Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Freudengesang einer armen Seele

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In Saas erzählen fromme Mütter ihren auf Geschichtchen immer gespannt horchenden Kindern folgende Sage:

In wilden Geklüften eines Hochgebirges hörte einmal ein Gemsjäger auf der Warte einen wunderschönen Gesang. Sanfte Töne trafen so lieblich sein still horchendes Ohr, dass er unwillkürlich aufstand und zum Orte hineilte, aus dem die so melodische Stimme zu kommen schien. — Und sieh! er fand, offenbar in grossen Qualen, eine arme Seele, die da so fröhlich tat. — Verwundert fragte der Jäger, wie sie doch in so grossen Peinen frohlocken und so munter singen möge? «Da muss ich wohl singen und mich herzlich freuen», antwortete die arme Seele, «mein Schutzengel hat mir soeben geoffenbaret, ein liebes Vögelein hätte heute beim bäcken (aufpicken) eines Tannenzapfen ein Samenkörnlein auf die Erde fallen lassen, welches spriessen und zu einem Baume heranwachsen werde. Aus dem Holze dieses Baumes werde dann für die Leiche eines unschuldigen Kindes das Särglein gemacht werden. Und beim Tode dieses Kindes», fügte sie singend hinzu, «werde ich, von allen Qualen frei, in den Himmel kommen!»

 

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch