Der Tote mit der feurigen Marke
Jeizinen und Enggersch, das erste zu Gampel, das zweite zu Erschmatt gehörend, liegen hoch am Berge einander im Anblicke. Obschon durch eine Schlucht wohl eine halbe Stunde voneinander entfernt, kann man doch von einem Orte zum andern das Gerede der Menschen hören und manchmal gar verstehen.
Vor vielen Jahren soll in gewissen Jahreszeiten oft ein Toter, mit einer feurigen Marke auf der Achsel, in den Gütern von Jeizinen herumgegangen sein und beständig gerufen haben: «Wo soll ich's tun?» — Natürlich durfte nie jemand eine Antwort geben. — Das Rufen des Geistes wurde auch in Enggersch gehört. Als dasselbe eines Abends wieder häufiger und dringender andauerte, öffnete ein Knabe von sieben Jahren in Enggersch das Fenster und schrie hinaus: «Tu's wo's g'hört.» Gleich schlug der Tote die Marke mit solcher Gewalt zur Erde, dass Feuerfunken weit umhersprühten, und fast im gleichen Augenblicke erschien vor dem Fenster, aus welchem der Knabe geantwortet hatte, ein weissgekleideter Toter, dem Kinde für seine Erlösung herzlich dankend.
(erzählt von Eduard Meichtri)
Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch