Darin hausen die Geister derer, die einst reich und mächtig waren, in ihrem Leben aber ihre Macht und ihren Reichtum dazu missbrauchten, um die Armen und Schwachen zu unterdrücken.
Wenn des Nachts der Sturmwind die Schlucht durchtobt und die Waldbäume unter den wuchtigen Windstössen krachen und ächzen, dann flüstern die Leute einander geheimnisvoll zu: «Sie bringen wieder einen neuen Talherrn ins Enziloch.»
Wenn aber das Wetter ändern will, so hört man viele Stunden weit durch die stille Berggegend ein seltsames Krachen und Tosen. Das rührt von gewaltigen Felsblöcken und Baumstämmen her, welche die Talherren aus der Tiefe des Enziloches auf die Bergeshöhe wälzen müssen zur Strafe für ihre begangenen Untaten. Diese Strafe ist um so schwerer, da es ihnen nie gelingt, die Last über den Rand des Abgrundes hinaufzuwälzen. Immer wenn sie glauben, damit am Ziel zu sein, entfahren ihnen Blöcke und Stämme und sausen dröhnend in den Abgrund zurück.
Emmentaler Sagen, Hermann Wahlen, 1962 Gute Schriften Bern
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.