Der Oberblegisee (C. Kohlrusch, H. Herzog)
An Oberblegi ist e See. Wo d's Wasser ine chunt gsieht me; aber wos use luft het me-n-erst g'merkt, wo der Leuggelbacher Geisser g'meint het, er mües chrüzwis drüberübere schwimme. Der Pur i der Hütte het ems g'wehrt und g'seit: „Bis nüd e Nar. ‚Me muess nüd Gott versueche’ stat i der Gschrift.“ Aber der Geisser git umme: „Sygs jez dem Herrgott lieb oder leid, se will i übere.“ Der Pur tänkt: Nu sine? und luegetem zue, wie-n-er schwimmt. Schier wär er dänne gsi, da ninnts ene uf ei Mal abe (der Haaggema wird ene tänk bime Bei gnu ha). Um die selb Stund holt sy Mueter im Leuggelbach Wasser. Was meined er, dass ere i d'Gelte gsprunge syg? Der Chopf vu ihrem Bu, wo übere See het welle schwimme.
(Originaltext)
C. Kohlrusch, Schweizerisches Sagenbuch. Nach mündlichen Überlieferungen, Chroniken und anderen gedruckten und handschriftlichen Quellen., Leipzig 1854.
ebenso in: H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, erster Band, Aarau 1871
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch
Bei Oberblegi liegt ein See. Wo das Wasser hineinfließt sieht man; aber wo es hinausfließt, merkte man erst, als der Leuggelbacher Geißer meinte, er müsse kreuzweise darüber hinüber schwimmen. Der Bauer n der Hütte verwehrte es ihm und sagte: „Sei kein Narr. ‚Man soll Gott nicht versuchen’, steht in der Schrift.“ Aber der Geißer gibt zurück: „Sei’s jetzt dem Herrgott zu Liebe oder zu Leide, so will ich hinüber.“ Der Bauer denkt: Nun denn, und schaut ihm zu, wie er hinüber schwimmt. Als er fast drüben war, da nimmt es ihn plötzlich hinunter (der Haaggemaa – ein Ungeheuer – wird ihn wohl an einem Bein genommen haben). Um die selbe Stunde holt seine Mutter im Leuggelbach Wasser. Was meint ihr, dass ihr in den Eimer sprang? Der Kopf von ihrem Buben, der über den See hatte schwimmen wollen.
(Übersetzung)