Erzählen
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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Traubendieb

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Ein ungerechter Heller frisst zehn gerechte fort; so lautet ein altes Sprichwort. Dass dem so sei, kann man in der Welt oft genug wahrnehmen. Wenn alles Stand hätte, was so mancher Tag und Nacht mit allen Vieren zusammenscharrt, so würde es ihm nicht nur zu allen Fenstern heraus, selbst zum Dachgiebel herausschauen. — Dem ist aber in der Welt eben selten so; das ungerecht Gesammelte bringt gewöhnlich nur Mangel und Not ins Haus.

Ein Mann in Savièse, so wird erzählt, fand es leider, wie noch viele, ordentlich kommod, auch da zu ernten, wo er nicht gepflanzt hatte. Als er eines Tages seinen Weinberg unter Chandolin abwimdete, stahl er in jeder Reihe seinem Nachbarn eine Traube und warf selbe zu den seinigen in die Brente. Zwei Kinder, die dabei waren, — das eine starb als braver Mann vor wenig Jahren — sahen aber, sobald der Übergreifer vom Weingeschirre sich abwandte, einen Unbekannten kommen und für jede gestohlene Traube, zwei schöne Trauben wieder aus der Brente nehmen und dem Nachbarn zurückstellen. — Da hatte freilich der gierige Traubendieb spottwenig gewonnen!

 

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch