Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Ein Volchgang

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In den Eggen, in Grächen, war ein Haus, vor dessen Fenstern der Volchgang besonders an den Tempertagen statt hatte. Es war eben ein grosser Tod im Vispertal und auch in Grächen starben viele. Da hörte der Bewohner dieses Hauses, als er eben ins Bett gehen wollte und schon einen Strumpf abgezogen hatte, den er noch in der Hand hielt, plötzlich ein dumpfes Getöse; — es rauschte der Volchgang vorüber. Schnell ging er leise ans Fenster und sah eine grosse Prozession von Toten vorübergehen, unter denen sich auch viele ihm Bekannte und unlängst Verstorbene befanden. Zuletzt kam einer, der an einem Bein keinen Strumpf anhatte, wohl aber denselben in der Hand trug. Er verstand, was dies zu bedeuten habe; dass er nämlich sich selbst unter den Toten gesehen und der Letzte sein werde. Er bereitete sich zum Sterben und war auch wirklich der Letzte, der in dieser tödlichen Krankheit in Grächen zum Grabe getragen wurde.

 

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch