Die weisse Frau von Leissigen
In uralter Zeit lag auf dem Stoffelberg bei Leissigen eine beträchtliche Stadt mit Mauern und Türmen und einem Herrenschlosse. Noch heute heisst die Stelle Burg und es befindet sich dort auf einem Stück Feld am Rande eines Buchenwäldchens eine Erhöhung, wo die Feste gestanden haben soll. Als einmal ein fürchterliches Erdbeben wütete und der See weit über seine Ufer hinausbrach, senkte sich in der Folge sein Spiegel und die Stadt zerfiel. Ihre Mauern versanken in den Erdboden wie man sagt, weil die Menschen so gottlos geworden waren, dass er sie nicht mehr zu tragen vermochte. Von dem Mauerwerk sieht man heute nichts mehr. Dagegen zeigt sich dort, wo dasselbige gestanden, von Zeit zu Zeit eine weisse kleine Frau. Alte Leute behaupten, sie sei einstmals die Herrin der Stadt gewesen und müsse jetzt zur Strafe ihrer Vergehungen da drinnen im Berg einen grossen Schatz hüten, welchen sie alle hundert Jahre einmal auf der Burg sonne und bei dieser Gelegenheit denjenigen, welche zufällig dahin kommen, als Geschenk anbiete. Doch können ihn nur Menschen, welche noch keine schweren Sünden begangen, erlangen.
Quelle: Hermann Hartmann, Sagen aus dem Berner Oberland. Nach schriftlichen und mündlichen Quellen, Interlaken 1910.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.