Die Regenfrau
Nordöstlich von Liedertswil erstreckt sich der steile Steinenberg. In seinem östlichen Ende liegt die Waldwiese «Einschlag», die jedem Spaziergänger, einen eigenartigen, fast geheimnisvollen Eindruck macht, sei es durch ihre tiefe Stille, sei es durch ihre Abgeschiedenheit im Waldrahmen. Rehe und Hasen waren früher dort nicht selten.
An gewissen Morgen oder Abenden erschien daselbst eine seltsame grosse Frauengestalt in grauem, mantelartigem Gewande. Den Kopf halb verhüllt und tief gesenkt, schritt sie über die Matte zwischen den Obstbäumen auf und ab, als ob sie etwas suche, und seufzte leise. Dann ging sie zögernd bis ans Ende des «Einschlag», von wo man den Langackerhof sieht, beugte sich dreimal langsam zur Erde, stieg nun links hinauf gegen das Titterterfeld und war plötzlich nicht mehr sichtbar.
Allemal nach ihrem Erscheinen wurde der Himmel trübe; graue, schwere Wolken überzogen ihn und Regenwetter stellte sich ein.
Die alten Leute vom Langackerhof haben sie wiederholt gesehen, die «graue Frau». Der Erzähler vernahm als Büblein davon und ging selten allein in den Einschlag.
Quelle: G. Müller/P. Suter, Sagen aus Baselland, Liestal 1939.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch