Das Zittern der Aspe
Als ich einst bei einigen schlanken und hochgewachsenen Aspen (Espen) vorüberging und dem seltsamen Zittern ihres Laubes, das bei dem geringsten Luftzug immer in eine rauschende Bewegung gerät, zusah, sagte ich zu einem alten Manne, der mein Begleiter war: «Das ist doch ein seltsamer Baum! — Während die übrigen Bäume in der Nähe ganz ruhig stehen und kein Blatt sich daran bewegt, zittert dieser immer.» «Das kommt», erwiderte mein Begleiter, «vom Fluche Gottes her; denn aus dem Holze der Aspe soll das Kreuz, an welchem unser lieber Heiland gestorben, gezimmert worden sein. Alle Geschöpfe haben mit seinem bitteren Tode Mitleiden gehabt; die Sonne bedeckte ihr Angesicht, die Felsen zerspalteten, die Erde erbebte, die Toten kamen hervor, ein Heide rief aus, wahrhaftig das ist Gottes Sohn. Aber die Aspe hatte kein Mitleiden, da er an ihrem Holz seufzte, litt, zitterte und starb. Darum hat der göttliche Heiland sie verflucht:
«So wie ich an deinem Holze, in der dreistündigen Todesangst zitterte, so sollst du, so lange ein Baum von deiner Art irgendwo auf der Welt ist, auch immer zittern zum schrecklichen Gedenkzeichen.» — Darum zittert die Aspe immer so sehr.
Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch