Der Geist im Eggernboden
Lange Jahre hindurch trieb ein Geist auch im kleinen, jetzt halbzerfallenen Hause im Eggernboden sein Unwesen. Jeden Abend sah man in der Stube hinterm Tische einen Mann in ganz altertümlicher Gewandung sitzen. Er sass da, über eine Pergamentrolle gebeugt, und schrieb und rechnete oft die ganze Nacht hindurch. Oft warf er die Rolle wieder weg, lief stöhnend und klagend in der Stube umher, riss die Fensterläden weit auf, nahm die Pergamentrolle wieder und schrieb und rechnete weiter.
Einst, als die Fensterläden wieder aufgeworfen wurden, leisteten sich einige junge Älpler den Spass und warfen dem unruhigen Geist die Fensterläden von aussen her zu. Flugs flogen die Läden wieder krachend auf. Da holten die Jungen, jedenfalls nicht die furchtsamsten, eine dicke Tannenlatte, stützten sie gegen die Fensterläden und sagten lachend: «So, das hält, diesmal wird er das Öffnen wohl bleiben lassen.» Aber kaum hatte man dies gesagt, flogen die Läden schon dröhnend auf, und die Latte fuhr in Splittern auf die Rücken der Erschrockenen. Die Lattenspitze aber steckte, wie man sich nachher überzeugte, mehr denn zwei Meter tief im Boden. Von nun an liess man den Rechnergeist in Ruh.
ERNEN
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch