Tamina
Im Calfeisental sass ein weinendes Kind. Hirten von Pfäffers erbarmten sich des verlassenen Wesens. Unter ihrem Schutz erwuchs es zur lebhaften Jungfrau mit dunkelglühenden Augen. Man hatte ihr den Namen Tamina gegeben. Die Sage erzählt, dass das Mädchen einmal bei Ragaz am Rheine stand, als eben ein Holzfloss mit Purpurteppichen bedeckt den Strom hinunterschwamm. Auf dem Floss sassen junge Krieger von vornehmerem Aussehen: Friedrich der Zweite (Hohenstaufen) mit seinen Leuten.
Der imponierendste unter ihnen, Hohenstaufen selbst, erregte die Bewunderung Taminas, welche als die einzige anwesende Person von den Kriegern angesprochen wurde, ihnen für heute eine Herberge anzuweisen. Schneewetter hielt die Fremden mehrere Tage lang in Pfäffers. Taminas Liebe zum Königssohn wurde immer glühender, aber sie blieb stumm. Als bei kommendem Schönwetter das Floss wieder rheinabwärts fuhr, ging Tamina verzweifelnd hin zu jener Stelle im Gebirge, wo man sie als Kind gefunden, und soll sich, der Sage nach, ganz in Tränen aufgelöst haben. Die Tränen formten sich zum Fluss und flossen hinunter in den Rhein, der auf seinen Wellen Friedrich Hohenstaufen fortgetragen. Der Fluss, der immer grösser wurde, erhielt den Namen Tamina.
Aus: U. Brunold-Bigler, Die Sagensammlung der Nina Camenisch, Disentis 1987, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.