Die Marchsteine
Bei den Wüstenmatten waren einstmals zwei Männer wegen der Marchen uneins. Sie stritten sich schon lange um den Besitz einer kleinen Ecke ihres Gütleins. Hatte der eine eines Nachts die Marchen wieder zu seinen Gunsten verrückt, so setzte der andere in der folgenden Nacht sie wieder zurück in das Gut seines Widerparts. Oft schon waren sie handgemein geworden und hatten blutige Köpfe und hasszerrissene Herzen davongetragen. Verwandte und Behörden suchten zu vermitteln und die entzweiten Nachbarn zu versöhnen, aber es gelang ihnen nur halb. Ganz erlöste sie nur der Tod von ihrem Hader. Doch hatten sie vor ihrem Ende einander noch die Hand der Versöhnung gereiht. Die Strafe blieb ihnen aber doch nicht erspart.
In den beiden Wiesen sah man oft des Nachts zwei Männer, welche fortwährend Flammen aussprühten. Keuchend und stöhnend trugen sie schwere Marchsteine die Halde hinauf. Oben angekommen, schlugen sie die Steine mit aller Kraft in die Grenzscheide der beiden Wiesen hinein. Das wiederholte sich allnächtlich, bis die Strafe gesühnt, der Frevel gebüsst war.
LÖTSCHEN
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch