Das Aarauer Haldentier
Ein Metzger hat vor hundert Jahren in Aarau gelebt, der sein Handwerk nicht recht hatte erlernen mögen und die Kälber nicht abschlachtete, sondern erbärmlich zu Tod marterte. Die Leute verabscheuten ihn und kauften ihm nichts mehr ab. Er handelte hierauf mit Häuten, betrog die Bauern, prügelte seine Hunde, und verhöhnte die Armen. Zuletzt wurde er von einem Ochsen so gefährlich getroffen, daß er nach langen Schmerzen starb. Von nun an aber mußte er in Gestalt eines großen glasäugigen Metzgerhundes herumlaufen. Bei Nacht und Wetter machte er um alle Türme und Mauern der Stadt die Runde. Bei Tage wohnte er im Katzengraben, einer Sackgasse an der Halde.
So lange dort das Haldentor noch stand, klopfte er alle Nächte dem Wächter ans kleine Einlaßtörlein. Dieser öffnete ihm auch regelmäßig, ging aber dann vorsichtshalber jedesmal schnell ins Wachtstübchen zurück. Indessen passierte das Haldentier, und der Mann schloß, wenn es sich entfernt hatte, wieder zu. — Dies dauerte bis 1798, da die Franzosen in die Stadt rückten. Diese haben alle Gespenster, deren es damals beinahe in jedem vierten Hause eines gab, verjagt oder nieder gemacht.
Sage aus Aarau
Band 3.1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Naturmythen, Neue Schweizer Sagen, Leipzig 1962, S. 81 - 82
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.