Der lange Rock
Einst kam so eine Totenprozession wieder in den Brunnen bei Visperterminen vorbei. Am Schlusse lief eine Frau, die einen ganz langen, langen Rock trug und immer sich selbst draufstampfte, weil sie ihn nachschleppte. Es war ihr nur mit grosser Mühe möglich, mit den andern Schritt zu halten. Ein couragierter Mann wagte sich einst an sie, packte den Rock, raffte ihn auf und gab ihr den Wulst in die Hand. Dessen war die arme Seele so froh, dass sie jetzt den andern nachkommen könne.
Noch eine Strecke weit drehte sie sich ständig um und sagte: «Vergelt`s Gott!»
Das soll eine Frau gewesen sein, die im Leben zu kurze Röcke getragen hatte. Aber wenn das stimmt, dann müssten heute wohl viel zu viele so in der Totenprozession umherwandern!
VISPERTERMINEN
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch