Das Wetzsteinfuttermannli
In der Gegend von Rickenbach war ein frecher, mutwilliger, starker Bursche der Schrecken aller, die ihm auf der Strasse begegneten; er fragte niemanden etwas darnach, tat nur, was ihn gelüstete, trieb ganze Nächte Unfug und kehrte erst gegen Morgen heim. So kam er gegen Tagesanbruch einmal durch einen Wald. Vor ihm her hötterlete ein Männchen so gross wie ein Wetzsteinfutter. Der übermütige Bursche rief ihm zu: „Geh' aus dem Weg, oder du spürst meinen Schuh!" Das Männchen ging nichts desto schneller. Wiederum forderte der Bursche ihn auf, auszuweichen, oder er werfe ihn mit dem Schuh weg. Nun kehrte sich das Männchen um und sagte: „Wenn du Lust hast, so wollen wir es mit einander prokuren." Es packte den Burschen und richtete ihn so zu, dass es ihm alle Glieder verdrehte und brach, selbst die Rippen entzwei schlug, so dass der freche Mann elend liegen bleiben musste bis jemand des Weges kam und andern Anzeige machte, die ihm forthalfen. Der Bursche wurde ausserdem schwer krank. Nach und nach genas er aber wieder so weit, dass er herumziehen konnte, aber Zeit Lebens ein Krüppel blieb, beschwerlich und krumm einherging und auf anderer Leute Hilfe angewiesen war.
Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.