Die Unschuldsrose
Im Unterengadin war es vor uralter Zeit Sitte, allemal einen Verbrecher zu begnadigen, wenn der letzte Tag des Mai auf einen Sonntag fiel. Es wurde dann unter den Gefangenen der Beste ausgewählt und indem man ihn aus dem Kerker führte, kam ihm ein Zug festlich gekleideter Jungfrauen entgegen, voran die Schönste der Landschaft, die dem Befreiten eine weisse Rose reichen musste, die Unschuldsrose genannt.
Einmal war ein Greis unschuldig eingesperrt und wurde vom Volk an einem solchen Maisonntag jubelnd hervorgeholt. Das schönste Mädchen der Landschaft war damals seine Tochter und der Auftritt der Überreichung der weissen Rose wurde dadurch so rührend, dass er sich lange in Erinnerung hielt.
Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.