Erzählen
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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der eilende Tote

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Region: Visp
Kategorie: Sage

Zum Steg in St. Niklaus wohnte im vorigen Jahrhundert, so wird erzählt, eine Witwe, Maria Biner mit Namen, die jeden Morgen über die Vispenbrücke bei der Junghöhe ging, um ihr Vieh zu pflegen. Eines Tages begegnete ihr auf eben dieser Brücke in aller Frühe ein ihr wohlbekannter Mann, Jost Blatter, der eilenden Schrittes neben ihr vorüber rannte. Sie hatte kaum Zeit zu fragen, wohin er so früh wolle. Ohne anzuhalten antwortete der Eilende: «Was Gott verhängt, der Mensch nicht lenkt», und ging schnell weiter.

Mit Erstaunen vernahm die Witwe, als sie nach St Niklaus-Dorf kam, Jost Blatter, der ihr soeben auf der Brücke begegnete, sei vorigen Abends im Lerchj an Jungen tot gefallen. Der Unglückliche arbeitete in einem Acker auf dem Rande eines hohen Felsens und zog zu unvorsichtig aus allen Kräften an einer wilden Wurzel, die unerwartet abbrechend ihn das Gleichgewicht verlieren und in den Abgrund stürzen machte.

 

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch