Die faule Frau feiert Weihnachten
Es lebte einmal eine Frau, die war sehr faul. Sie war so faul, dass sie nicht nur zu faul zum Putzen war, nein, sie war sogar zu faul, sich zu waschen.
Nun kam die Weihnachtszeit, und da sah sie sich in ihrem Haus um und erschrak: Es war so dreckig, so konnte sie nicht Weihnachten feiern! Sie nahm sich fest vor, alles schön zu machen für Heiligabend. Aber die Zeit verging, und es war noch nichts getan. Schliesslich kam Heiligabend, und die Frau nahm seufzend einen Besen in die Hand, um das Haus zu putzen. Sie hatte aber so lange keinen Besen mehr in der Hand gehalten, dass ihr das Putzen ganz schrecklich anstrengend vorkam. Murrend fegte sie ein wenig hin und her. Schliesslich warf sie den Besen zu Boden und rief erbost: «Soll doch der Teufel kommen und die Arbeit machen!»
Kaum hatte sie das gesagt, stand der Teufel schon vor ihr und sagte: «Du hast mich gerufen, gib mir Arbeit. Was gibt es zu tun, was soll ich machen?»
Die Frau schaute den Teufel ganz erschrocken an, und schliesslich sagte sie: «Nun, du kannst aufräumen, putzen und waschen.»
Da lief der Teufel hin und her, und es dauerte nicht lang, da war das ganze Haus aufgeräumt und geputzt. Sofort kam er wieder angesprungen und sagte: «Gib mir Arbeit. Was gibt es zu tun, was soll ich machen?»
Die Faule dachte nach und sagte schliesslich: «Geh auf die Wiese und hole den trockenen Kuhmist, um die Sauna zu heizen.»
Schnell wie der Blitz sprang der Teufel aus dem Haus, und die Frau konnte aus dem Fenster sehen, wie er hierhin und dahin lief und trockenen Mist in einem Korb sammelte. Dann kam er ins Haus, verschwand im Bad und heizte die Sauna ein. Es dauerte nicht lange, da stiegen Dampfwolken aus der Tür.
Die Frau hätte nun gerne gehabt, dass der Teufel wieder verschwinden würde, aber dieser wollte immer mehr Arbeit. «Gib mir Arbeit. Was gibt es zu tun, was soll ich machen?», rief er, während er vor ihr stand.
Da sagte sie: «Geh kochen und backen und Bier brauen.»
Im Handumdrehen war der Teufel am Herd, und man hörte ihn mit den Töpfen klappern. Die Frau aber ging ins Bad. Hui! War das heiss dort drin! Der Teufel hatte mächtig eingeheizt. Die Frau wusch sich nun und reinigte sich gründlich. Als sie aus dem Bad kam, sah sie: Der Tisch war gedeckt, es dampfte aus Töpfen, frisches Bier stand da, sogar einen Weihnachtskuchen hatte er gebacken, und der Teufel war gerade dabei, die Kerzen anzuzünden. Es sah ganz danach aus, als wollte der Teufel das Weihnachtsfest mit der Frau feiern. Er aber sprang sofort auf sie zu und rief: «Gib mir Arbeit. Was gibt es zu tun, was soll ich machen?»
Verzweifelt sah sich die faule Frau um. Sie sah beim besten Willen nichts mehr, was der Teufel noch tun könnte. Wenn sie ihn doch nur los würde! Da fiel ihr auf einmal etwas ein. Sie holte eine Schere, schnitt sich einige Achselhaare ab, steckte sie in eine Tüte und sagte zum Teufel: «So, die sollst du alle gerade biegen.»
Der Teufel zog ein Haar aus dem Säckchen, es war ganz kraus. Er versuchte es gerade zu biegen, aber wie er auch zog, kaum liess er los, da kringelte sich das Haar von Neuem. Er zog das Haar über die Tischkante – es nützte nichts. Er zog es zwischen den Zähnen hindurch – es nützte gar nichts. Schliesslich fragte er: «Gibt es noch viele von diesen Beuteln?»
«Einen grossen und zwei kleine Säcke», antwortete die Frau.
Als der Teufel dies hörte, wurde er böse und schrie: «Mach du doch die Arbeit selbst!», und er verschwand mit Donnergetöse.
Die Frau aber freute sich sehr. Sie setzte sich an den Tisch und feierte ganz herzlich Weihnachten. Und es heisst, dass der Teufel nie mehr kommen musste, um der Frau beim Weihnachtsputz zu helfen.
Aus: D. Jaenike, Wintermärchen aus aller Welt, Trachselwald 2018.
Bericht in Märchenforum Nr. 88,