Die Verstorbene in der Kirche
Eines Tages in der Morgenfrühe ging der Grenzwächter Bussard in die St. Markuskirche von Rüden, um Angelus zu läuten. Da sah er am Hochaltar eine Frau knien und andächtig beten. Am Vorabend hatte er sich noch eigens umgesehen, ob niemand mehr in der Kirche sei, und hatte dann die Kirche geschlossen. Am Morgen fand er die Kirche ebenfalls geschlossen. Wie konnte die Frau hieher gekommen sein? Er näherte sich ihr und fasste sie scharf ins Auge. Aber wie erschrak er: Statt des Kopfes sah er einen Totenschädel, der ihn mit leeren Augenhöhlen anglotzte. Zitternd vor Schrecken wich er einige Schritte zurück. Sieh, da wandte sich der Totenschädel um und blickte grinsend nach dem Grenzwächter, dem der Schrecken so die Kehle zugeschnürt hatte, dass er keinen Laut hervorbringen konnte. Mechanisch griff er zum Glockenseil und läutete. In diesem Augenblick drehte sich die Gestalt wieder um. Der Grenzwächter besass den Mut nicht, nochmals hinzugehen und die betende Frau anzusprechen. Er wandte sich vielmehr der Türe zu. Dort schaute er zurück nach dem Hochaltar und - der Geist war verschwunden.
GONDO
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch