Die fleissige Gesellschafterin
Eine schöne, goldgelbgefärbte Katze, mit zierlich zurückgestrichenen Schnauzen und sauber geglätteten Haaren, pflegte in einer Küche, wenn die Hausleute in trautem Kreise beisammen waren, oft auf Besuch zu kommen. In gemessenen Schritten kam sie zur Tür herein, ging bedächtlich auf die Treche (Herd) los und machte sich's bequem in der warmen Asche, von wo aus sie dann die Leute freundlich und teilnehmend anzublicken geruhte. Das ging so eine Zeit lang fort und der gelbe Pelz ward bald als einheimisch im Hause gerne gesehen und wohl geduldet. Eines Abends erzählten die Hausleute einander, wie wohl gewöhnlich, die Dorfneuigkeiten des Tages. Es wurde berichtet, der Johannes N. sei gestorben. Schnell sprang die Katze aus der Asche hervor, ganz deutlich schreiend: «Was? der Johannes!», rannte in mächtigen Sätzen davon und kam nie wieder. — Da merkten die verblüfften Leute ziemlich klar, wer ihnen seit einiger Zeit die Familiengeheimnisse verraten und so fleissig auf die Gasse gebracht habe.
Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch