Die Mutter auf dem Schweinekoben
Die Müllerin von Wohlen gab ihren Ferkeln Weissbrod zu fressen und Milch zu saufen, liess aber die Armen hungrig von der Mühle gehen. Dafür sah man sie gleich nach ihrem Tode am Dache jenes hölzernen Stockhäuschens herumsitzen, worin unten der Schweinekoben ist. Die Verwandten wendeten sich darüber an den Pfarrer. Dieser riet, man solle die Müllerin anreden und befragen, was für ihre Ruhe zu tun sei, jedoch nur unter dem Vorbehalt, dass man dabei das erste und letzte Wort des Gespräches frei habe, denn ausserdem liefe man Gefahr, vom Geiste tot geredet zu werden. Dies geschah, die Müllerin erzählte ihre Missetat und nannte auch die Mittel, durch die sie des Herumwandelns los werden könnte. Allein sie verlangte zu diesem Zwecke eine solche Unzahl von Seelmessen, die man lesen lassen, und eine solche Last von Weizen, den man malterweise an die Armen verteilen sollte, dass es den Erben bange wurde um ihr eignes Vermögen. Man gab also den Armen nichts und liess bis auf weiteres die Mutter draussen auf dem Schweinekoben sitzen. Dies tat sie dreissig Nächte lang, denn so weit reicht die Frist „der Folge", in der man für Abgeschiedene kirchlich beten lässt. Dann musste sie dort auf immer verschwinden und ist auch sonst nirgends weiter gesehen worden.
E. L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 2, Aarau 1856
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch