Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Jammer-Senn

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Ich war als 12-jährig Hüttenbub in der Vereina Alp, mein Vater Senn. Dieser sagte eines Abends: «Xanderli, lass heut Abend das Vieh lang weiden, morgen gibts Schnee.»

«Aber Vater, s'ist ja s'schönst Wetter heut Abend.»

«S'ist gleich. Morgen früh gibts Schnee.»

Und er neigte sich zu meinem Ohr, furchtsam flüsternd: «Ich habe s'grau Mannli gesehn.»

Ich verstand den Vater nicht recht. Dem schönen Abend folgte ein regnerischer Morgen.

Spätere Jahre war ich noch immer Hirt in der gleichen Alp. Es kam wieder ein schöner Abend, ich sass ganz allein an der Hüttentür und hörte durch die Dämmerung ein wunderlich Jammern: «Ui! Ui! Ui!» Ein Mann hatte das gejammert; der ging aber vorbei und hatte die graue Kappe tief in die Augen gezogen und eine Salztasche umgehängt.

Das Vieh aber mochte sein Salz nicht, so nötlich ers ihm darhielt. Das Mannli wurde darauf immer jämmriger und floh.

Am Morgen hatte es richtig geschneit und so noch manches Mal, wenn das Mannli gekommen.

Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.