Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der klagende Tote

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Ein junger Bursche, mit Namen Joseph Imboden, so wird aus dem vorigen Jahrhundert erzählt, wohnte allein in Sparren, einem Bergweiler in St. Niklaus. Anfang Winters wurde dieser Einsiedler auf einmal vermisst; seine Wohnung blieb fest verschlossen und niemand wusste, wohin er gegangen oder was aus ihm geworden. Man glaubte, er habe sich heimlich davon gemacht, um in der Fremde Soldat zu werden, was oft sein Plan gewesen.

Im Heumonat folgenden Jahres träumte dem Bruder des Verlorenen zweimal nacheinander sehr lebhaft, der Bruder Joseph sei aus der Fremde zurückgekommen und klage sehr ernstlich, dass man ihn so vergessen könne, sich um ihn gar nicht kümmere und ihn ohne Hülfe und Beistand so lange in den Furgwängen liegen lasse.

Dieser zweimal so klar wiederholte Traum begann den Bruder zu beunruhigen; er erzählte denselben einem nahen Verwandten, beifügend, er könne nicht erklären, was das alles zu bedeuten habe, weil er nicht einmal wisse, wo in der weiten Welt wohl die Furgwäng zu finden wären. «Da kann ich helfen», antwortete der Verwandte, «die Furgwäng weiss ich schon.» Man nahm Leute mit und fand den auf der Jagd verunglückten Joseph im Innern des Jungtales an der im Traume bezeichneten Stelle noch zur Hälfte im Winterschnee vergraben.

 

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch