St.Johann von Stusavia
Die sogenannte Plazer Kirche hat eine düster romantische Lage. Sie erscheint wie angelehnt an eine waldbewachsene Bergwand. Ein schäumendes Bergwasser (Carnuser Tobel) strömt hinter ihr hervor. Von diesem Tobel steigen nach Regenbogen Dünste hinter der Kirche auf, die im Glanz der aufgehenden Sonne silberweiss erscheinen, vom gegenüberliegenden Dorfe aus gesehen. St. Johann von Stusavia heisst der Schutzpatron der alten Kirche. Sind die Morgennebel besonders hell und glänzend, sagte man vor Zeiten im Dorfe, der Heilige steige hinter der Kirche hervor, in einem silbernen Kleide, neige sich nieder zum Carnusertobel, wo des Tales arme Seelen nach dem Tode des Leibes hingebannt würden und in langen Regennächten laut um Erlösung jammerten. Am Morgen nach solchen Nächten erscheine der Heilige am liebsten, gerührt durch den Jammer der Unglücklichen, neige sich zum Geistertobel nieder, befreie einen der Unglücklichen und zerfliesse dann in der Morgenluft.
Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch