Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Das Toggeliloch

Land: Schweiz
Kanton: Freiburg
Kategorie: Sage

Vom stattlichen Industriedorf Düdingen führt ein Tälchen nach Bonn hinunter. Es trägt den sagenhaften Namen «Toggelioch». Heute führt die betonierte Eisenbahnbrücke der Linie Lausanne – Bern – Olten über diesen idyllischen Fleck hinweg. In früheren Zeiten war das reizende Tälchen nur ein finsterer, wüster Sumpf, den alle Leute fürchteten. Denn der Geist eines bösen Ritters von Vivers spukte in den Adventsnächten und in der Fastenzeit in dem Orte herum. Niemand betrat nach dem Gebetläuten den Holperweg, der am Rande des Tälchens vorbeiführt. Denn der böse Geist des verwünschten Ritters fiel in diesen Nächten den Wanderer an und würgte ihn zu Tode. Diesen Geist nannten die Düdinger das «Toggeli».

Damals wohnte zuhinterst im Tälchen in
 einem armen Hüttlein eine Holzhackerswitwe mit ihrem Töchterlein. Der Mann war vor Jahren
 beim Holzfällen ums Leben gekommen; es waren arme, aber fromme Leute, die dort in der
 Einsamkeit wohnten. Eines Tages wurde die 
Witwe krank; sie spürte das Herannahen des 
Todes und verlangte deshalb nach dem Geistlichen. Ihr Kind wollte selber ins Dorf gehen und
 den Pfarrer holen. Es war gerade Fastenzeit, in 
welcher das Toggeli wieder Gewalt über das Tal hatte. Die Nacht brach heran, eine finstere Nacht
 schien es zu werden. Aus Liebe zur Mutter wollte
 das Mädchen dennoch den Gang zum Pfarrer
 wagen. Plötzlich hörte das Kind hinter sich ein
 Klappern und Stöhnen. Es betete aber umso inbrünstiger, je näher der Spuk kam. Am Wege
 musste das Kind noch an einer Höhle vorbei, vor welcher es eine besondere Furcht fühlte. Laut
 betete die Kleine: «Heilige Mutter Gottes, hilf.» Da gab’s einen Blitzschlag und einen Donnerhall
 und das Toggeligespenst wurde in die Höhle hinein geschleudert. In heller Angst kam das Kind
 beim Pfarrer an und erzählte das Vorgefallene. Es bat den Hochwürden, er möge doch noch in der 
gleichen Nacht zu der schwerkranken Mutter kommen. Der Geistliche sagte auch sofort zu und rief den Sigrist, zum Verwahren sich bereit zu 
machen. Der Sigrist war ein furchtsamer Hans 
und wollte nicht mitgehen. Da gab ihm der Pfarrer das Kind zur Hand und sagte: «Mit dieser Unschuld kommen wir schon durch.» Ungefährdet kamen sie zum Häuschen und brachten der Schwerkranken himmlischen Trost.

Von dem Abend an war das Toggeligespenst verschwunden; das Tälchen, von seiner Herrschaft erlöst, behielt den Namen «Toggeliloch». Zum Danke für diese Befreiung bauten fromme Leute die Felsenhöhle zu einem Kapellchen um und hiessen sie «Ölbergkapelle». Zum frommen Gedächtnis wallfahrten die Düdinger alle Jahre am Palmsonntag dahin.

 

Quelle: Pater Nikolaus Bongard, Sensler Sagen, Freiburg 1992.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.