Totenprozession (Ulrichen)
Ein Gertschen, er ist 1910 gestorben, erzählte mir selbst folgendes:
Man hatte eine Prozession in den Ernerwald angesagt; ich weiss aber nicht mehr, um Regen oder Sonnenschein zu erbitten. Da dachte sich dieser Gertschen in der Nacht: «Ich gehe jetzt hier hinauf an den Weg und warte da, bis sie talabwärts kommen.»
Damals führte die Talstrasse noch mitten durchs Dorf, die heutige Furkastrasse existierte noch nicht. Als er an diesen Prozessionsweg kam, waren da schon viel Leute, die beteten und sangen. Gertschen dachte bei sich: «Dascht jetz öi karios, was sind jetz das fer Lit?» Er kannte niemand. «Der erste, den ich kenne, zu dem gehe ich dann zu Paar!» Er schaute weiter und weiter, immer kamen Leute in weissen Kleidern, aber er kannte niemand. Nicht einmal vom Fleck konnte er sich rühren, bis die Kirchenglocke zum Beten läutete. Da sah er aber keinen einzigen Menschen mehr, er war ganz allein.
ULRICHEN
Quelle: Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Josef Guntern, Olten 1963, © Erbengemeinschaft Josef Guntern.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch