Der Genuss des Schlangenfleisches
Ein erst in diesen letzten Jahren zu Grindelwald im Berner Oberlande verstorbener Bauer hieß bei seinen Nachbarn wegen allerlei geheimer Künste der Wunderdoktor. Bei seinen Besegnungs- und Zaubergeschäften pflegte er sich stets in seine Kammer einzuschließen. Sein Knecht, längst neugierig geworden, machte ein Bohrloch durch die Holzwand der Stube und sah nun von außen zu, wie der Doktor eine weißköpfige Schlange mit der Hand faßte und in einem Wasserkessel zu sieden anfing. Bald stieg ein weißer Schaum am Rande auf und ballte sich zu einer schneegleichen Masse. Indessen schien dem Doktor noch ein Geschirr oder sonst ein Siedmittel zu fehlen, denn er ging plötzlich, ohne die Türe abzuschließen, nebenaus in die Küche. Diesen Augenblick benutzte der Knecht und schlich sich in die geheimnisvolle Kammer hinein. Hier strich er den weißen Schaum, den er für wallende Milch hielt, fingerweise vom Rand ab, schleckte ihn hastig hinein und lief, als ob nichts geschehen wäre, hinaus in die Matte, um da zu mähen. Aber da sah er, als er die Wiese betrat, wie jeder Halm und jedes Mattenblümchen sich vor ihm verbückte.
(Stud. Mäder von Baden.)
Quelle: E. L. Rochholz, Naturmythen. Neue Schweizer Sagen, Leipzig 1862.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch