Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Zecher auf glühenden Stühlen

Land: Schweiz
Kanton: Thurgau
Kategorie: Sage

In der Nähe von Münsterlingen liegt das freundliche Dorf Schönenbaumgarten. Dort stand einst jenseits des Baches auf einem Hügel eine Burg, deren Besitzer ein Schlemmerleben führte. Er verprasste stets in kurzer Zeit all das, was seine Hörigen im Schweisse ihres Angesichts erarbeitet hatten. Er schmähte selbst die Kirche, bis ihn das Schicksal ereilte. Als der Burgherr wieder einmal vor einem hohen Kirchenfeste mit seinen ebenso schlecht gearteten Genossen ein grosses Gelage veranstaltete und dabei allen Leidenschaften frönte, da brach in jener Nacht ein furchtbares Gewitter über die Gegend herein, dass die Erde erzitterte und die Burg plötzlich im Boden versank. An ihrer Stelle war nur noch ein kleiner Sumpf übriggeblieben. Nach der Sage konnte einst ein Bauer in die versunkene Burg hineinblicken und da sah er die Zecher auf glühenden Stühlen sitzen und hörte sie bei ihren ebenfalls glühenden Speisen und Getränken vor Schmerzen schrecklich jammern. Die Uhr im Speisesaal aber zeigte immerfort die erste Stunde jenes kirchlichen Festes, in welcher die Burg samt ihren Schlemmern in die Erde versank.

Quelle: Ferdinand Bolt, Die Sagenwelt am Bodensee, Appenzeller Kalender 1956
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch