Die drei Tellen
Unfern von Flüelen, am Südende des Waldstättersees geschah ‘s, dass einst ein junger Ziegenhirt unter einer Balm sass und seine Blicke seitwärts an einen Felsen richtete. In diesem nahm er zum erstenmal eine Türe wahr, lief darauf zu, steckte seinen Stock in den daselbst vorhandenen Letten, öffnete und ging hinein. Besser vorwärts sah er eine zweite Porte. Die tat er wieder auf und - schaute drei schlafende Männer. Einer von diesen richtete sein Haupt empor, hob die Augenlider und fragte barsch: „Welche Zeit zählt man?“ Der Jüngling sagte es und vernahm die Antwort: „ Es ist jetzt noch viel zu früh.“ Gleich schlief der seltsame Mann wieder ein. Zu Hause erzählte der rasch dahin geeilte Hirt das Vorgefallene. Er sollte darauf den Leuten die Türe zeigen und führte sie an Ort und Stelle, wo noch der vergessene Stock im Lehm stand und die Spuren vor dem Felsen zu sehen waren, allein die Porte blieb unsichtbar. Vor geistlichen und weltlichen Oberen soll der Geissbub dieses Gesicht beteuert haben.
Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.