Die Herren von Rothenthal
An der Südwestseite der Jungfrau, hoch über ihrem Fusse, liegt ein furchtbar vergletschertes Tal, das Rothenthal oder Rothtal. Ehemals war hier eine der fruchtbarsten Alpen, die Blüemlisalp und vor noch nicht zu langer Zeit führte von hier aus ein Pass, wenn auch nicht ohne Gefahr, nach dem jenseits gelegenen Wallis. Glücklich wäre das Los der Bewohner dieses Theiles des Landes gewesen, hätte nicht zu jener Zeit die Willkürherrschaft grausamer Herren auf ihnen gelastet. Keiner war seines Eigenthums sicher und selbst die Frauen und Jungfrauen des Thales entgingen nicht den Verfolgungen dieser Wütriche. Ihr gottloses Treiben konnte jedoch nicht ungestraft bleiben. Der Zorn des Himmels erwachte und als einstmals einer von ihnen, der böseste von allen, unter denen das Land seither geschmachtet hatte, mit seinem wilden Gelüste ein junges Hirtenmädchen verfolgte, kam plötzlich im jähen Sprunge ein grosser schwarzer Bock, welcher noch niemals vorher auf der Alp erblickt worden war, der fliehenden Jungfrau zu Hülfe und stürzte den Verfolger mit kräftigem Stosse von der steilen Felsenwand hinab in den Abgrund. Gleichzeitig aber erzitterten ringsum die Firnen der Eisberge und unter herabrollenden Felsstücken und Eismassen verwandelte sich das einst so blühende und fruchtbare Thal in die traurige Gletschereinöde die es heute ist, und die von jenem Augenblick an, nur selten von den Menschen betreten, der Aufenthaltsort aller jener Bösewichter ward, welche einst hier herrschend, ihre Macht zur Unterdrückung ihrer Nächsten und zur Befriedigung ihrer verabscheuungswürdigen Leidenschaften missbrauchten. Zu ewiger Busse verdammt, ziehen sie jetzt, ihr Schicksal in dumpfen eigentümlichen Tönen beklagend, von hier aus oftmals durch das Land. So oft aber diese Töne gehört werden, kann man sicher sein, dass trübes regnerisches Wetter im Anzug ist und im Volke heisst es dann: "Die grauen Thalherren kommen!" was eben so viel bedeutet, als es wird schlecht Wetter werden.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen, Leipzig 1854.
ebenso in: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch