Der Elbst
In der Tiefe des Seelisbergersees haust ein Ungeheuer, den Bewohnern jener Gegend unter dem Namen der „Elbst" bekannt. Es hat die Gestalt einer Schlange, einen schuppenbepanzerten Leib, Füße mit Krallen gleich den Drachen; aber nur selten zeigt es sich in dieser seiner wahren Gestalt. Bald schwimmt es als moosbewachsener Stamm, bald als schmaler grünender Inselfleck, von den Ufern losgerissen, bald auch als blütenvoller Zweig auf der Oberfläche des Sees. Wehe dem, der sich diesen trügerischen Lockbildern zu nähern wagt. Hinab ziehen den Getäuschten unrettbar die Krallen des Ungetüms. Aber auch das Eigentum der Sennen ist von ihm gefährdet, denn oftmals des Nachts wälzt es sich empor an das Ufer des Sees und zieht in scheußlicher Gestalt über die Weidplätze der Alpen hin. Am andern Morgen dann ist Vieh, das erwürgt, Spuren von scharfen Krallen tragend, zerstreut auf ihnen herumliegt, den Sennen Zeugnis seines schauerlichen Besuchs.
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen., Leipzig 1854.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.