Der schwarze Vogel
Aus den Zeiten der Hexenprozesse wird noch mancher Zug erzählt und zwar in verschiedenen Orten so übereinstimmend, dass wirklich etwas mehr als bloss willkürliche Erfindung geschwätziger Märchenerzählerinnen im Spiele zu sein scheint. So wird z.B. viel erzählt, ein Richter habe einmal eine Reise zu Pferde gemacht. An einer sehr gefährlichen Stelle flog ein schwarzer Vogel aus dem Gebüsche und machte das Pferd so scheu, dass es unglücklicherweise samt dem Reiter in den Abgrund stürzte. Die Trauer über diesen Unfall war allgemein. Aber wie gross wurde der Ärger und das Entsetzen unter dem Volke, als bald darauf herausgefunden wurde, der schwarze Unglücksvogel sei niemand anders gewesen, als eben die Gattin des verunglückten Richters selbst, die, ihrem braven Manne schon lange grollend, sich so vermummend, desselben sich entledigte. Zweifelsohne wird die Hexe auf der Folter das Verbrechen eingestanden haben. Dass sie aber auch dafür auf dem Scheiterhaufen endete, brauche ich wohl nicht zu sagen.
Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch