Die arme Seele im Kalkofen
In Jeizinen wurde Kalk gebrannt. Die Männer standen um den Ofen und schürten das Feuer. Da rief einer: «Seht, wer dort kommt!» Sie schauten alle den Graben hinauf und sahen eine Frau im kleinen Wollhütchen und in uralter Tracht herabsteigen; keiner von ihnen kannte sie. Sie schritt, ohne aufzublicken, zwischen den Männern durch und stürzte sich ins Feuer, das hoch aufloderte und dann beinahe auszulöschen drohte. Die Männer schrien auf und wussten nicht, ob es ein Geist oder eine Hexe gewesen sei. Auf einmal flog eine weisse Taube aus der glühenden Asche und verschwand in den Lüften; und nun wussten sie auch, dass eine arme Seele hier in Feuer des Kalkofens ihr Letztes abgebüsst hatte. Das Feuer brannte wieder ruhig und schön wie vorher.
BRATSCH
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch