Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Kei Schatte meh

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Kei Schatte meh

Im Toggiburg hinger isch es Frau gsi. Die het e falschen Eid to gha. Vo dere hei d’Lüt gseit, si heig e ke Schatte meh.

Im Dörfli z’Dietel isch e Ma gsi; dä het au der Lärme gha, er heig en Eid to u dä sig falsch gsi. Dessitwäge heig er au e kei Schatte meh gha; nume dr Huet heig men am Bode gseh.

In dem Glauben, der Meineidige werfe keinen Schatten mehr, klingt unausgesprochen die Vorstellung an, dass die Seele im Schatten sei. Die Vorstellung ergab sich aus einer Denkweise, der wir nur dann zu folgen vermögen, wenn wir uns zurecht legen, mit welch geringen Mitteln der Erkenntnis der Mensch einmal arbeiteten musste. Der Tote, der liegt und nicht mehr aufrecht steht, wirft keinen Schatten mehr; das Leben, die Bewegung, die Seele ist entflohen. Also muss die Seele im Schatten sein. Weniger als im Glauben tritt diese Vorstellung besonders im Brauch einzelner Naturvölker zu Tage. Was uns von den Meineidigen erzählt wird, dürfen wir etwa so deuten: Die Seele ist ihnen schon abhanden gekommen; der Teufel bekam der Sünde wegen Gewalt über die Lebenden und hat ihnen die Seele genommen.

M. Sooder, Sagen aus Rohrbach, Huttwil 1929

 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.