Erzählen
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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Rossheiri

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Der Rossheiri hat auf dem sogenannten Siggenberg gegenüber dem Geißberge, gehaust. In jeder Nacht führte er da Holz und Steine von seiner Berghohe in die Dörfer Würenlingen, Endingen und Siggingen hinunter. Seine Bespannung waren vier weiße Roße, und zwei weiße große Pudelhunde liefen neben dem Wagen. Seine Stimme war ein fürchterliches Fuhrmannsfluchen, ein grausames Antreiben und Anhetzen der Pferde, dazwischen ein so langdauerndes Wehegeschrei, daß die Vögel im Walde darüber aufflatterten und alle Leute, die zwischen dem Thurgi und Würenlingen auf dem Wege waren, erschreckt ein Obdach suchten. Obgleich er schon seit manchem Jahrhundert tot ist, läßt er sich auch jetzt noch hören, Steine führend, Peitschen knallend und Flüche ausstoßend. Am höchsten ist dieser Nachtlärm am sogenannten Geisterstein, einem unförmlichen Felsblock am starkbetriebenen Feldwege  am Siggenberg. Alle bösen Geister der Umgegend versammelten sich hier zu bestimmten Zeiten, hielten die Vorübergehenden an und fragten sie um Neuigkeiten aus. Wollte sich einer nicht fügen, ihnen vorzuerzählen, so wurde er mit fort in den Wald genommen, und so sind ehemals viele Leute ans der Welt gekommen.

(Seminarist K. Birchmeier v. Würenlingen.) 

Band 3.1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Naturmythen, Neue Schweizer Sagen, Leipzig 1962, S. 93 - 93

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung www.maerchenstiftung.ch