Die letzten Lenkerzwerge
Die letzten Lenkerzwerge wohnten in den Staldenschöpfen. Es waren zwei ergraute Kameraden.
Alljährlich kamen die Adelbodner und die Lenker einmal auf dem Hahnenmoos zusammen, um zu johlen, zu tanzen und einander zum Abschiede die Köpfe einzuschlagen.
An diesem Feste wollten nun die beiden Zwerge auch ihren Teil haben, stapften brüderlich gegen das Hahnenmoos, hockten hinter Haselstauden und schauten ganz gemütlich dem Vergnügen zu.
Die Mädchen sahen die beiden hinter dem Gebüsche kauern und kicherten vor Freude, und die Burschen wollten sich das Vergnügen leisten, sie einzufangen, damit die Mädchen sie in allernächster Nähe sähen und betasten dürften.
Sie schlichen heran, packten eins am Bein; das andere konnte entwischen. Das fliehende Zwerglein rief dem andern zu:
„Sie möge mit dr fürnäh, was sie wei,
Verrat nit, was d'Reckholderstude z'bedüte hei!"
Am Abend entliessen die Tanzgesellen zufrieden das gefangene Zwerglein wieder. Doch seither sah man keines mehr in der Lenk.
Später entdeckte man, dass die Wachholderstauden den Eingang zu den Wohnungen der Zwerge verdeckten. Und wer heute nach den Staldenschöpfen klettert, kann ihre Höhlen noch sehen. Vor einer steht noch ein guterhaltener steinerner Tisch mit halbzerfallener Bank.
Quelle: Georg Küffer, Lenker Sagen. Frauenfeld 1916. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch