Das wandelnde Nachtlicht
«Ich bin ein alter Mann», so erzählte mir einst ein Greis in Törbel, «ich habe manches gesehen, was nur die Temperkinder sehen können. Doch etwas muss ich erzählen, was ich mehr als zwanzig Mal mit eigenen Augen sah. Ich war ungefähr achtzehn Jahre alt, als ich auf dem Hirtweg nach der Kapelle im Bach mich befand. Es war Winter, ungefähr morgens sechs Uhr. Nun, da ich am Bach hinauf ging, sah ich auf der anderen Seite, in einem Gütchen, an das ein Graben stösst, ein helles Licht, wie aus einer Laterne schimmern. Das Licht rückte durch diese Kruterna (Gütchen), welches eine Almein war, bis an den Graben. Seltsam, dachte ich, wer mag wohl diesen unwegsamen Weg wandeln um diese Zeit, so früh und in so schnellem Schritt; das ist nicht natürlich, weil ja dort jetzt niemand hirtet. Aber kaum, dass das Licht in den Graben stieg, so stürzte selbes wie im Fluge und gleichsam im Bogen, wie eine Rakete, in den Abgrund. Es ist währlich, währlich so, ich hän sus mehr als zwanzig Mal g'sehn. Nachher habe ich es dem Besitzer dieses Guts angezeigt, sie sollen nachschauen, ob nicht etwas Ungerechtes die früheren Besitzer schuldig gemacht. — Ob sie etwas getan haben, weiss ich nicht; gesehen habe ich es seither nicht mehr.
Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch