Die Schenenner Jungfrau
In der Prättigauer Au lag einst ein Schloss. Drin hauste ein hartherziger Ritter, welcher den Wehrlosen beraubte und in seinen Kerkern sterben liess. Ein dem Hungertode preisgegebener Gefangener erhielt vom höhnenden Burgherrn, den er flehentlich um Erbarmen und Speise bat, eine Nuss. Wütend rief der Gequälte: «Diese Nuss ist mir eine Ärgernuss, und dir solls eine Kummernuss werden! In ihr steckt ein Baum und im Baum steckt ein Brett und im Brett steckt ein Sarg. Drin sollst du erst nach tausend und abermal tausend Jahren Ruhe finden.»
Der Ritter starb bald und gespenstete schauerlich ums Schloss herum. Da betete seine schöne Tochter so lange, bis ihr von höheren Mächten erlaubt wurde, den Fluch auf sich zu nehmen. Sie legte die Nuss in die Erde, aus deren Kern ein Baum erwachsen sollte, welcher ihr nach tausend Jahren Bretter zum Sarg liefern würde. Jede Nacht musste sie in weissem Kleide und wallenden Haaren, totenblass und leise klagend, um das Schloss gehen, oder doch um die Stelle, wo es gestanden, nachdem es im Lauf der Zeit zerstört wurde.
Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.