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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Senn in der Welschigeralpe

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In einer Hütte in der Welschigeralpe im Chin soll auch nicht alles geheuer sein. Daselbst waltete vor Zeiten ein Senn, der seine Pflicht arg vernachlässigte. Durch seine Schuld wurden viele Käse und Ziger verdorben. Auch dem lieben Vieh fragte er wenig nach, und am Abend fluchte er lieber, statt, wie üblich, das Evangelium des heiligen Johannes zu beten.

Im Winter starb der Mann, und auf den nächsten Sommer bezog ein andrer seine Hütte. Wenn nun der neue Senn mit dem Käsebereiten und Scheiden zu Ende war, kam der Verstorbene in die Hütte, zündete ein Feuer an, rückte den Kessel über und hantierte geschäftig hin und her wie ein richtiger Senn. Jedesmal nach getaner Arbeit trat er vor die Hütte und betete laut das Evangelium des heiligen Johannes, worauf er wieder für den Abend weinend und betend verschwand. Das geschah jeden Abend und der arme Verstorbene musste nach seinem Tode nachholen, was er im Leben vernachlässigt hatte und so für seine einstigen Fehler Sühne leisten.

BINN

Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch