Die rote Frau auf Schloss Pigritz
Jeden Quartember-Abend, sobald die Betglocke geläutet, fängt in einem der vergitterten Gemächer des Schlosses Pigritz ein fürchterliches Gespenst an zu rumoren, was bis gegen Mitternacht dauert. Oft sieht man es, ganz rot gekleidet, in Weibertracht am Fenster, mit feuersprühenden Augen, jämmerlicher heulend als der Uhu im Walde. Sobald die Mitternacht herannaht, öffnet sich die Schlosstüre. Da schreitet stöhnend und seufzend die rote Frau, so nennt man das Gespenst, langsam die Treppe hinab, schwere Ketten nach sich schleppend, einen Dolch in der Brust, aus welcher Blut fliesst; und so wandelt sie wie ein furchtbarer Schatten bis zum Gewölbe unter der Kapelle, wo sie mit entsetzlichem Getöse verschwindet.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen, Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch