Die dreifache Not
In einem Taldorfe des Oberwallis waren die Leute bös und streitsüchtig. In den Familien zankten sich nicht nur die Geschwister beständig untereinander; sie stritten selbst mit ihren alten Eltern fort und fort und von Geschlecht zu Geschlecht, weil der alte Vater immer abzubüssen hatte, was er selbst in der Jugend an dem seinigen verbrochen.
Einst hielten da die jungen Leute im Gemeinhaus Fassnachtstanz, mochte auch draussen der Schnee stürmen, der Pfarrer mahnen, der Vater zürnen, die Mutter jammern. Bei schällender Musik kreisten die lustigen Paare in der grossen Stube und in der Küche wurde ein munteres Feuer angeschürt zum Kochen und Braten. — Aber sieh! Auf einmal lösten sich grosse Schneemassen oben vom Berge und stürzten ins Dorf, viele Gebäude fortreissend. Dem Talbache verrammelte die Lauwine das Bett und trieb das Wasser ins Dorf — und das Feuer der Tanzgesellschaft, in der Verwirrung nicht beaufsichtigt, griff um sich und loderte bald hoch zum Dach hinaus. — So hatte das arme Dorf Feuer-, Wasser- und- Schneelawinennot auf einmal. — Aber die jungen Leute tanzten fort.
Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch