Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der bittende Tote

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Region: Visp
Kategorie: Sage

Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wurde ein Mann aus Visperterminen in der Nähe von Glis von einem Unbekannten, der grosse Eile zu haben schien, um einen grossen Dienst angesprochen — es war gegen zehn Uhr in der Nacht. Als jener zu helfen versprochen, wenn er könne, erzählte dieser, er habe vor Jahren aus Fahrlässigkeit auf der Alpe ein Rind zu Grunde gehen lassen. Er sollte doch so gut sein und noch vor zwölf Uhr ihm vom Eigentümer Erledigung erflehen. Der Angesprochene entgegnete, der wohne gar zu weit und könne vor zwölf Uhr nicht angetroffen werden. «O dann bin ich verloren!» seufzte der Unbekannte tief. «Tue doch was du kannst; ich will dir helfen.»

Einer so herzlichen Bitte konnte unser Mann nicht widerstehen; er setzte sich darum in Marsch und es schien ihm, der Unbekannte folge auf der Ferse und helfe vorwärts. Voll Schweiss und keuchend klopfte er an der Türe des Beschädigten und bat um die nachgesuchte Erledigung. Der Eigentümer forschte erst noch nach näheren Umständen — da schlug es zwölf Uhr. «O schnell!» rief der Bittsteller, «rette doch eine Seele.» — «Es sei geschenkt», sprach der Eigentümer noch bevor die Glocke den zwölften Schlag ertönen liess; und der Unbekannte erschien ihnen voll Jubel und verschwand.

 

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch