Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Rheinfallsage

Land: Schweiz
Kanton: Schaffhausen
Kategorie: Sage

Zweite Version

Einst ist oberhalb des Rheinfalles von Schaffhausen bei der Überfahrt über den Fluss ein blutjunger Schiffer im Kahne eingeschlafen. Den Schlafenden in seinem Kahne hat dann der Zug des Stromes mit Gottes sichtbarer Hülfe unversehrt über den grauenhaften Felsensteig hinabgetragen. Statt Gott demütig für solche wunderbare Rettung zu danken, ist der junge Bursche durch das überstandene Abenteuer vielmehr übermütig geworden. In der Schenke, in der er auf die überstandene Gefahr hin den edlen Landwein sich gut schmecken ließ, anerbot er sich verwegen, um hundert Gulden noch einmal die schreckliche Fahrt zu wagen. Ein unheimlicher, fremder Gast, der hinterm Tische saß, schlug die Wette ein, und der freche Jüngling machte wirklich die Gott versuchende Fahrt. Aber Schiffer und Kahn haben die schäumenden Wogen am Fuße des Rheinfalls spurlos verschlungen. In der Nacht aber, in der dieses geschehen, will man viele Jahre ein Geisterschiff gesehen haben, wie dasselbe blitzschnell wie ein Pfeil mit dem gespenstischen Schiffer den Rheinfall herabschoss und unten in dem Strudel verschwand. Seit die neue Eisenbahnbrücke den schwarzen Dampfwagenzug donnernd über den Rhein hinüber führt, hat man das Geisterschiff am Rheinfall nicht mehr gesehen.

 

 

Aus: R. Frauenfelder, Sagen und Legenden aus dem Kanton Schaffhausen, Schaffhausen 1933.

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch