Milch verbrennen oder vergraben
Durch das Wundermittel eines Kapuziners war es den Angehörigen eines verkrüppelten Mädchens aus dem Oberdorf gelungen, diesem die Gesundheit und einen geraden Körper wiederzugeben. Am Tage nach der wunderbaren Genesung brachte die Nachbarsfrau wie alle Tage die Milch ins Haus. Der Ätti nahm die Milch vor der Haustüre entgegen ohne Dankheigist und ohne sonst irgend ein Gleich zu tun. Er wusste wohl, warum! Die Frau hatte den Ruf einer Hexe, und grad sie hatte seinem Mädchen die Krankheit angetan! Aber jetzt musste sie büssen dafür, tropfenweise wollte er die Milch auf dem Herdfeuer verbrennen, dann musste das Wust am eigenen Leibe die Wehtat verspüren. Alsdann war das der Mutter nicht recht. „Wir wollen nicht Rache üben“, sagte sie, „das wäre unchristlich!“ Da vergrub der Ätti die Milch in der Erde und behielt sein gutes Gewissen.
Die Milchfrau aber, die das Mädchen verhext hatte, musste ihren Zauber zurücknehmen, weil des Kapuziners Wundermittel stärker gewesen war als sie. Krank an Leib und Seele versagten ihre Füsse bald einmal den Dienst, und sie musste als Krüppel an den Krücken gehen ihr ferneres Leben lang.
Quelle: Albert Streich, Brienzer Sagen, Interlaken 1938.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch