Das Lorenzokirchlein bei Ortenstein
Der freundliche Hügel auf dem das Kirchlein steht, diente vor Zeiten zum Spielplatz der erwachsenen Jugend umliegender Dörfer. Eines Sonntagabends waren sie auch wieder versammelt, da trat zu ihnen ein feiner, bleicher Jüngling, fremdartigen, vornehmen Wesens.
Er kam aus Italien, hiess Lorenzo und lebte nun einige Zeit unter diesen Landleuten die ihn lieb gewannen. Er war freundlich und gefällig und erfreute sie besonders durch sein herrliches Zitherspiel und Gesang. Dabei aber war er immer traurig. An einem Spätherbstsonntag, dem letzten, den man in diesem Jahre auf dem Hügel genoss, war Lorenzo auffallend traurig und sein Gesang in eben dem Masse schön. Er sang von einem Vater, den der Feind, von seiner Braut, die der Gram getötet und sprach im Lied die Sehnsucht aus, zu ihnen zu eilen. Plötzlich mitten im Liede verschwand er vor den Augen der gerührten Zuhörer, sie hatten ihn nicht vom Felsenabhang des Hügels stürzen sehen, aber seine Leiche wurde danach drunten im Rhein gefunden. Die Landleute, die ihn liebten, bauten ihm das Kirchlein zum Andenken.
Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.