Die weisse Gestalt bei Bonn
Auf dem Weg zwischen Birch und Bonn in der Gemeinde Düdingen steht seit alten Zeiten ein schlichtes Muttergottesbild in einem einfachen Bethäuschen. In der Nähe dieses Kapellchens konnte man früher eine eigentümliche Wahrnehmung machen. Jedes Mal am Vorabend vor Allerheiligen oder vor Allerseelen sahen die Anwohner eine weissgekleidete Frauengestalt umhergehen. Sie bewegte sich stets auf dem gleichen Weg, der von Bonn nach dem Bauernhofe Fellewil führt. Manchmal ging die Gestalt leise dem nächtlichen Wanderer nach, als ob sie ihm eine Bitte vortragen wollte. Sie tat aber niemals den Mund zum Sprechen auf. Vielleicht wartete sie auf eine Anrede. Auch tat die seltsame Erscheinung keinem Menschen etwas zuleide. Hatte die rätselhafte Begleiterin den Weg bis Fellewil zurückgelegt, verschwand sie urplötzlich wie sie aufgetaucht war, um ihren nächtlichen Spaziergang von neuem in Bonn zu beginnen. Die Leute der Umgebung waren im Glauben, die weisse Gestalt sei eine unerlöste arme Seele, die im Grab keine Ruhe finden konnte. Auf ihren nächtlichen Spaziergängen suche sich die Unbekannte den Lebenden bemerkbar zu machen, um sie um ihre Fürbitte in Gebet und heiligem Messopfer anzugehen. Gegenwärtig ist die nächtliche Wanderin vollständig ausgeblieben.
Quelle: Pater Nikolaus Bongard, Sensler Sagen, Freiburg 1992.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.