Märchenstiftung - Märchen - Märchen aus der fernen Heimat

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert.

• Iran
• Sri Lanka
• Sudan
• Kurdische Märchen
Palästina
Irak
• Jemen
Tibet
Eritrea
Syrien
Afghanistan
Uiguren, China

 


Märchen aus dem Iran

Das historische Persien hat eine lange Geschichte mit grossem kulturellem Reichtum hinter sich. Nach der Gründung der Islamischen Republik Iran folgte Krieg und das Scheitern von Reformbemühungen; zudem nehmen die Umweltprobleme zu. Die Arbeitslosigkeit und Inflation sind hoch, auch wegen des stark theokratischen Regimes, das die politischen Freiheiten stark einschränkt und ethnische Minderheiten unterdrückt, zu denen etwa ein Drittel der Bevölkerung gehören, so dass Menschen zu politischen Flüchtlingen werden.

Märchen:
Der König und sein Falke
Sareban, der Kameltreiber
Der Bruder, dessen Glück schlief

 


Der König und sein Falke

In alter Zeit lebte ein persischer König, der die Jagd sehr liebte. Dieser König hatte einen Falken, der im Flug jedes Wild einholte. Der König liebte diesen Falken über die Massen und fütterte ihn immer mit eigener Hand.
Eines Tages jagte der König mit dem Falken auf einer Wiese, und plötzlich erschien ein Hirsch. Der König verfolgte den Hirsch mit grösstem Eifer auf seinem leichtfüssigen Pferd. Es rannte so schnell, dass selbst der Morgenwind, der die Welt in einem Augenblick durcheilt, es nicht einholen konnte. Infolgedessen blieb sein Gefolge zurück. Nach einiger Zeit war auch der Hirsch nicht mehr zu sehen, und der König musste die Jagd aufgeben. Da er von brennendem Durst gequält wurde, durcheilte er die Wiese, nach allen Richtungen, um nach Wasser zu suchen,
Schliesslich kam er an den Fuss eines Berges und sah, dass von dem Berg klares Wasser herabtröpfelte. Er nahm einen Becher, den er bei sich führte, und füllte ihn mit dem Wasser, das tropfenweise herabfloss. Als er davon trinken wollte, schlug der Falke mit seinem Flügel an den Becher, sodass das Wasser ausfloss. Als der König ärgerlich den Becher mit vieler Mühe von Neuem füllte und trinken wollte, geschah dasselbe.
Der König, von der Glut des Durstes gequält und zornig über das Betragen des Falken, schlug ihn zu Boden und tötete ihn. In diesem Augenblick kam der Page des Königs heran und fand den Falken tot und den König durstig. Er holte seine Feldflasche hervor, füllte aus ihr den Becher und gab dem König zu trinken. Der König sprach: «Ich möchte auch noch von dem Wasser haben, das vom Berg kommt, aber da es nur herabtröpfelt, macht es so viel Mühe, den Becher zu füllen. Du musst hinaufklettern und sehen, ob dort irgendein Hindernis für das Wasser ist.»
Der Page stieg den Berg hinauf. Da sah er eine Quelle, die nur tropfenweise Wasser gab, und vor der Quelle lag eine grosse tote Schlange. Durch die Einwirkung der Sonne war sie verwest, und ihr Gift hatte sich mit dem Wasser vermischt und rieselte den Berg hinab. Der Page lief erschreckt und bestürzt den Berg hinunter und erzählte dem König, was er gesehen hatte. Dem König flossen Tränen aus seinen Augen. Der Knabe fragte ihn nach dem Grund der Tränen. Der König erzählte die Geschichte und sagte: «Ich weine darüber, dass ich den Falken zu Unrecht getötet habe.»
Der Page erwiderte: «O König, dieser Falke hat dich vor einem grossen Unglück bewahrt, und das ganze Volk ist ihm zu grossem Dank verpflichtet. Es wäre besser gewesen, wenn der König nicht so eilig getötet hätte und die Glut seines Zornes mit dem Wasser der Milde gedämpft hätte.»
Der König antwortete: «Ich bereue meine Handlung, aber die Reue nützt nichts, denn solange ich lebe, werde ich durch Gewissensbisse gequält werden.»

Fassung: L. Tetzner, nach: «Die Geschichte des persischen Königs und seines Falken», in: G. Weil, A. Lewald, Märchen aus 1001 Nacht. Arabische Erzählungen. Zum Erstenmale aus dem Arabischen Urtext treu übersetzt, Oxford 1841. Sprachlich leicht angepasst.

 


Sareban, der Kameltreiber

Es war einmal ein reicher Mann, der war Händler und brachte seine Waren auf seinen Kamelen von einem Ort zum anderen, um sie zu verkaufen. Einmal nahm er seinen kleinen Sohn mit auf die Reise. Doch unterwegs wurde die Karawane von Dieben überfallen. Schnell versteckte der Händler seinen Sohn in einer der Kameltaschen und versuchte dann, gegen die Diebe zu kämpfen. Doch diese waren stärker, nahmen ihm alle Kamele mitsamt der kostbaren Ware ab und liessen ihn gefesselt zurück.
Während die Diebe davonzogen, hörten sie auf einmal ein leises Weinen und fanden schliesslich den kleinen Sohn des Händlers. Sie setzten ihn auf eine trächtige Kamelstute und ritten weiter bis zu einer Höhle, die sie als Diebesversteck nutzten. Sie teilten untereinander die Ware und die Kamele auf, doch was sollte mit dem Kind geschehen? „Nimm du ihn mit dir, dann hast du endlich einen Sohn“, sprach einer der Diebe zu einem anderen. So nahm dieser den Jungen mit.
Von nun an musste sich der Junge jeden Tag um die Kamele kümmern, deshalb nannte man ihn Sareban, den Kameltreiber. Sareban mochte seine Kamelstute am liebsten und kümmerte sich hingebungsvoll um ihre Fohlen. So verging eine lange Zeit. Jeden Tag führte er die Kamele in die Wüste, setzte sich unter einen Baum und begann auf der Flöte zu spielen. Da kam ein Derwisch vorbei und fragte: „Weshalb spielst du so ein trauriges Lied?“
„Ach, ich vermisse meinen Vater, meine Mutter und meine Geschwister!“, sagte Sareban.
„Du könntest sie doch besuchen!“
„Ich weiss nicht, wo sie sind!“, rief Sareban aus und erzählte dem Derwisch seine ganze Geschichte.
Der Derwisch überlegte, dann sagte er: „Ich sage dir, was du tun musst: Steig auf die Kamelstute und lass die Zügel frei, sie wird dich nach Hause bringen.“
Daraufhin ging der Derwisch fort. Sareban aber bestieg sein Kamel und liess es gehen, wohin es wollte. Das Kamel lief viele Tage und Nächte. Endlich kamen sie zu einer Quelle. Das Kamel kniete nieder, um zu trinken. Sareban stieg ab und legte sich neben den Brunnen, um ein wenig zu ruhen. Als er aufwachte, sah er einen jungen Mann, der seine Schafe an der Quelle tränkte. Sie grüssten einander und der junge Hirte bewunderte die schöne Kamelstute. Auf einmal rief er aufgeregt: „Das ist ja unser Kamel? Hier, schau, da ist das Brandzeichen unserer Sippe! Hast du es etwa gestohlen?“
Sareban antwortete: „Aber nein, ich habe es nicht gestohlen. Es ist mein Begleiter und mein grösster Trost, seit ich von meinem Vater getrennt wurde.“
„Erzähl mir deine Geschichte“, bat der junge Hirte. Sie setzten sich und Sareban erzählte ihm alles, was geschehen war, seit die Diebe die Karawane seines Vaters überfallen hatten. Als er zu Ende erzählt hatte, sprang der Hirte auf, nahm Sareban in die Arme und sagte: „Du bist mein verlorener Bruder,“ und sie weinten vor Freude. So kehrten beide nach Hause zurück, Sareban in die Arme seiner alten Eltern und sogar das Kamel freute sich, wieder zu Hause zu sein.

Fassung Djamila Jaenike nach: Mohammadreza Schams, Märchen jenseits der Gewässer, Teheran 2013. Aus dem Persischen übertragen von Banafshe Tabatabai, © Mutabor Märchenstiftung

 


Der Bruder, dessen Glück schlief

Es waren einmal zwei Brüder. Als deren Vater starb, teilten sie das Land gerecht auf. Beide arbeiteten fleissig, doch der jüngere Bruder hatte reiche Ernten und der ältere Bruder kaum genug, um satt zu werden. „Lass uns das Land tauschen“, meinte der Ältere. Der jüngere Bruder war einverstanden, doch nach einem Jahr, war es wieder wie zuvor: Der Jüngere hatte eine reiche Ernte, der Ältere eine schlechte Ernte. Da beschloss der ältere Bruder dem jüngeren vom Getreide zu stehlen. Er wartete, bis es dunkel wurde, nahm einen Esel und einen leeren Sack und ging zum Feld seines Bruders. Gerade wollte er sich am Kornhaufen des Bruders zu schaffen machen, als ein Fremder auf ihn zutrat und sagte: „Wer bist du und was tust du hier?“
Der Bruder erschrak, doch er fasste sich und fragte: „Nichts tue ich, und wer bist du?“
„Oh, ich bin das Glück deines Bruders. Ich passe auf, damit niemand Korn stiehlt“, sagte der Fremde.
Der Ältere staunte und fragte: „Wo ist denn mein Glück?“
„Dein Glück ist dort auf dem Gipfel von diesem Berg, aber es schläft. Wenn du ein glückliches Leben führen willst, musst du dorthin gehen und es wecken.“
Nachdenklich ging der ältere Bruder mit dem Esel nach Hause. Dann gab er seinen ganzen Besitz seinem Bruder und machte sich auf die Reise.
Er wanderte lange, sehr lange, bis auf einmal ein hungriger Löwe auf den Weg trat und ihn bedrohte. „Bitte lass mich am Leben“, bat der Mann. Er bat und flehte so lange, bis der Löwe sprach: „Ich lasse dich gehen, aber sag du mir, wohin du gehst und warum.“
Da erzählte der Mann seine Geschichte und sagte: „Nun will ich zu meinem Glück gehen und es wecken.“
„Wenn du dein Glück geweckt hast, so frage es, weshalb ich nie satt werde“, bat der Löwe.
Der Mann versprach es und wanderte weiter. Er kam in ein Dorf und ein alter Mann bewirtete ihn. Er fragte: „Wohin gehst du und warum?“
Der ältere Bruder erzählte alles und sagte: „Nun will ich zu meinem Glück gehen und es wecken.“
„Wenn du das Glück geweckt hast, so frage es, weshalb auf meinem Acker nichts wächst“, bat der Alte.
Der Ältere versprach es und ging weiter, bis er in eine Stadt kam. Kaum war er durch das Stadttor gegangen, da packte ihn die Wache und brachte ihn vor den König.  Dieser sprach: „Erzähle Fremder, wohin gehst du und warum?“
Da erzählte der Mann seine ganze Geschichte und sagte: „Nun gehe ich zu meinem Glück, um es zu wecken.“
„Wenn du dein Glück gefunden hast, dann frage es, warum mein Königreich nicht den Ruhm und Wohlstand hat, den es verdient“, bat der König.
Der Mann versprach es und wanderte weiter. Endlich kam er zu dem Berg. Er kletterte hinauf und sah ganz oben einen grossen Mann, der schlief. Sein Schnarchen liess die Blätter rundherum erzittern. Der ältere Bruder ging zum Schlafenden, gab ihm einen Stoss mit dem Fuss und rief: „Steh auf, du hast lange genug geschlafen!“
Der grosse Mann rieb sich die Augen und sagte: „Weshalb hast du mich geweckt?“
Da erzählte der ältere Bruder seine ganze Geschichte und stellte ihm auch die Fragen, die ihm aufgetragen worden waren und sein Glück gab ihm auf alles eine Antwort. So machte sich der Älteste wieder auf den Heimweg. Als er in die Stadt kam, liess er sich zum König bringen und sagte: „Schicke alle Wachen fort, dann will ich dir die Antwort vom Glück sagen.“
Als der König und der Mann allein waren, sprach dieser: „Deine Stadt wird erst zu Ruhm und Wohlstand kommen, wenn du heiratest, denn das Glück sagt, dass du kein Mann, sondern eine Frau bist.“
„Dann heirate mich und werde König an meiner Seite!“, rief die Königin, doch der Mann sprach: „Das geht nicht, denn ich habe mein Glück geweckt und will jetzt nach Hause.“ So verliess er das Schloss und wanderte, bis er zum Dorf kam, wo der Alte auf ihn wartete. „Hast du dein Glück geweckt?“, wollte dieser wissen.
„Ja, und es sagt, dass auf deinem Feld ein Schatz vergraben liegt. Wenn du diesen ausgräbst, wird wieder alles gut wachsen“, erzählte der älteste Bruder. Sogleich ging der Alte auf sein Feld und mithilfe seiner Tochter fand er den Schatz. „Bitte bleib bei uns. Du kannst den Schatz haben und meine Tochter heiraten!“, bat der Alte.
Doch der Mann sprach: „Das geht nicht, ich habe mein Glück geweckt und will nach Hause und gute Ernte einbringen.“ Alles Bitten nützte nichts, der Älteste wanderte weiter heimwärts.
Endlich kam er zu dem Löwen. „Hast du dein Glück geweckt?“
„Oh ja“, sagte der Mann und erzählte alles, was er auf der Reise erlebt hatte. Der Löwe hörte zu und fragte: „Und welche Antwort gab dir dein Glück auf meine Frage?“
„Nun, es sagte, dass du erst satt wirst, wenn du den grössten Dummkopf, den du triffst, gefressen hast.“
Der Löwe dachte einen Moment nach und sagte dann: „Nachdem ich deine Geschichte gehört habe, scheint mir, dass du der grösste Dummkopf bist, denn ich je getroffen habe.“ Daraufhin riss er sein grosses Maul auf und verschlang den ältesten Bruder in einem Happs.

Fassung Djamila Jaenike, nach: D. L. R. und E. O. Lorimer, Persien Tales, London 1919, © Mutabor Märchenstiftung

 


Märchen aus Sri Lanka

Sri Lanka, früher Ceylon, ist ein Inselstaat im Indischen Ozean. Es war bereits in der Antike ein wichtiger Knotenpunkt für die Seefahrt und den Handel. Dies führte unter anderem dazu, dass Sri Lanka heute von ganz unterschiedlichen Ethnien und Religionen bewohnt ist. Von 1983 bis 2009 herrschte ein offener Bürgerkrieg zwischen tamilischen Separatisten und den vorherrschenden Singhalesen, und es kam zu bis heute ungeklärten Menschenrechtsverbrechen. Starke Repressionen gegen Minderheiten prägen den Alltag, ausserdem die Gefahr von Minen, Blindgängern und gewaltsamen Eskalationen der schwelenden Konflikte.

Märchen:
Der dumme Radscha und der faule Berater
Die beiden Freunde
Die Schuld abschieben


Der dumme Radscha und der faule Berater

In einem fernen Land herrschte einmal ein Radscha, der wollte immer Recht haben. Das ging soweit, dass er einmal zu seinen Beratern sprach: „Von jetzt an müsst ihr immer Ja sagen, sonst lasse ich euch töten!“ Der Radscha meinte es ernst, und so dauerte es nicht lange, und er hatte keinen einzigen Berater mehr. Die Menschen in diesem Land nannten den Radscha nur noch König Ja. Der Herrscher suchte verzweifelt nach neuen Beratern, doch niemand traute sich mehr in seine Nähe. In dem Land lebte aber ein Faulpelz, der sagte sich: „So schwierig kann es nicht sein, immer Ja zu sagen. Ich gehe in den Königspalast, sicher gibt es dort immer genug zu essen.“
​​​​​​Er liess sich zum Radscha bringen und verbeugte sich tief, zum Reden war er zu faul. «Gut, du sollst mein neuer Berater sein», rief der Radscha. «Was denkst du, werde ich noch reicher, wenn ich Gold aussäe?»
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz, wie es die Tradition verlangte.
«Gut, dann lass den Acker vorbereiten und die Saat ausbringen!»
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz und machte sich auf den Weg zum nächsten Dorf. Dort holte er sich Tamariskensamen. Dann liess er ein Feld vorbereiten, säte die Tamariskensamen aus und kehrte zum König zurück.
«Ist das Feld bereit?», wollte der König wissen.
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz.
«Dann nimm hier das Gold zur Aussaat!»
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz, lud die Säcke voller Goldmünzen auf einen Wagen und brachte sie in sein Haus, schlief eine Weile und kehrte dann in den Palast zurück.
Nach einigen Tagen rief der Radscha ihn zu sich. „Ist die Saat schon aufgegangen?“
«Ja, Mahipati», antwortete der Faulpelz.
«Gut, dann zeig mir, wie das Gold wächst.»
«Ja, Mahipati», antwortete der Faulpelz und fuhr mit dem Radscha zum Feld. Die jungen Keimlinge der Tamariske glänzten in der Sonne wie Gold und der Radscha freute sich. Auf dem Heimweg war es sehr heiss. Als sie an einem Fluss vorbeikamen, rief der Radscha: «Ich will im Fluss baden!»
«Ja, Mahipati», sagte der Faule und half dem König, die Kleider und den Goldschmuck abzulegen.
«Warte hier und geh nicht vom Fleck, bis ich zurückkomme!», befahl der Radscha.
«Ja, Mahipati», antwortete der Faulpelz und legte sich unter einen Baum. Der König sprang in das Wasser. Er hatte jedoch nicht gesehen, dass der Fluss eine starke Strömung hatte. «Hilfe, der Fluss zieht mich fort!», rief er.
«Ja, Mahipati», sagte der Faulpelz, doch bis er sich erhoben hatte, war der König schon vom Fluss fortgetragen, niemand weiss, wohin.
Der Faule wartete und wartete, doch der Radscha kehrte nicht wieder zurück. Gegen Abend wurde ihm kalt. Da schlüpfte er in den Mantel des Königs, legte sich den Goldschmuck an und kehrte zum Palast zurück.
Seit jenem Tag regierte der Faulpelz das Land. Er sorgte dafür, dass es den Menschen im Land gut ging und vergass darüber sogar das Faulsein.

Märchen aus Sri Lanka, Fassung Djamila Jaenike, nach: Elena Chmelova, Ceylonesische Märchen, 1988 Slovart/Dausien © Mutabor Märchenstiftung

 

Die beiden Freunde

Es zogen einst zwei Freunde gemeinsam durch die Welt. Der eine war gross und stark. Der andere war klein und schwach. Zusammen hatten sie schon viele Abenteuer erlebt. Der Grosse wollte nichts machen, ohne dass sein kleiner Freund dabei war. Der Kleine wiederum bewunderte seinen grossen Freund und tat alles, was dieser von ihm verlangte.  Eines Tages wollte der Grosse Rehe jagen. Der Kleine folgte ihm. Den ganzen Tag schlichen die beiden durch den Wald, doch sie fanden keine Spur eines Rehs. Als es dämmerte, wollten sie sich auf den Heimweg machen. In diesem Augenblick hörten sie aus dem Gebüsch ein gefährliches Brummen und Knurren. Da blieben sie still und lauschten. Der Kleine flüsterte: «Das ist bestimmt ein Bär. Lass uns schnell fortgehen. Bären sind gefährlich!» Aber der Grosse lachte nur: «Du hast Angst vor einem Bären? Du bist ein Feigling. Wir sind zu zweit. Statt eines Rehs könnten wir auch den Bären jagen und erlegen.» Der Grosse sprach so mutig, dass der Kleine seine Vorsicht ganz vergass und einverstanden war. «Gut, lass es uns versuchen. Wie wollen wir den Bären erlegen?»
«Geh du voraus, kleiner Freund. Erschrecke den Bären und lauf dann schnell davon. Ich werde mich verstecken und ihn dann aus dem Hinterhalt erlegen. Du musst keine Angst haben. Es kann gar nichts passieren.»
Weil ihm bisher noch nie etwas Schlimmes geschehen war, vertraute der Kleine dem Plan seines Freundes. Mit lauten Schritten und viel Lärm lief er durch den Wald. Als er merkte, dass der Bär im folgte, wurde er schneller. Er drehte sich kurz um und sah, dass der Bär riesig war und starke Pranken mit langen Krallen hatte. Da rannte der Kleine noch schneller zum Baum, hinter dem sich sein Freund versteckt hatte. «Sofort, komm raus und töte den Bären!»
Doch der Grosse hatte das wilde Tier schon von Weitem gesehen. Voller Angst war er weit hinauf auf den Baum geklettert. Von da oben rief er nun: «Ich bin hier. Komm hoch zu mir."
Doch der schwache, kleine Freund hatte nicht die Kraft, um hochzuklettern. Darum legte er sich auf den Boden, rollte sich zusammen und tat so, als wäre er bereits tot. Der mächtige Bär kam knurrend und schnaubend auf ihn zu und stupfte ihn mit seiner Schnauze an. Von oben musste der Grosse alles mit ansehen. Gleich würde der Bär seinen Freund auffressen. Doch da hörte er, wie der Bär plötzlich nicht mehr knurrte, sondern eigenartige Laute von sich gab. Der Kleine öffnete die Augen und nickte: "Jaja, ich habe dich verstanden Bär. Vielen Dank für deinen Rat.» Der Bär brummte, drehte sich um und verschwand im Wald. Der Grosse kletterte vorsichtig vom Baum und fragte: «Was war los? Was hat der Bär dir gesagt?» Der Kleine sah den Grossen ernst an und antwortete: «Er riet mir, dir nicht mehr blind zu folgen, sondern meinem eigenen Verstand zu vertrauen.» Diesen Rat beherzigte der Kleine von diesem Tag an und suchte sich seine Freude besser aus.

Fassung Anina Meile, nach: E. Schleberger, Märchen aus Sri Lanka, Köln 1982, © Mutabor Märchenstiftung

Die Schuld abschieben

Es lebte einmal ein König. Sein Palast war prächtig und voller Kostbarkeiten. Eines Nachts drangen drei Diebe in den Palast ein. Sie füllten ihre Taschen mit Schmuck und Edelsteinen. Danach flohen sie. Doch die Wachen hörten das Getrampel und schnitten den Dieben den Weg ab. Am nächsten Morgen wurden sie vor den König gebracht und dieser fragte: «Habt ihr meinen Schatz gestohlen? Seid ihr schuldig oder nicht schuldig?»
Die Diebe antworteten: «Wir sind unschuldig, denn es war sehr leicht, in den Palast zu kommen. Als die Mauern gebaut wurden, hat der Maurer wohl keine gute Arbeit gemacht und mit dem Mörtel gespart. Darum ist der Maurer schuldig.» Das leuchtete dem König ein und er liess den Maurer zu sich bringen. «Hast du beim Bau meiner Palastmauern zu wenig Mörtel benutzt? Bist du schuldig oder nicht schuldig?»
"Ich bin unschuldig!" antwortete der Maurer. «Denn der Gehilfe, der den Kalk für den Mörtel gemischt hat, war unzuverlässig. Darum ist er schuldig.»
Nun liess der König den Gehilfen suchen und in den Palast führen. Er fragte ihn: «Hast Du den Kalk schlecht gemischt, als Du diesem Maurer beim Bau meiner Mauern geholfen hast? Bist Du schuldig oder nicht schuldig?»
"Ich bin unschuldig!" sagte der Gehilfe. Er erklärte: «Als ich nämlich daran war, den Kalk zu mischen, da spazierte ein wunderschönes Mädchen an mir vorbei. Sie war so schön, dass ich meine Arbeit vergass. Darum ist wohl das Mädchen schuldig.»
Auch das Mädchen wurde zum König gebracht. «Hast du den Gehilfen von seiner Arbeit abgelenkt, als er den Kalk für den Mörtel der Palastmauern mischen sollte? Bist du schuldig oder nicht schuldig?»
«Ich bin unschuldig!», flüsterte das Mädchen. «Eigentlich sollte ich an diesem Tag gar nicht an eurem Garten vorbeigehen. Doch der Goldschmied hat meinen Schmuck zu spät fertiggestellt und rief mich erst am Tag, als der Gehilfe den Kalk anmischte. Der Goldschmied ist also schuldig.» So wurde nun also der Goldschmied in den Palast gerufen. «Hast Du den Schmuck dieses schönen Mädchens zu spät fertiggestellt, sodass sie den Gehilfen meines Maurers ablenken konnte? Bist du schuldig oder nicht schuldig?»
«Ich bin unschuldig!» beteuerte auch der Goldschmied. Nun wurde der König ungeduldig. Wütend schrie er den Goldschmied an: «Wer trägt dann die Schuld, dass Diebe in meinen Palast eindringen konnten und mich beraubt haben? Der Schuldige soll durch die starken Stosszähne meines Elefanten an diesem Felsen zu Tode gedrückt werden!»
Daraufhin war es lange still. Schliesslich antwortete der Goldschmied: «Verehrter König, das Mädchen konnte den Schmuck nicht am vereinbarten Tag abholen, weil ihr den Befehl gegeben habt, euren Ring als Erstes fertigzustellen. Sagt, wer trägt nun die Schuld?»
Nun schwieg auch der König. Dann sprach der Goldschmied: «Es ist schade um die schönen Stosszähne, wenn der Elefant den Dieb am Felsen zerdrücken muss.»
Das fand auch der König und er liess er alle frei: Den Goldschmied, das Mädchen, den Gehilfen, den Maurer und zuletzt sogar die Diebe.

Fassung Anina Meile, nach: E. Schleberger, Märchen aus Sri Lanka, Köln 1982, © Mutabor Märchenstiftung

 

 


Märchen aus dem Sudan

Die Geschichte des Sudans reicht bis weit in die Pharaonenzeit zurück. In der jüngeren Vergangenheit war der Sudan Teil der Britischen Kolonien und erlangte erst 1956 seine Unabhängigkeit. Verschiedene Krisengebiete innerhalb des Landes und Bürgerkriege prägen die Geschichte und Gegenwart der Region. Bis zur Loslösung des Südsudans im Jahr 2011 war der Sudan der grösste Flächenstaat Afrikas, aber auch der ärmste der Welt. 60% der Bevölkerung leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit. Auch innerhalb der neu gebildeten Staaten gibt es Konflikte und Millionen Menschen sind auf der Flucht. Viele von ihnen sind Binnenflüchtlinge. Aber auch in die Schweiz flüchten die Menschen. 

Märchen: 
Die Himmelskette
Das goldene Mädchen aus dem Kürbis
Der Hase, der Elefant und das Nilpferd
 


Die Himmelskette

Früher, vor langer, langer Zeit, war der Himmel dunkel und schwarz. Da waren kein Mond und keine Sterne. Aber auch den Tod gab es damals nicht. Wenn die Menschen alt und müde wurden, kletterten sie an einer Kette in den Himmel hinauf und verschwanden über den Wolken. Damals lebte im Volk der Bamana ein Schmied. Er hiess Fasogo Ba Si. Er war ein geschickter Handwerker, doch er war immerzu traurig, denn er hatte keine Söhne, die ihm bei der Arbeit halfen. Er freute sich über seine drei Töchter, aber ein Jahr über das andere verging und er wartete vergebens auf einen Sohn. So musste er all die schweren Arbeiten, die sonst die Söhne übernahmen, allein machen: Die Kohlen brennen, den Blasebalg ziehen.  Mit der Zeit wurde er müde und sprach: „Ich habe genug, ich gehe zum Himmel!“. Die Leute im Dorf sagten: „Warte noch ein wenig, sicher wird bald ein Sohn geboren und dann kannst du dich freuen!“ Fasogo Ba Si hörte auf ihren Rat und blieb. Er wartete ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, eine lange Zeit. Doch an einem Tag, als er müde den Blasebalg zog und ein Stück Eisen im Feuer erhitzte, hatte er genug. Mit dem rotglühenden Eisen in der Hand ging er zur Himmelskette und kletterte daran hinauf. Seine drei Töchter sahen, wie der Vater über den Wolken verschwand und sie sagten: „Wir wollen bei ihm sein, damit er nicht allein ist.“ Auch sie verschwanden über den Wolken. Doch seit diesem Tag war die Himmelskette verschwunden und niemand konnte mehr in den Himmel klettern. So kam der Tod auf die Erde. Die Menschen wurden alt, starben und wurden in die Erde gebettet. In der dunklen Nacht aber kann man das glühende Eisen sehen, das Fasogo Ba Si geschmiedet hat. Als Sichel steigt es am Abendhimmel auf. Jeden Tag sieht man etwas mehr davon und wenn die Scheibe rund ist, rufen die Menschen auf der Erde: „Seht, der Schmied hat seine Arbeit vollendet!“ Neben dem Mond sieht man drei kleine Sterne leuchten, das sind die Töchter des Schmiedes und bis heute sind die Bamana berühmt für ihre Schmiedekunst.

Mythe der Bamana (Mande), SudanFassung Djamila Jaenike, nach: L. Frobenius, Dämonen des Sudan,Jena 1924 unter dem Titel: Ich habe genug, ich gehe in den Himmel © Mutabor Märchenstiftung

 

Das goldene Mädchen aus dem Kürbis

Es war einmal ein Mann, der hatte eine Frau, die kein Kind bekam. Sie weinte deswegen viel. Einmal bat sie Gott: «Gib mir ein Kind, und wenn es nur ein Kürbis ist!» Nach einiger Zeit gebar sie einen Kürbis. Die Frau sagte: «Gott hat mir das gegeben, um was ich ihn gebeten habe.» Sie wusch den Kürbis, rieb ihn mit Rotholz ein und rief eine Dienerin:  «Kümmere dich um den Kürbis, wie man sich um ein Kind kümmert!» Die kleine Dienerin nahm den Kürbis und trug ihn spazieren. Sie ging vor die Stadtmauer, damit der Kürbis im Busch spielen könnte wie andere Kinder. Abends trug sie den Kürbis wieder heim und legte ihn auf seine Matte. Drei Jahre lang kümmerte sich die Dienerin um den Kürbis. Eines Tages waren sie wieder vor der Stadtmauer und der Kürbis lag auf dem Schoss der Dienerin. Da sprach der Kürbis: «Ich will mit dir sprechen!» Die Dienerin sprang erschrocken auf: «Du sprichst!» Der Kürbis sagte: «Ja, ich spreche, aber du musst keine Angst haben.» Der Kürbis sprang auf und aus dem Kürbis kam ein kleines Mädchen heraus, das war wunderschön. Noch nie hatte jemand ein so schönes Mädchen gesehen. Es war ganz und gar mit Gold geschmückt. Das Kürbismädchen spielte mit der Dienerin, dann sagte es: «Ich gehe wieder in meinen Kürbis, dann kannst du mich nach Hause bringen. Verrate aber meiner Mutter nichts, auch meinem Vater nicht.» So ging das Kürbismädchen wieder in den Kürbis, dieser schloss sich und die Dienerin trug den Kürbis heim. So ging das nun jeden Tag, die Zeit verging und das Kürbismädchen wuchs heran. Einmal kam ein Pferdebursche an der Stadtmauer vorbei, um Gras für das Pferd seines Herrn zu schneiden. Er sah die Dienerin am Boden sitzen, mit einem Kürbis auf dem Schoss. In diesem Augenblick sprang der Kürbis auf und ein Mädchen kam heraus, das war so schön, so goldgeschmückt und glänzend, dass der Pferdebursche seine Augen nicht abwenden konnte. Er lief zu seinem Herrn und sagte: «Ich habe ein Mädchen gesehen, das ist so wunderschön, schöner als alle Mädchen dieser Welt, es war vor dem Stadttor im Busch!» Der Herr schüttelte den Kopf und sagte: «Das muss wirklich etwas Besonderes gewesen sein, du bist ja ganz ausser dir.» Am nächsten Morgen begleitete der reiche Herr den Pferdeburschen zum Stadttor. Sie versteckten sich und mussten nicht lange warten, da kam die Dienerin mit dem Kürbis, setzte sich auf den Boden, der Kürbis sprang auf und heraus kam das schönste Mädchen, das der Mann je gesehen hatte. «Sie ist eines Königs würdig», dachte er. Der Herr ritt zum Königspalast, liess sich vor den König bringen und erzählten im alles. «Das ist ganz ausserordendlich!», rief der König aus, «dieses Mädchen will ich heiraten. Lasst den Vater des Kürbismädchens zu mir kommen.»Die Bediensteten holten den Mann und brachten ihn vor den König. «Ich bitte dich: Gib mir dein Kürbiskind zur Frau.»
«Man kann doch keinen Kürbis heiraten!», rief der Mann aus. «Aber wenn ihr es wünscht, will ich euch den Kürbis zum Geschenk machen.»
«Aber nein,» meinte der König, «du sollst mein Schwiegervater werden und mir den Kürbis anvertrauen. In ein paar Jahren werde ich dann den Kürbis heiraten.»
Der Vater des Kürbismädchens schüttelte den Kopf und sagte: «Wenn du es wünschst mein König, dann sei es so. Wenn du glaubst, dass du einen Kürbis heiraten kannst, dann gebe ich dir das Kürbiskind zur Frau.» Der König übergab dem zukünftigen Schwiegervater Perlen und schöne Kleider für die Schwiegermutter und der Vater kehrt nach Hause zurück. Es vergingen einige Jahre, da schickte der König einen Boten zu dem Mann mit dem Kürbiskind und liess ausrichten, dass er den Kürbis in zehn Tagen hole.
​​​Nach zehn Tagen heiratete der König das Kürbiskind. Viele Leute kamen, um das Kürbiskind zu sehen. Die Dienerin trug den Kürbis in das Haus des Königs. Alle Leute riefen: «Der König hat das Kürbiskind geheiratet! Der König hat das Kürbiskind geheiratet!» Der König fragte die Dienerin: «Was muss ich tun, damit ich das Kürbismädchen sehen kann?»
«Du musst warten, bis die Nacht kommt», sagte die Dienerin. «Dann kommt das Mädchen heraus, um ein Bad zu nehmen. Sobald sie den Kürbis verlassen hat, nimm den leeren Kürbis und verstecke ohn.» Der König wartete. Als es dunkel wurde, versteckte er sich, bis sich der Kürbis bewegte und aufsprang. Die Kürbisschalen fielen auseinander und herauskam eine junge wunderschöne Frau, goldgeschmückt. Der König schaut und schaut und konnte seine Augen nicht mehr abwenden. Dann schlich er näher, nahm die beiden Kürbisschalen und versteckte sie. Als das Kürbismädchen gebadet hatte, kehrte es in sein Zimmer zurück, setzte sich auf das goldene Bett und fragte: «Wo ist mein Kürbis? Ich kann meinen Kürbis nicht sehen?»
Die Dienerin sagte: «Ich sah einen Mann hereinkommen und schnell wieder hinausgehen. Vielleicht hat er den Kürbis mitgenommen.» Das Kürbismädchen weinte, doch die Dienerin tröstete sie: «Weine nicht, morgen wird alles gut werden.» Das Kürbiskind schlief ein.
​​​​​​Der König liess am andern Morgen die Trommeln schlagen für seine neue Frau. Er betrat ihr Zimmer und sprach die lieblichsten Worte zu ihr. Sie aber sass auf ihrem goldenen Bett und sprach kein Wort. So ging das einige Tage lang. Der König war sehr betrübt. Er ging zur Dienerin und sagte: «Was muss ich tun, damit meine Frau mit mir spricht?»
«Stellt einen grossen Topf mit Wasser auf zum Baden und steigt mit den Kleidern hinein.» Der König liess einen grossen Topf in das Zimmer des Kürbismädchens bringen und mit Wasser füllen. Dann stieg er mitsamt den Kleidern hinein. Das Kürbismädchen begann zu lachen und sagte: «Wenn alle Männer auf diese Weise baden, ist dies ein seltsames Land.»
«Das Kürbismädchen spricht!», rief der König erfreut und stieg aus dem Bad. «Bringt mir trockene Kleider!»
Bis heute ist es so, dass eine Frau nach der Hochzeit erst mit ihrem Mann spricht, wenn er ein Bad genommen hat.Wenn man aber Gott um etwas bittet, soll man ihn um etwas Vernünftiges bitten und nicht um etwas so Verrücktes wie die Frau, die um das Kürbiskind bat.

Märchen aus dem Sudan, aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag 


Der Hase, der Elefant und das Nilpferd

Es lebte einmal ein Hase. Der hatte sich vom Elefanten ein Seil geliehen. Und auch beim Nilpferd hatte sich der Hase ein Seil geliehen. Immer wenn er den Elefanten oder das Nilpferd traf, fragten sie ihn nach ihrem Seil. «Wann gibst du mir mein Seil zurück?» Das ärgerte den Hasen und er dachte sich einen Plan aus. Am nächsten Tag nahm er eines der beiden Seile um die Schulter und machte sich auf den Weg zum Elefanten. «Hier, nimm das Seil, ich gebe es dir zurück.» Mit schnellen Schritten verschwand er, rannte zum Nilpferd und rollte dabei das Seil ab. Dem Nilpferd gab er das andere Seilende und sagte: «Hier, nimm das Seil. Ich gebe es dir zurück.» Dann hüpfte er fröhlich davon. Sowohl das Nilpferd als auch der Elefant folgten dem Seil. Sie liefen durch den Busch, bis sie einander in der Mitte des Seils gegenüberstanden. Sie sahen sich verwundert an. «Du? Der Hase schuldet mir ein Seil. Er hat mir dieses hier zurückgegeben.»
«Das hat er mir auch gesagt.» antwortete der Elefant. «So ein Schurke. Ich werde ihm verbieten, jemals wieder in den Wald zu kommen.»
«Und ich verbiete ihm, ans Wasserloch zu kommen und zu trinken. So ein Schelm», entschied das Nilpferd.
Der Hase hatte die beiden aus einem Gebüsch belauscht und alles gehört. Wo sollte er nun trinken, wenn er nicht mehr ans Wasserloch durfte und wo sollte er sich verstecken, wenn er nicht mehr in den Wald gehen konnte? Er hoppelte leise davon. Am Waldrand fand er das Fell einer Gazelle. Als er den Elefanten kommen hörte, kroch er in das Fell und liess es wackeln als wäre die Gazelle noch lebendig. Dabei stiess er ein lautes Stöhnen aus. Der Elefant näherte sich und fragte: «Du arme Gazelle. Erzähl, was ist mit dir geschehen? Wer hat dir das angetan?»
Der Hase sprach mit verstellter Stimme aus dem Fell heraus: «Ich habe den Hasen geärgert und daraufhin hat er mich mit einem Wort so schlimm verletzt, dass ich nun sterben muss.»
«Oh, wer hätte gedacht, dass der Hase so gefährlich ist. Wenn Du ihn noch einmal siehst, sag ihm, dass er wieder in den Wald kommen darf.» Mit diesen Worten drehte sich der Elefant um und verschwand so schnell er konnte. Als er das Trampeln des Elefanten nicht mehr hörte, ging der Hase mit dem Fell der Gazelle über dem Kopf zum Wasserloch. Er liess das Fell wackeln und stöhnte laut. Das Nilpferd tauchte auf und rief: «Was ist los, du arme Gazelle?»
«Ich habe den Hasen geärgert und daraufhin hat er mich mit einem Wort so schlimm verletzt, dass ich nun sterben muss», klagte der Hase aus dem Fell der Gazelle.
«Der Hase hat dir das angetan? Ich hätte nicht gedacht, dass er so mächtig ist. Wenn du ihn noch einmal siehst, sag ihm, dass er wieder an das Wasserloch kommen darf», antwortete das Nilpferd, tauchte ins Wasser und verschwand. Der Hase aber schlüpfte aus dem Fell, putzte sich den Pelz und hoppelte zufrieden davon. 

Märchen der Malinke, Sudan, Fassung Anina Meile, nach: C. Monteil, Contes Soudanais, Paris 1905, unter dem Titel: Le lièvre, l’éléf^phant et l’ Hyppoptame © Mutabor Märchenstiftung

 


Kurdische Märchen

Die 25-30 Millionen Menschen mit kurdischen Wurzeln gelten heute als eines der grössten Völker ohne eigenen Nationalstaat. Denn Kurdistan gibt es offiziell nicht. Zwar gibt es immer wieder Bestrebungen, einen autonomen kurdischen Staat zu gründen, doch bis heute ist es lediglich ein nicht genau definiertes Gebiet, welches sich über Syrien, Iran, Irak und der Türkei erstreckt. In den vergangenen Jahrzehnten erlangten die Kurden besonders durch den Konflikt zwischen der Türkei und der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, eine traurige Berühmtheit.

Märchen: 

Kurdische Gastfreundschaft
Die Liebe durch die Schmschallflöte
Der zehnte Sohn des Schäfers


Kurdische Gastfreundschaft

Es war einmal ein Mann, der lebte auf dem Dorf, wo jeder jeden kannte, und jeder bei jedem zum Essen willkommen war. Er war noch nie aus seinem Dorf herausgekommen, seine Freunde aber, die viel reisten sprachen: «Du musst mal in die Stadt. Dort ist es schön und es gibt Dinge, die du noch nie gesehen hast.» Endlich beschloss er, sich die Stadt anzuschauen. Der Weg war lang und als er endlich hinkam, war er hungrig. Er lief durch die Strassen, staunte über die herrlichen Häuser und Paläste. Er sah Moscheen und riesige Basare, doch ihn plagte vor allem eines: Sein Hunger. Von Zuhause hatte er ein wenig Schafsskäse mitgenommen, er brauchte nun noch ein paar Nan, Fladenbrote, um satt zu werden. Da kam er an einer Bäckerei vorbei. Er bat um fünf Fladenbrote, legte den Schafskäse darauf, und ass alles mit Genuss. Dann bat er um Wasser, wusch sich Hände und Gesicht, und verliess den Laden.
«Halt!», rief der Bäcker, «du hast noch gar nicht bezahlt!»
«Wofür sollte ich bezahlen?», fragte der Mann.
«Für die fünf Fladenbrote!», antwortete der Bäcker verärgert.
Der Mann überlegte, dann sagte er: «Jeden Tag kommen meine Freunde und essen bei mir, aber noch nie hat jemand für das Fladenbrot bezahlt. Sollte sich das ändern, dann bringe ich dir das Geld». Dann drehte er sich um und ging davon.

Kurdisches Märchen, Fassung Djamila Jaenike, nach: L.-C.Wentzel ,Kurdische Märchen 1978, © Mutabor Märchenstiftung 


Die Liebe durch die Schmschallflöte

Im Stamm der Jaff lebte einmal ein reicher Mann. Mitten in der weiten Landschaft besass er ein prächtiges Haus. Er hatte viele Töchter, jedoch keinen Sohn. So suchte er nach einem tüchtigen Hirten für seine grossen Herden. Endlich fand er einen jungen Mann und sagte zu ihm: «Schau, ich habe keinen Sohn. Wenn du willst, so kannst du bei mir bleiben und meine Tiere hüten. Du bekommst einen guten Lohn und wenn du alt genug bist, kannst du eine meiner Töchter heiraten.» Der junge Mann war einverstanden und brachte nun tagein tagaus die Herden auf den Berg zum Weiden. Oben zog er seine Hirtenflöte hervor und spielte, bis er die Tiere am Abend wieder zurückbrachte.
Einmal führte er die Tiere weit oben über dem Bach auf den Berg, als Räuber kamen, ihn fesselten und versuchten die Tiere zu stehlen.
«Bitte!», rief der Hirte, «Lasst meine Hände frei, so kann ich für euch ein wenig auf der Flöte spielen!»
«Er hat recht», meinte einer der Räuber, «weglaufen kann er nicht, soll er doch für uns spielen.» Sie lösten die Hände des Hirten, und dieser begann auf seiner Hirtenflöte zu spielen. Er hatte aber von weit oben gesehen, dass eine der Töchter seines Herrn mit dem Sieb auf dem Kopf das Haus verliess. Er kannte sie gut und liebte sie schon seit langem. Er spielte auf seiner Schmschallflöte ein Lied:

Hay tal wa sara hay bedschin wa sara
Taschaupauakay malle bawkit day la kali chayuara

Oh Du Schöne mit dem Haarreifen,
Du Trägerin des Siebes
Die Herde deines Vaters
liegt gefangen am Fluss.

Das Mädchen hörte die Flöte, erkannte den Klang ihres Liebsten und verstand sogleich die geheimen Worte. Sie rannte zurück zum Haus und rief: «Vater, Vater! Die Herde ist am Fluss, Räuber haben den Hirten gefangen!»
«Woher weisst du das?», fragte der Vater.
«Ich habe seine Flöte gehört!»
Der Vater und ihre Schwestern lachten und sagten: «Du bist verliebt und hast geträumt! Woher willst du wissen, was die Flöte erzählt? Wir konnten gar nichts hören.»
«Er rief mit seiner Flöte. Bitte geht hin und schaut nach, ob er Hilfe braucht.»
Da lenkte der Vater ein. Er nahm ein Pferd und ritt in die Nähe des Flusses. Dort sah er, wie die Räuber die Herde wegbringen wollten und der Hirte gefesselt vorausgehen musste.
Er kehrte zurück und rief verzweifelt: «Du hattest recht. Es sind viele Räuber, und sie führen die Herde und den Hirten fort. Es ist zu spät, um Hilfe zu holen. Ich allein kann nichts gegen die Räuber machen, was sollen wir bloss tun?»
«Ich weiss, was du tun kannst», sagte die Tochter. «Nimm den Hor, den grossen Getreidesack, fülle ihn mit Asche und mache ein Loch hinein. Dann reitest du zum Fluss, machst viel Lärm und schlägst immer wieder auf den Sack, so dass es aussieht wie eine grosse Staubwolke.»
Schnell nahm der Vater den grossen, gefüllten Sack, band ihn auf das Pferd und galoppierte los. Als er in die Nähe der Räuber kam, schoss er mehrfach in die Luft.  Dann schlug er auf den Sack, so dass eine riesige Staubwolke in die Luft stieg. Die Räuber hörten die Schüsse, sahen die Staubwolke und riefen: «Flieht, es sind tausend Männer, die uns verfolgen!» Sie liessen die Herde und den Hirten zurück und ritten davon.
Der Vater befreite den Hirten und gemeinsam brachten sie die Herde sicher nach Hause zurück. «Du hast unseren Reichtum und damit unsere Familie gerettet», sprach er zum jungen Mann. «Und du, meine Tochter hast sein Lied verstanden, weil du in seinem Herzen lesen kannst. So soll bald Hochzeit sein.» Es wurde Hochzeit gefeiert, und die beiden Liebenden bekamen die Herde und allen Reichtum des Vaters als Geschenk.

Fassung Djamila Jaenike, nach: B. Bahrami, Kurdische Volksmärchen aus den mündlichen Erzählungen des Jaff -Stammes, 2016. Der Text des Liedes wurde frei übersetzt.© Mutabor Märchenstiftung 

Der zehnte Sohn des Schäfers

Es war einmal ein Padischah. Unermesslich waren seine Reichtümer, grenzenlos seine Länder, aber er hatte keinen Thronfolger. Erst im Alter wurde ihm eine Tochter beschert. Der glückliche Vater ließ ein üppiges Gelage zu Ehren ihrer Geburt richten, dann berief er die ältesten Weisen, befahl ihnen, in ihren Zauberbüchern nachzuschlagen und ihm zu sagen, wen seine Tochter heiraten, wem er sein Reich vererben würde. Die Weisen blätterten in ihren Büchern und antworteten dem Padischah, dass seine Tochter den zehnten Sohn eines armen Schäfers zum Manne nehmen würde, der ein Muttermal auf der linken Schulter habe. Da erzürnte der Padischah und rief: „Was für eine Schmach, wenn meine einzige Tochter die Frau eines armen Mannes wird! Das lasse ich nicht zu, solange ich lebe.» Er befahl, die Weisen in einem hohen Turm einzukerkern. Er und sein Wesir verkleideten sich sodann als Derwische und brachen auf, um den Schäfersohn zu finden, der nach der Prophezeiung der Weisen der Mann seiner Tochter werden sollte, denn er wollte ihn finden und umbringen. Über kurz oder lang erreichten sie ein Dorf. Am Dorfrand stand eine alte, windschiefe Hütte, die einem armen Schäfer gehörte. Der Wesir sagte: „O Herr, bei unserer Reise sind wir immer bei den Reichen eingekehrt, lass uns diesmal bei einem Schäfer übernachten.“Der Padischah liess sich die Sache durch den Kopf gehen und stimmte zu. Die beiden ritten also wieabeschlossen zur Hütte. Der Schäfer hatte neun Söhne, einer immer kleiner als der andere. Sie hatten draußen gespielt und die beiden Reiter kommen sehen. Der älteste Sohn lief ins Haus und sagte:„Vater, zwei Derwische kommen zu uns.“ Der Schäfer trat vor die Schwelle, verneigte sich vor den beiden Reitern, half ihnen von den Pferden und begrüßte sie: „O ihr Derwische! Gäste sind Gesandte Allahs. Kommt ins Haus, ruht euch aus und nehmt einen Imbiss.“
Der Padischah und der Wesir stiegen ab und betraten die Hütte. Der Schäfer war ein armer Mann, er besaß nur ein einziges Schaf. Er schlachtete es und bereitete einen Schaschlik für die Gäste. Der Padischah aß davon und sagte: „Noch nie habe ich eine so köstliche Speise gegessen. Sag, braver Mann, wie hast du diesen Schaschlik zubereitet?“
„O Derwisch, das Einzige was wir Schäfer können, ist Schaschlik machen. Diese Kunst vererbt sich von den Großvätern auf die Väter und von den Vätern auf die Söhne. So hat auch mein Vater mir beigebracht, einen Schaschlik zuzubereiten, den selbst der Padischah essen könnte.“ Es wurde Abend. Der Schäfer bereitete seinen Gästen das Lager, und alle legten sich schlafen. Als der Padischah und der Wesir am nächsten Morgen erwachten, sagte ihnen der Schäfer, daß ihm in dieser Nacht der zehnte Sohn geboren worden sei. „Zeig uns das Knäblein“, bat der Padischah. Der Schäfer brachte den Kleinen, wickelte ihn aus und zeigte ihn den Gästen. Das Kind war gesund und schön, auf seiner Schulter sah man ein großes Muttermal. Der Schäfer erzählte den Gästen, eine alte Zauberin hätte weisgesagt, dass der Knabe einst die einzige Tochter des Padischahs heiraten würde. Da wusste der Padischah, dass es der Knabe war, von dem die Weisen gesprochen hatten, und sann, wie er ihn beseitigen könne. 
Mittlerweile hatte der Schäfer das Frühstück gerichtet und bat seine Gäste mit den Worten zu Tisch: „Glücklich das Haus, das Derwische besucht haben! Setzt euch an den Tisch, liebe Gäste.“ Der Padischah antwortete: „Guter Mann, ich werde dein Brot nicht essen, bevor du nicht meine Bitte erfüllst.“ Der Schäfer antwortete sogleich: „O Derwisch, ich habe nichts, was du brauchen könntest. Iss meine Speisen, danach wollen wir miteinander reden.“
„Nein, guter Mann, bevor du nicht versprichst, meine Bitte zu erfüllen, rühre ich keinen Bissen an.“ Der Schäfer überlegte und willigte ein. Die Gäste langten zu, und nach dem Essen sagte der Padischah: „Du hast versprochen, mir meine Bitte zu erfüllen.“
„Sprich, o Derwisch, was wünschst du?“
„Ich bin ein alter Mann und habe keine Söhne. Gib mir deinen Jüngsten. Du bist arm, bei mir aber soll er es guthaben. Ich wiege ihn dir mit Gold auf.“
„Hat man je gehört, dass einer den leiblichen Sohn einem Fremden hergibt?“
„Du hast versprochen, mir meine Bitte zu erfüllen.“
Der Schäfer ging hinaus, um sich mit seiner Frau zu beraten, und sie sagte ihm: „Da du versprochen hast, die Bitte zu erfüllen, so gib ihm den Sohn, zumal wir nicht wissen, wie wir die übrigen durchfüttern sollen. Mit dem Gold können wir alle anderen Kinder großziehen, unserem Jüngsten ist ohnehin ein glückliches Los prophezeit worden. Schau, auf seiner Schulter ist ein Muttermal, und das ist ein glückliches Zeichen. Selbst bei fremden Leuten wird es ihm nicht schlechtgehen.“ Sie legten den Kleinen auf die Schale einer Waage, auf die andere schüttete der Padischah Goldmünzen, bis beide Waagschalen im Gleichgewicht waren. Der Schäfer erhielt das Gold, der Padischah aber nahm den Knaben und ritt mit seinem Wesir davon. Nachdem sie eine Weile geritten waren, fanden sie in einem Dorf einen Schreiner und trugen ihm auf, einen Kasten zu zimmern. Der Schreiner verfertigte den Kasten, und sie ritten weiter. Über kurz oder lang erreichten sie einen Fluß. Der Padischah legte den Knaben in den Kasten und warf ihn ins Wasser.
Es vergingen viele Jahre. Einmal war der Padischah auf der Jagd. Sein Gefolge war zurückgeblieben, und er ritt allein durch den Wald. Wie er so dahinritt, kam er an einen Fluss, in dem einige Jungen badeten. Der Padischah zügelte sein Pferd, um ihnen beim Schwimmen und Tauchen zuzusehen und auf sein Gefolge zu warten. Plötzlich entdeckte er, dass ein junger Mann ein Muttermal auf der Schulter hatte. Da erinnerte sich der Padischah an jenen Jungen, dem bei der Geburt prophezeit worden war, dass er die einzige Tochter des Padischahs heiraten würde. Aber er konnte nicht glauben, dass es derselbe Junge sei, hatte er ihn doch in den Fluss geworfen. Der Padischah ritt an den jungen Mann heran und fragte ihn: „Sag einmal, wessen Sohn bist du?“
„Ich bin der Sohn des Müllers“, antwortete der Jüngling.
„Komm, zeig mir das Haus deines Vaters.“
Der junge Mann führte den Padischah zum Müller, der ihnen sogleich entgegenkam. „Salam aleikum“, grüßte der Padischah.
„Aleikum salam“, antwortete der Müller. Er kannte nicht den Padischah, weil der Padischah auf der Jagd kein kostbares Gewand trug. „Sei mein Gast, braver Mann! Gäste bringen Glück ins Haus“, ergänzte der Müller. Der Padischah stieg vom Pferd und betrat das Haus des Müllers. Nach der Bewirtung fragte er den Hausherrn: „Sage mir, hast du viele Kinder?“
„Der junge Mann, der dir den Weg zu meinem Haus gewiesen, ist mein einziger Sohn. Allah hat ihn mir vor achtzehn Jahren geschickt. Es geschah, dass meine Mühle eines Tages stillstand. Ich sah am Mühlrad nach und entdeckte einen Kasten, der in ihm steckengeblieben war, so dass es sich nicht drehen konnte. Ich zog den Kasten aus den Speichen, öffnete ihn und fand einen kleinen Jungen in ihm. Er wurde mein Sohn.“ 
Also stimmt's, dachte der Padischah und sprach: „Ich bin der Padischah dieses Landes. Ich möchte, dass dein Sohn ein Schreiben an meinen Wesir in den Palast bringt.“ Und schon schrieb der Padischah die Worte nieder: „Sobald dir dieser Jüngling mein Schreiben überreicht, lasse ihn hinrichten. Solltest du meinen Befehl nicht befolgen, lasse ich dich ins Verlies werfen.“ Der Padischah gab dem jungen Mann den Brief und sagte: „Hier hast du zehn Goldmünzen, geh in die Stadt, finde meinen Palast und überreiche dem Wesir meinen Brief. Aber zeige ihn niemandem außer meinem Wesir.“
Der junge Mann nahm den Brief und wanderte in die Stadt. Dort angekommen, erblickte er einen herrlichen Garten. In jenem Garten pflegte die einzige Tochter des Padischahs, die Schönste unter den Schönen, mit ihren Dienerinnen zu lustwandeln. Als der junge Mann zum Garten kam, spazierte die Tochter des Padischahs unter den Bäumen. Er blieb wie festgewurzelt stehen, denn noch nie hatte er ein Mädchen von solcher Schönheit gesehen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihr. Dann fiel ihm wieder der Brief ein, und er sagte dem Mädchen, er müsse in den Palast des Padischahs gehen. Da blickte die Tochter des Padischahs dem jungen Mann ins Gesicht und erstarrte, überwältigt von seiner Schönheit.
„Was willst du im Palast des Padischahs?“ fragte sie schliesslich.
„Ich habe dem Wesir ein Schreiben zu übergeben.“
„Zeig es mir“, bat sie. Der junge Mann hatte die strenge Weisung des Padischahs nicht vergessen, aber als er erfuhr, dass er die Tochter des Padischahs vor sich hatte, händigte er ihr das Schreiben aus. Nachdem sie es gelesen hatte, überlegte sie eine Weile, bat den Jüngling, etwas zu warten, und schrieb derweil den Brief um. Der neue Inhalt aber lautete: „Wesir, führe den Jüngling, der dir diesen Brief übergibt, in den Palast, kleide ihn wie einen Mann von edlem Stande ein und vermähle ihn mit meiner Tochter. Es soll eine Hochzeit werden, wie es zuvor noch keine gab. Wenn du meinen Befehl nicht ausführst, lasse ich dich köpfen.“ Die Tochter des Padischahs übergab dem Jüngling das Schreiben und erklärte ihm, wie er zum Wesir käme. Als er im Palast nach dem Wesir fragte, ließ ihn die Wache nicht passieren: „Was willst du von dem Wesir, junger Mann?“
„Ich muss ihm ein Schreiben des Padischahs übergeben.“
„Gib das Schreiben her, wir bestellen es selbst.“
Oh nein, der Padischah hat mir strengstens aufgetragen, es nur dem Wesir zu geben.“ Der Wesir las das Schreiben und ordnete sofort die Hochzeit an. Man kleidete den zehnten Sohn des Schäfers in die kostbarsten Gewänder, und er wurde noch schöner, als er gewesen war. Sieben Tage und sieben Nächte währte die Hochzeit. Es vergingen noch einige Tage, und der Padischah kehrte zurück. „Hast du meinen Befehl ausgeführt?“ fragte er den Wesir.
„Ich habe alles getan, wie du es verlangt hast, o mein Gebieter, wir haben eine Hochzeit gefeiert, wie es sie noch niemals gab.“
„Was für eine Hochzeit?“
„Jene, die du in deinem Schreiben angeordnet hast. Den Jüngling, der das Schreiben brachte, habe ich mit deiner Tochter vermählt.“Der Padischah wurde puterrot vor Zorn, konnte ab er nichts mehr ausrichten. Er begriff, dass jemand sein Schreiben vertauscht hatte und dass der zehnte Sohn des Hirten nunmehr der Gatte seiner einzigen Tochter war. So hat sich also doch erfüllt, was di e Weisen prophezeit haben, dachte er. Was in den Sternen geschrieben steht, ist offenbar nicht zu ändern.
So entging der Jüngling dem Tod und fand sein Glück.

Kurdisches Märchen, aus: V. Gazak, Das Buch aus reinem Silber, Düsseldorf 1984, sprachlich leicht angepasst, © Mutabor Märchenstiftung 

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Palästina

Seit dem Teilungsplan 1947 sind Vertreibung und Flucht aus der Heimat für über 720'000 arabische PalästinenserInnen Realität. Seit damals hat sich die Situation durch den ungelösten und immer wieder ausbrechenden Nahost-Konflikt weiter verschärft. Die UNO hat bereits 1949 ein eigenes Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge gegründet, die UNRWA. Die aktuelle Zahl der Flüchtlinge, mit deren Schutz die UNRWA beauftragt ist, beträgt 5,4 Millionen Menschen.

Märchen:

Dschuha und der König
Die drei Haare des Dämons
• Jbene


Die drei Haare des Dämons

In einem Königreich hauste einmal ein schrecklicher Dämon, ein Ghul. Er lebte in einer Höhle im Wald, nicht weit von der Stadt, in der der König lebte. Alle Menschen fürchteten den Ghul, denn er lockte Wanderer in den Wald, um sie zu verschlingen und frass die Tiere auf den Weiden.  Es wäre leicht gewesen, den Ghul zu töten, denn man musste ihm nur drei Haare ausreissen, aber niemand traute sich in die Nähe des Dämons. 
Nun hatte der König eine sehr schöne Tochter, und so liess er ausrufen: „Wer mir die drei Haare vom Ghul bringt, bekommt die Prinzessin zur Frau!“ Doch kein einziger der Prinzen und Edlen des Landes wagte sich in die Höhle des Dämons. In dem Land lebte jedoch ein junger Mann, der liebte die Prinzessin schon lange. Doch da er arm war, konnte er sie niemals heiraten. So beschloss er, sein Glück zu versuchen und den Ghul zu töten. Mutig ging er in den Wald, ohne zu wissen, ob er lebend wieder herauskam.  Es war noch hell, als er die Höhle erreichte, doch der Ghul war nicht zu Hause. Er war auf der Jagd nach Menschen. Da wagte er sich in die Höhle hinein. Dort sah er ein Mädchen in der Höhle sitzen und weinen.  Als es den jungen Mann sah, rief es: „Geh schnell fort, denn wenn der Ghul dich hier findet, wird er dich fressen! Mich frisst er nicht, weil er mich zur Frau haben will, dabei bin ich doch schon einem anderen Mann versprochen!“
„Ich bin gekommen, um den Ghul zu töten. Denn weisst du, ich möchte die Prinzessin heiraten und dafür brauche ich drei Haare vom Kopf des Ghul. Wenn man sie ausreisst, stirbt er. Vielleicht kannst du mir helfen, dann bist auch du frei?“
Das Mädchen schöpfte Mut und sagte: „Verstecke dich hier in dieser Nische, denn der Dämon kommt bald nach Hause. Ich will sehen, ob ich ihn überlisten kann.“ Kurz darauf kam der Ghul nach Hause. Er schnüffelte, knurrte vor Hunger, und rief: „Ich rieche Menschenfleisch, wo ist es?“
„Unsinn“, sagte das Mädchen. „Du hast den Geruch sicher selbst mitgebracht. Iss und ruh dich aus.“
Der Ghul ass alles, was das Mädchen ihm hingestellt hatte, legte sich dann hin und schlief ein. Das Mädchen setzte sich an sein Kopfende und wartete. Als der Ghul laut zu schnarchen begann, zupfte es ihm eines der Haare vom Kopf.
„Au! Was war das?“, rief der Ghul.
„Ich habe geträumt, dass du im Meer ertrinkst und nur dein Kopf aus dem Wasser ragte. Da habe ich dich an den Haaren herausgezogen“, antwortete das Mädchen.
„Nun gut, aber jetzt lass mich schlafen“, sagte der Ghul und schloss wieder die Augen. Das Mädchen wartete eine Weile, dann zupfte es das zweite Haar aus.
„Was war das?“, wollte der Ghul aufgebracht wissen.
„Ich habe geträumt, dass ich aus dem Boot gefallen bin, und beim Fallen habe ich nach deinen Haaren gegriffen, sonst wäre ich ertrunken. Gut, dass du mich mit deinem Schrei geweckt hast“, meinte das Mädchen.
Der Ghul glaubte ihren Worten, schlief ein und begann zu schnarchen. Da riss sie ihm das dritte Haar aus, und der Ghul starb auf der Stelle. Der junge Mann hatte alles beobachtet und sprang nun hervor. Das Mädchen gab dem jungen Mann die drei Haare, dann sammelten sie gemeinsam die Schätze des Dämons ein und machten sich auf den Rückweg. Überall wo sie hinkamen, riefen sie: „Der Ghul ist tot!“ Die Menschen jubelten und begleiteten sie in die Stadt.  Dort wartete der König bereits zusammen mit seinem Hofstaat und der hübschen Prinzessin. Der junge Mann verbeugte sich vor dem König und sprach: „Hier sind sie, die drei Haare des Ghul,“ er übergab sie dem König und zeigt ihm die Schätze, die sie mitgebracht hatten. Der König belohnte das Mädchen reichlich, der junge Mann aber bekam die Prinzessin zur Frau. Sie feierten viele Nächte. Auch wir waren dabei, sahen das Glück des jungen Hochzeitpaars, assen von ihrem Festmahl, gingen nach Hause und legen diese Geschichte in eure Hände.

Märchen aus Palästina, Fassung Djamila Jaenike, nach: I. Muhawi, S.Kanaana, Speak Bird, speak again, Palestinian Arab Folktales, Berkeley, Los Angeles, 1989, unter dem Titel „The brave lad“. Aus dem Englischen übersetzt von Anina Meile. © Mutabor Märchenstiftung 

 

 


Dschuha und der König

Dschuha ging beim König ein und aus und so kam es, dass der König ihn einmal fragte: «Dschuha, du kannst Vieles, kannst du auch eine ganze eisige Winternacht nackt draussen verbringen, ohne dich an einem Feuer zu wärmen?»
«Sicher kann ich das!», meinte Dschuha.
«Gut, wenn es dir gelingt erhältst du von mir ein königliches Geschenk.»
Voller Vorfreude auf das Geschenk verliess Dschuha den König. Noch am gleichen Tag wanderte er auf eine Bergspitze, zog seine Kleider aus und wartete frierend, dass die Nacht vorüber ging. Endlich kam der Morgen und Dschuha schlüpfte halb erfroren in seine Kleider und eilte in den Palast.
«Oh König, ich habe die letzte Nacht draussen verbracht, ohne Kleider und ohne mich an einem Feuer zu wärmen!», rief Dschuhe freudig.
«Nun, bist du sicher, dass du gar kein Feuer gesehen hast?», fragte der König.
«Nein, mein Herr. Nur in weiter Ferne sah ich ein winziges Licht.»
«Dann gilt es nicht!», rief der König, «sicher hast du dich daran gewärmt.»
«Aber es war doch viel zu weit weg …», sagte Dschuha , doch der König schickte ihn fort.
Die Sache ärgerte Dschuha sehr. Als der Sommer kam, lud er den König zu einem Essen im Garten ein.  Der König kam mit seinen Ministern und setzte sich in Dschuhas Gartenlaube.
«Ich bin beim Kochen», sagte Dschuha und verschwand hinter den Bäumen, wo er ein Feuer anzündete. Bald stieg Rauch auf und der König freute sich auf das Essen. Dschuha hängte die Töpfe über dem Feuer ganz oben in die Bäume, dann kehrte er zum König zurück.
Sie plauderten, die Mittagszeit verging und der König fragte: «Wo bleibt das Essen, Dschuha?»
«Ach, das dauert noch ein wenig», antwortete Dschuha.
Stunden vergingen, da verlor der König die Geduld und sagte: Jetzt will ich selber sehen, ob das Essen schon gar ist.» Mit seinen Ministern trat er zum Feuer und sah die Töpfe hoch oben in den Bäumen hängen. «Wie soll das Essen so gar werden, das Feuer ist viel zu weit weg?», rief der König empört.
«Ja, also ich dachte, wenn ich mich an einem Licht, das zwei Stunden entfernt war wärmen konnte in der Winternacht, dann müsste das Essen doch auch gar werden, wenn die Töpfe zwei Meter vom Feuer entfernt sind», antwortete Dschuha mit Unschuldsmiene.
Da verstand der König den Witz, lachte und sprach: «Du hast gewonnen, Dschuha! Setze die Töpfe auf das Feuer, du bekommst dein Geschenk.»
So assen bald alle einträchtig das herrliche Essen und Dschuha erhielt endlich das versprochene Geschenk!

Märchen aus Palästina, Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Assaaf-Nowak, Arabische Märchen, Frankfurt A. M. 1992, © Mutabor Märchenstiftung 


Jbene

In Palästina lebten einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich so sehr ein Kind, doch die Jahre vergingen, und die Frau wurde nicht schwanger. Einmal kam ein Verkäufer an ihrem Haus vorbei. Er verkaufte Jibne, Schafskäse. Als die Frau, die schönen, runden, weissen Käselaibe sah, rief sie: «Möge Allah mir eine Tochter schenken, so weiss, wie der Jibne!» Allah erhörte ihren Wunsch. Sie wurde schwanger und gebar eine Tochter, deren Gesicht so rund und weiss war, wie der Jibne. Sie gaben ihr den Namen Jbene. Jbene wuchs als einziges Töchterchen auf und wurde mit jedem Jahr hübscher. Schon bald kamen die jungen Männer zu ihr und fragten. «Jbene, willst du mit mir Tee trinken?», oder sie sagten: «Jbene, komm, ich lade dich zum Essen ein». Die anderen Mädchen wurden eifersüchtig und sagten: «Warum mögen die Männer Jbene lieber als uns? Was hat sie, was wir nicht haben? Wir wollen ihr eine Lehre erteilen!». Sie gingen zu Jbene und sagten: «Jbene, komm mit, wir wollen Dom  sammeln gehen!» Jbene wollte gerne helfen, also ging sie mit. Der Weg war lang und endlich kamen sie zum Sidarbaum. Es war ein grosser, hoher Baum und die Mädchen sagten: «Jbene klettere ganz oben in den Wipfel und wirf uns die besten Früchte herunter!» Also kletterte Jbene in den Baum hoch und sammelte die Früchte für die Mädchen, die ihre Körbe füllten.  Als ihre Körbe voll waren, sammelten die jungen Frauen Zweige, legten sie um den Baum und zündeten ein Feuer an. Jbene sass auf dem Baum und schrie erschrocken um Hilfe. Die jungen Frauen aber lachten sie aus, gingen nach Hause und liessen die arme Jbene allein. Still weinte Jbene auf dem Baum und sie klagte: «Wie kann ich wieder nach Hause kommen zu meinen Eltern? Bitte, bitte, ich habe solche Angst, jemand muss mir helfen!» Aber niemand hörte ihr Klagen. Als das Feuer heruntergebrannt war, kletterte Jbene hinunter. Sie nahm eine Handvoll Asche, rieb sie sich ins Gesicht und auf die Haut und sagte: «Ich will nicht mehr schön sein! Schön zu sein, brachte mir so viel Unglück.» Wie Jbene unter dem Baum sass, ganz schwarz vor Russ, kam der Sohn des Emirs vorbei. Er sah Jbene unter dem Baum sitzen und dachte, sie wäre eine Dienerin.  Er fragte ärgerlich «Was sitzt du hier? Geh und hüte die Schafe und Kamele!» und er zeigte zur Weide. Was sollte Jbene tun? Sie ging auf die Weide, setzte sich zwischen die Tiere auf einen Stein und begann leise zu weinen. Dann erzählte sie den Schafen und Kamelen ihre Geschichte. Die Tiere hörten auf zu fressen. Sie lauschten der Geschichte und als sie alles gehörten hatten, wurden sie so traurig, dass sie ebenfalls begannen zu weinen. Auch der Himmel hatte der Jbenes Geschichte gelauscht und auch er musste weinen. Die Tränen fielen vom Himmel und es begann zu regnen.  Die Tropfen wuschen Jbenes Gesicht und Haut.  Der Russ floss von ihrem Körper und ihre Schönheit kam wieder hervor und leuchtete wie die Sonne.   Der Sohn des Emirs hatte alles beobachtet und Jbenes Geschichte gelauscht. Er sah, wie die Tiere aufhörten zu fressen, wie sie begannen zu weinen und sogar der Himmel weinte. Und als er jetzt Jbenes wahre Schönheit sah, ging er zu ihr, bat sie um Vergebung und sagte. «Erzähle mir deine Geschichte.» Jbene erzählte ihm alles, was ihr widerfahren war. Der Sohn des Emirs lauschte er ihren Worten und eine grosse Liebe zu ihr erwachte in ihm. Als sie zu Ende erzählt hatte, fragte er sie: «Jbene, willst du meine Frau werden?»
Was denkt ihr? Hat Jbene eingewilligt? 
Sie feierten viele Tage und erlebte wunderbare Nächte. Ich war auch bei dem Fest und bin eben davon zurückgekehrt.Der Vogel dieses Märchens ist davongeflogen, um einem nächsten Platz zu machen.

Fassung Djamila Jaenike, nach: I.Muhawi, S.Kanaana, Speak, Bird, speak again, Palestinian Arab Folktales, Berkeley, Los Angeles, 1989 und der gleichnamigen Erzählung der Englischlehrerin Ghada Matar der UNRWA School in Gaza, © Mutabor Märchenstiftung

 

Irak

Mit Ausnahme einer kurzen Verschnaufpause zwischen 1988 und 1990 haben die Menschen im Irak seit Jahrzehnten keine Friedenszeiten mehr erlebt.  Andauernde Kämpfe zwischen der Armee und bewaffneten IS-Gruppen haben immer mehr Menschen im Irak zur Flucht gezwungen. Die humanitäre Krise im Land ist schlecht und Gewalttaten an der Tagesordnung. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) sind aktuell mehr als 1,4 Millionen IrakerInnen auf der Flucht. 

Märchen:
Der nicht zu erwartende Reisende
Der Schatz
Die Weisheit des Lebens


Der nicht zu erwartende Reisende

In Basra lebte einmal ein Mann, der wollte sein Glück suchen. Er ging immer nach Norden, und so kam er bald in die Wüste. Der Weg war lang, es war heiss und sein Durst war gross. Vor ihm war Wüste, hinter ihm war Wüste und nirgendwo ein wenig Wasser. Da sah er auf einmal eine Staubwolke, und bald erkannte er einen Reiter, der ritt so schnell, wie ein Vogel durch die Luft fliegt. Er war so froh, einen Menschen zu sehen, dass er dem Reiter zurief und ihn herbei winkte. Der Reiter ritt auf ihn zu, und das Pferd hielt vor ihm. „Bitte, kannst du mich auf deinem Pferd mit nach Norden nehmen. Weisst du, ich bin auf der Suche nach dem Glück, aber rund um mich ist nur Wüste. Ich bin müde und durstig und habe keine Kraft mehr.“
„Gerne nehme ich dich mit“, sagte der Reiter. „Doch du musst wissen, ich bin der Tod.“
Als der Mann dies hörte, erschrak er. Er sprang auf, wich zurück und rief: „Der Tod? Nein, dann reite alleine weiter und lass mich in Ruhe!“
„Wie du willst. Aber denk daran, du hattest mich zu dir gerufen.“ Schon ritt er auf dem Pferd schnell wie ein Vogel davon, nur eine Staubwolke war noch zu sehen. Der Mann aber ging nun zitternd und durstig weiter durch die Wüste. Es gab keinen Schatten, und die Sonne brannte glühend heiss. Seine Schritte wurden langsamer, schwerer und kürzer, bis er gegen Abend erschöpft in den Sand fiel. Im letzten Licht der Sonne sah der Mann einen Reiter auf einem blitzschnellen Pferd, der näher kam. Doch er war zu schwach, um zu rufen, so hob er nur leise die Hand. Der Reiter hielt das Pferd an und kam zu ihm.Er legte ihm die Hand auf die Augen und sagte: „Komm, nun kannst du Frieden finden“. Und als er ihn auf das Pferd hob und mit ihm davonritt, schien es dem Mann, als wäre er nie glücklicher gewesen.

Fassung Djamila Jaenike, nach: C. Hassan. N. A. Mustafa, Aku Maku. 42 irakische Märchen, Hanau 2014, © Mutabor Märchenstiftung 

 


Der Schatz

In Badgad lebte einmal ein Mann, der war sehr reich. Doch das Unglück kam über ihn, und er verlor alles, was er besass. Der Kummer und die Sorgen bedrückten ihn sehr, denn es blieb ihm nichts anderes übrig, als am nächsten Tag betteln zu gehen. In der Nacht aber hatte er einen Traum. Ein Mann erschien ihm und sagte: «Geh nach Ägypten, dort wirst Du einen Schatz finden!"
Am nächsten Morgen machte sich der Mann sogleich auf nach Ägypten. Nach einer langen Reise kam er erschöpft und hungrig dort an. Doch einen armen Bettler wollte niemand einlassen und so suchte er sich in einer Moschee eine Ecke zum Schlafen.
Aber mitten in der Nacht kamen Diebe in die Moschee und wollten sich dort verstecken. Die Soldaten verfolgten sie, doch den einzigen, den sie fanden, war der schlafende Mann. Sie packten den Armen, schlugen auf ihn ein und riefen: «Woher kommst du?»
«Ich komme aus Bagdad, doch schlagt mich nicht mehr, ich bin unschuldig!»
«Aus Bagdad? Und was macht du dann hier in dieser Moschee?»
«Ich habe geträumt, dass ich hier einen Schatz finde.»
Da lachte der Soldat und sagte: «Was bist du nur für ein Dummkopf! Vor Jahren hatte ich auch einen Traum. Da kam eine Stimme die sagte: ›Geh in Badgad zu einem Haus mit einem grossen Maulbeerbaum davor, dort unter dem Baum wirst du einen Schatz finden.› Aber ich bin nicht so dumm wie du, ich bin hier geblieben und arbeite. Hier nimm diese paar Groschen und geh wieder nach Hause nach Bagdad.»
Der Arme nahm die Groschen und machte sich so schnell er konnte auf den Weg zurück nach Bagdad. Müde kam er zu seinem Haus, betrachtete zufrieden den prächtigen Maulbeerbaum, der davorstand. Dann griff er nach einem Spaten und begann zu graben. Es dauerte nicht lange, da kam ein grosser Schatz zum Vorschein, und der Mann lebte von nun an reich, zufrieden und glücklich bis an sein Lebensende.

Fassung Djamila Jaenike, nach: C. Hassan. N. A. Mustafa, Aku Maku. 42 irakische Märchen, Hanau 2014, © Mutabor Märchenstiftung

 


Die Weisheit des Lebens


In einer Stadt am Ufer des Tigris trafen sich gern die Weisen und die Gelehrten aus der ganzen Welt, um jungen Menschen in ihrem Wissen zu unterweisen. Unter den Schülern war auch ein junger Mann, der besonders eifrig lernte. Einmal hörte er, wie ein Gelehrter Folgendes erzählte: „Ich habe einen Weisen getroffen, der alle Weisen in dieser Welt übertrifft, und doch lebt er ohne Ruhm in einer Schmiede und arbeitet dort, wie vor ihm sein Vater und sein Grossvater.“ Von nun an musste der junge Mann immer an den Weisen denken und so bat er seine Eltern: „Bitte, lasst mich ziehen und beim weisen Schmied lernen!“ Doch die Eltern wollten ihn nicht gehen lassen. „Du weisst doch schon so viel. Du bist gelehriger als alle anderen Schüler. Warte, bis du älter bist, bevor du auf die Reise gehst.“ Doch in dem jungen Mann brannte die Ungeduld, und so blieb er zwar zu Hause, doch er wurde krank und es ging ihm mit jedem Tag schlechter. Da liessen ihn die Eltern endlich ziehen.
Der junge Mann machte sich auf den Weg. Er wanderte siebzig Tage und siebzig Nächte. Dann kam er in die Stadt, wo der weiseste aller Weisen lebte.  Der junge Mann suchte die Schmiede und fand dort einen sehr alten Mann. Dieser schaute ihn an und fragte: „Was wünschst du?“
„Meister, ich möchte die Weisheit des Lebens lernen.“
Der Meister schwieg. Dann griff er nach dem Strang, der den Blasebalg der Schmiede aufzog und sagte: „Zieh den Strang!“
Der junge Mann gehorchte. Er zog am Strang, bis die Sonne unterging. Nachts schlief er in einer Ecke der Werkstatt und am folgenden Tag stand er auf und zog wieder am Strang. So vergingen einige Tage, Wochen, Monate, ein ganzes Jahr. Schliesslich waren zwei Jahre vergangen. Da wandte sich der junge Mann wieder an den Meister und bat: „Lehrt mich die Weisheit des Lebens!“
„Zieh den Strang!“, antwortete der Schmied, und so zog der junge Mann am Strang, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.
Als fünf Jahre um waren, ging der weise Schmied abends auf den jungen Mann zu und sagte: " Nun kannst du nach Hause zurückkehren. Die ganze Weisheit des Lebens ist in deiner Seele, denn ich habe dich Geduld gelehrt.“
Da verneigte sich der junge Mann tief vor seinem Meister, verliess die Schmiede und kehrt glücklich in sein Land zurück.

Fassung Djamila Jaenike, nach: R. und P. Soupault, Märchen aus fünf Kontinenten, Vevey 1968, © Mutabor Märchenstiftung 

 


Jemen

Die Menschen im Jemen leiden seit 2013 unter dem Bürgerkrieg und der daraus folgenden Cholera. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung sind auf Hilfe angewiesen. Neben Gewalt und Krankheiten ist der Hunger die grösste Bedrohung, doch Hilfsgüter erreichen die Notleidenden oft nicht.

Märchen:
Der Holzsammler und die Hühnchentochter
Du da an meinem Tor
Schaman und Dschauhara

Der Holzsammler und die Hühnchentochter

Vor langer Zeit lebte einmal ein Holzsammler mit seiner Frau. Er sammelte Holz und verkaufte es, sie melkte die Ziegen und Schafe und verkaufte die Milch an die Nachbarn. Davon lebten sie nicht schlecht. Nur eines fehlte ihnen: Sie hatten keine Kinder. Der Mann machte seiner Frau keine Vorwürfe, er wusste doch, wie traurig sie darüber war. Die Nachbarinnen aber nutzten jede Gelegenheit, um die Frau auszulachen: «Sieh nur, du hast keine Kinder und bist neidisch auf uns!»Die Frau litt sehr unter den bösen Worten. Was sie auch tat, immer hiess es: «Das tust du nur, weil du keine Kinder hast. Allah will dich sicher strafen.» Traurig ging die Frau in ihr Haus. Sie kniete nieder und flehte zu Allah: «Bitte, gib mir ein Kind, und wenn es nur ein Hühnchen ist.»Die Zeit verging, da brachte die Frau ein Hühnchen zur Welt. Sie freute sich sehr über ihre Hühnchentochter und ihr Mann freute sich mit ihr. Sie pflegte es wie ein menschliches Kind, sprach mit ihm und passte auf, wenn es mit den anderen Hühnchen hinaus auf das Feld ging. Je älter das Hühnchen wurde, umso weitere Wege ging es. Jeden Tag lief es weit hinaus zu einem Garten. Dort aber zog es sein Federkleid aus, schwamm im Wasserbecken, schlüpfte danach wieder in sein Federkleid und kehrte als Hühnchen nach Hause zurück.
Der Garten aber gehörte dem Sultan und eines Tages entdeckte ein Wächter das Mädchen beim Schwimmen. Er ging zum Sultan und erzählte alles. Dessen Sohn hörte zu und sprach: «Vater, lass mich gehen und schauen, ob der Wächter die Wahrheit erzählt». 
Am nächsten Morgen führte der Wächter den Sultanssohn in einen versteckten Winkel des Gartens. Bald sahen sie, wie das Hühnchen in den Garten kam, sein Federkleid abstreifte und bald darauf im Wasser schwamm. Nach einiger Zeit stieg es fröhlich aus dem Wasser, zog sein Federkleid an und verliess als Hühnchen den Garten. Der junge Mann aber hatte sich unsterblich in die Hühnchentochter verliebt. «Diese und keine andere will ich heiraten!», sagte er zu seinem Vater. Da schickte der Sultan Diener in das Haus des Holzhackers. Diese brachten ihre Bitte vor: «Der Sultan schickt uns. Sein Sohn will deine Tochter heiraten.»
Der Holzhacker sprach: «Wenn ich eine Tochter hätte, wäre es mir eine Ehre, doch ich habe nur ein Hühnchen als Tochter.»
«Der Sohn des Sultans will sie heiraten, auch wenn es eine Hühnchentochter ist», sagten die Gesandten. Da willigte der Holzhacker ein. Eine Brautgabe wollte er nicht. «Es ist mir eine Ehre», sprach er. 
So wurde ein grosses Fest gefeiert und der Sultanssohn nahm die Hühnchentochter zur Frau. Die Leute lachten über ihn, doch er wusste um das Geheimnis des Mädchens und lächelte nur.
Bereits am nächsten Tag aber war das Hühnchen verschwunden. Der junge Mann suchte es überall, bis ihm einfiel, dass es wohl im Garten war. Er ritt dorthin, versteckte sich wieder in dem geheimen Winkel, und tatsächlich badete das Mädchen wieder im Wasserbecken. Schnell nahm er das Federkleid und wies den Wächter an, es zu verbrennen.
Als die junge Frau aus dem Wasser stieg, suchte sie ihr Federkleid. «Mein Federkleid, wo ist mein Federkleid?», rief sie verzweifelt. Da trat der Sultanssohn hervor und sprach: «Dein Federkleid brauchst du nicht mehr, denn ich liebe dich über alles.» Da lächelte sie und die beiden umarmten sich. Nun liess der Sultanssohn schöne Kleider holen und dann brachte er die junge Frau zurück in den Palast. Wie staunten alle, als sie die Schönheit der jungen Frau sahen! Der Sultan liess ein Freudenfest feiern, zu dem auch die Eltern der Hühnchentochter eingeladen waren. Alle freuten sich, sangen, tranken und waren glücklich. Der Sultanssohn und die Hühnchentochter lebten im Glück bis an ihr Lebensende. 

 Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach: W. Daum, Märchen aus dem Jemen, Köln 1983, © Mutabor Märchenstiftung

 

Du da an meinem Tor

Ein Scheich hatte einmal einen schönen Sohn und vermachte ihm all seinen Reichtum und die Ehre seines Namens. Doch nicht lange nach dem Tod des Vaters verlor der Sohn das meiste der Besitztümer an falsche Freunde. Was ihm nämlich wirklich fehlte, war jemand an seiner Seite, der ihn um seiner selbst liebte. Nun lebte aber nicht weit vom Land seines Vaters entfernt ein anderer Scheich. Dieser hatte sieben Söhne und eine einzige, wunderschöne Tochter. Viele Männer wollten sie zur Frau haben, doch ihr Vater wies alle ab, es schien, als wollte er sie für immer bei sich behalten. Auch der junge Mann hörte von diesem wunderschönen Mädchen, und so wanderte er in ihr Land, um sie einmal zu sehen.  Das Mädchen ging, wie alle anderen Mädchen, jeden Abend zum Brunnen. Dort traf sie sich mit ihren Freundinnen, um zu plaudern. Doch an einem Abend stand am Brunnen ein schöner junger Mann. Die beiden schauten sich in die Augen und es war um sie geschehen. Das Mädchen wusste, dass es keinen Tag mehr ohne den jungen Mann verbringen wollte, und der junge Mann erkannte, dass das Mädchen die Liebe seines Lebens war. Aber beide wussten auch, dass der Vater des Mädchens seine Tochter nicht hergeben wollte. Schweigend schauten sie sich an, dann lächelten sie und ohne ein Wort zu sprechen, wussten sie, dass sie einen Weg finden würden, um zueinander zu kommen.
Am folgenden Tag verkleidete sich der junge Mann als Bettler, stellte sich vor das Haus des Scheichs und rief:

«Oh Mädchen, arm bin ich,
gehe von Tür zu Tür,
doch ich brenne vor Leidenschaft für dich,
öffne mir das Tor!»

Die junge Frau trat auf die Terrasse des Hauses, blickte verschmitzt hinunter und rief:

«Du da, an meinem Tor,
willst du nur reden, dann geh fort,
doch willst du mehr, komm herein,
lass dich verführen, wir wollen beisammen sein.»

Der Scheich und seine Söhne hörten, was das Mädchen sang. Was für eine Schande! «Jetzt will niemand sie mehr heiraten!», riefen sie. «Der Bettler muss sie nehmen!» Sie riefen den Bettler ins Haus und erklärten: «Nach diesen Sprüchen will kein anderer unsere Schwester mehr haben. Du musst sie nehmen!» Der Bettler war einverstanden und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen.

Am folgenden Morgen erschien der junge Mann schön gekleidet, liess sich zum Scheich bringen und bat darum, die Tochter zu heiraten. «Das geht nun nicht mehr», rief der Scheich klagend, «ich musste sie einem Bettler versprechen.»

«Ich war dieser Bettler,», sagte der junge Mann, «und ich liebe deine Tochter über alles.» Nun trat auch das Mädchen hervor und der Scheich, erfreut über die glückliche Wendung, willigte voller Freude in die Heirat ein. Da wurde ein prächtiges Fest gefeiert, die beiden zogen in das Land des jungen Mannes und lebten noch lange in Glück und Wohlstand. Ihre Söhne, Töchter, Enkel und Urenkel aber leben noch heute.

Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach:  W. Daum, Märchen aus dem Jemen, Köln 1983, © Mutabor Märchenstiftung

 


Schaman und Dschauhara

In der Stadt Sanaa lebte einmal ein junger König. Schaman war nicht nur schön und klug, sondern auch gerecht und so nannte man sein Reich «Das glückliche Arabien». Nun sollte er heiraten, doch keine der Frauen in seinem Reich gefiel ihm. Da hörte er von einem Emir im Hedschas mit drei wunderschönen Töchtern und beschloss, den Emir zu besuchen.
Mit grossem Gefolge kam er zu Emir Mas’du und wurde mit grosser Freude begrüsst. «Du solltest nur die beste meiner drei Töchter heiraten», meinte der Emir. «Ich will meine Frau danach fragen, denn wer kennt ihre Schwächen besser als die Mutter?» Am Abend fragte er seine Frau und diese sprach: «Du hast recht. Alle drei Mädchen sind schön, doch die älteste steckt immer ihren Finger in den Mund und die zweite schläft gerne den ganzen Tag. Die Jüngste, Dschauhara, sollte Königin werden.»
So wurde die Jüngste auf ihre Reise in den Jemen vorbereitet. Ein Schleier bedeckte ihr Gesicht, viele Dienerinnen begleiteten sie und auf den Kamelen lasteten die Schätze als Brautgabe. So zog der junge König mit seiner Braut Richtung Jemen. Wie gerne hätte er ihr Gesicht gesehen! Eines Nachts, als alle in ihren Zelten schliefen, schlich der junge Mann aus seinem Zelt zu seiner Braut. Er sah sie schlafend auf ihren Decken, erkannte, wie wunderschön sie war und entdeckte einen neckischen Schönheitsfleck hinter ihrem Ohr.  Neben ihr lag eine herrliche Perlenkette. Er nahm sie in die Hand und hielt sie ins Mondlicht, um sie zu bewundern. In diesem Augenblick kam ein grosser Vogel und riss sie ihm aus der Hand. Der König sprang dem Vogel hinterher in der Hoffnung, ihn noch zu erwischen, doch schon war er an der Küste und der Vogel flog über das Meer davon. Da stand er nun, schaute verloren über das Wasser, als auf einmal Piraten auf ihn zustürmten. Sie schlugen ihn mit ihren Waffen, fesselten ihn und holten dann ihr Schiff, um ihn fortzubringen und als Sklaven zu verkaufen. Blutend und verzweifelt lag er zwischen den Felsen. Mit letzter Kraft konnte er seine Hände ein wenig befreien. Mit seinem Blut schrieb er eine Nachricht auf die Steine, dann kamen die Piraten und holten ihn.
Als Dschauhara am Morgen erwachte, suchte sie die Perlenkette. Als sie sie nicht fand, schickte sie Diener in das Zelt des Königs, doch das Zelt war leer und niemand wusste, wo der König war. Vor dem Zelt im Sand jedoch sah man Spuren. Dschauhara zog sich die Kleider des Königs an und folgte ihnen bis zur Küste. Dort sah sie das Blut am Boden und entdeckte die Nachricht ihres Bräutigams. Sie setzte sich nieder, weinte und merkte nicht, wie sich Fremde näherten. Sie hielten sie für einen jungen Mann, überfielen sie und bald lag sie gefesselt neben dem Felsen, wie zuvor der König. Kurz darauf war sie bereits auf dem Schiff ihrer Entführer. «Er ist schön, wir wollen ihn dem König von Somalia verkaufen», sagten diese und so geschah es auch. König Jalloul freute sich über den klugen jungen Mann, der sich Schaman nannte, und machte ihn zu seinem Türhüter. Niemand erkannte, dass Schaman in Wirklichkeit eine Frau war, sogar die Tochter König Jallouls, die hübsche Leila merkte es nicht, ja sie verliebte sich in den Fremden und wollte ihn zum Mann. Was sollte Dschauhara nun tun? Sie bat den König: «Das Angebot ehrt mich, doch bitte, lasst mich einmal unter vier Augen mit Leila sprechen.» Dies wurde bewilligt und so kam es, dass Dschauhara der jungen Leila ihre ganze Geschichte erzählte. Zu Tränen gerührt sprach Leila: «Bleibe als Türhüter bei uns und ich werde sehen, wie ich dir helfen kann.»
Doch was geschah mit dem echten Schaman? Er war als Sklave an einen Schweinebauern in Somalia verkauft worden und musste tagaus, tagein die Schweine hüten. Jeden Tag setzte er sich unter einen Baum in den Schatten. Da hörte er einmal, wie die Vögel im Nest über ihm lärmten. Neugierig stieg in in den Baum und fand zu seinem Erstaunen das Perlenhalsband von Dschauhara und versteckte es in seinen lumpigen Kleidern. Nun war aber die Tochter des Schweinebauern gelähmt und Schaman musste sie jeden Tag ins Dorf tragen. Einmal fiel ihm dabei das Perlenhalsband aus seiner Jacke. Das Mädchen schrie auf: «Er ist ein Dieb, ein Dieb!» und man beschloss Schaman vor den König zu bringen. 
«Wie ist dein Name?», wollte König Jalloul wissen, als der fremde Schweinehirt vor ihm stand.
«Ich heisse Schaman und komme aus dem Jemen», antwortete dieser.
«Seltsam,» sprach der König, «genauso heisst auch mein Türhüter, in den sich meine Tochter verliebt hat. Erzähl mir deine Geschichte!»
Da erzählte König Schaman alles. Von seiner Reise zu Dschauhara, dem Halsband und den Piraten. König Jalloul hörte gebannt zu. «Dann bist du der berühmte jemenitische König und bist hier als Sklave gelandet! Ich will dir alle Ehre zukommen lassen und als Geschenk gebe ich dir meinen Türhüter als Begleitung mit, denn er heisst genauso wie du.»
Als Leila hörte, was geschehen war, eilte sie zu Dschauhara und erzählte ihr alles. «Wie kann ich wissen, ob er mich immer noch liebt?», fragte Dschauhara. «Das werde ich herausfinden», versprach Leila.
König Schaman wurde ein Bad vorbereitet und dann liess Leila ihm seinen Umhang bringen, den Dschauhara getragen hatte, als sie entführt wurde. «Wie kommt mein Umhang hierher?», wollte er wissen, «er lag in meinem Zelt damals, als das Unglück geschah.» Da brachte Leila ihren Türhüter herbei und sprach: «Vielleicht kann er es dir erzählen?». Dann liess sie die beiden allein. «Würdest du Dschauhara erkennen, wenn sie vor dir steht’», fragte diese. König Schaman erkannte die junge Frau in den Männerkleidern nicht, doch er sprach: «Ich habe sie nur einmal in Mondlicht gesehen, doch ich weiss von einem Schönheitsfleck hinter ihrem Ohr.»
«So einer, wie dieser hier?», fragte Dschauhara und zeigt ihm ihr Ohr. «Du bist es!», rief er glücklich aus, nahm ihr den Turban vom Kopf und die beiden umarmten sich. «Wie bist du hierhergekommen?», fragte er. Da erzählte sie alles, dass sie sich in seine Kleider gehüllt an die Küste begeben, dort seine Zeichen am Felsen gesehen hatte und dann von Piraten verschleppt worden war. Auch er erzählte seine Geschichte. Sie sprachen lange, die ganze Nacht.
Am nächsten Morgen verbreitete sich die Geschichte im ganzen Palast. Ein Fest wurde gefeiert und einige Tage später bestiegen Schaman und Dschauhara ein Schiff, reisten zurück in den Jemen und lebten dort lange und glücklich.

Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach: I. Diederichs, Märchen aus dem Land der Königin von Saba, Köln 1987, © Mutabor Märchenstiftung

 


Tibet

Seit mehr als siebzig Jahren sind Menschen in Tibet auf der Flucht vor der Repression. Viele wagen den gefährlichen Weg über den Himalaya nach Nordindien, wo ihr Oberhaupt der Dalai Lama lebt. Mittlerweile leben die Tibeter in der ganzen Welt verstreut, manche bereits in der zweiten Generation, doch die Lage in ihrer Heimat macht keine Hoffnung auf Rückkehr.

Märchen: 
Das Salz und das Teekraut
Der Affe und das Kamel
Der wunderbare Birnbaum
 

 


Das Salz und das Teekraut

Seit vielen Generationen war der Stamm der Sha verfeindet mit dem Stamm der Nu, doch niemand wusste mehr, wie es dazu gekommen war. Zwischen den beiden Stämmen war ein Fluss, und auf jeder Seite des Wassers grasten die Schafe. Auf der einen Seite hütete Memetsog, ein liebenswertes Mädchen vom Stamm der Sha ihre Schafe, auf der anderen Seite brachte Wendampa, ein junger Mann vom Stamm der Nu seine Tiere zum Fluss. Jeden Tag sahen sich das Mädchen und der junge Mann, und es dauerte nicht lange und die beiden verliebten sich. Da sang Wendampa sein Liebeslied:

«Das Wasser des Flusses strömt dahin,
Lass uns den Tee gemeinsam kochen
Und die Armreifen miteinander tauschen.»

Bald führten sie ihre Tiere über den Fluss, weideten sie gemeinsam, tranken Tee und tauschten die Armreifen. Einmal aber, als Memetsog sich zu Hause die Hände wusch, erkannte die Mutter den fremden Armreifen und entlockte ihr den Namen des Geliebten. Ihre Mutter war die Stammesanführerin der Sha. Sie rief ihren ältesten Sohn zu sich, gab ihm giftige Pfeile und befahl ihm, Wendampa damit zu töten. Als dieser nicht wollte, schickte sie den zweitältesten Sohn, aber auch er weigerte sich, da schickte sie den Jüngsten. Verängstigt schoss er den vergifteten Pfeil auf Wendampa. Als Memetsog erfuhr, dass ihr Geliebter tot war, stürzte sie sich verzweifelt in den Fluss. Die Götter aber hatten Mitleid mit den beiden Liebenden. Memetsog verwandelten sie in einen Teestrauch, und Wendampa wurde zum Salz in den Hochebenen Tibets, dort wo die Tibeter es seit Jahrhunderten abbauen, um ihren Tee zu salzen. Wann immer nun in Tibet Tee getrunken wird, und das ist oft, entfaltet sich der Duft des Teestrauchs im salzigen Wasser des Buttertees, und die beiden Liebenden kommen zusammen.

Märchen aus Tibet, aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag 2020​​​​​​, © Mutabor Märchenstiftung

 


Der Affe und das Kamel

An einem sonnigen Tag sass ein Affe oben in der Krone eines Baumes und schaute neugierig ins Land. Da sah er auf der anderen Seite des Flusses einen Garten mit Pfirsichbäumen. Die Pfirsiche leuchteten rot und gelb in der Sonne. Der Affe bekam furchtbare Lust auf Pfirsiche! Das Wasser lief ihm schon im Mund zusammen. Aber ach! Wie sollte er über den Fluss kommen? Neben dem Pfirsichgarten aber lag ein Feld mit Zuckerrohr. Der Affe wusste genau, dass sein Freund, das Kamel, sehr gerne Zuckerrohr ass. Schnell kletterte er vom Baum herunter und sprang zum Kamel. «Kamel, hör mal!», rief er schon von Weitem. «Ich habe ein herrliches Zuckerrohrfeld entdeckt, das wäre doch etwas für dich.»
«Wo ist es?», fragte das Kamel gierig.
«Du musst über den Fluss, dann nach rechts, ein Stück geradeaus, nach links und dann wieder nach rechts, und dann siehst du das Feld.»
«Das kann ich mir nie merken», jammerte das Kamel. «Könntest du mich nicht hinführen, du bist doch mein Freund?»
«Natürlich, gerne», antwortete der Affe. «Aber wie soll ich über den Fluss kommen, ich kann ja nicht schwimmen.»
«Ich kann schwimmen», meinte das Kamel. «Ich nehme dich einfach auf meinen Rücken und trage dich hinüber.» So kletterte der Affe auf den Rücken des Kamels, machte es sich zwischen den beiden Höckern bequem und liess sich von dem Kamel über den Fluss tragen. Als sie zu dem Zuckerrohrfeld kamen, sagte der Affe: «Du bleibst hier, und ich gehe in den Pfirsichgarten dort und passe auf, dass der Wächter dich nicht erwischt. Man hat dort einen guten Blick nach allen Seiten.»
«Das ist sehr lieb von dir», sagte das Kamel und machte sich auf zum Zuckerrohr. Der Affe aber lief in den Pfirsichgarten, kletterte auf den ersten besten Baum und pflückte einen Pfirsich nach dem anderen. Ach, wie süss die Früchte waren! Ach, wie süss sie dufteten! Der köstliche Saft floss über sein Kinn. Als der Affe sich satt gegessen hatte, kehrte er auf das Zuckerrohrfeld zurück. Das Kamel stand dort, frass, kaute langsam und liess sich Zeit. Dem Affen wurde langweilig. «Wir sollten jetzt gehen», meinte er.
«Ach, warte noch ein Weilchen, ich bin noch nicht fertig», bat das Kamel.
«Ich möchte aber nicht warten», sagte der Affe und hüpfte von einem Bein auf das andere.
«Ich komme ja schon, nur noch dies Rohr», bat das Kamel. Der Affe aber mochte nicht warten und so rief er: «Wenn du nicht gleich kommst, rufe ich den Wächter.»
«Tu das nicht», bat das Kamel. «Er würde mich mit dem Stock schlagen.» Der Affe aber hatte genug vom Warten und schrie laut: «Wächter komm herbei! Ein Kamel ist im Feld. Es frisst dein Zuckerrohr!»
«Bitte nicht!», rief das Kamel. Der Affe aber lief zum Fluss und schrie die ganze Zeit weiter. Der Wächter hörte das Geschrei, sprang auf, rannte zum Kamel schlug es mit seinem Stock, um es zu vertreiben. Das Kamel lief jammernd aus dem Feld zum Fluss, wo der Affe stand. «Warum bist du nicht gleich gekommen?», sagte der Affe. «Dann hätte der Wächter dich nicht geschlagen.»
«Du bist schuld!», jammerte das Kamel. «Du hast ja den Wächter gerufen.»
«Ich?», fragte der Affe.
«Wer den sonst?», schimpfte das Kamel. Der Affe kratzte sich ein Weilchen hinter dem Ohr und sagte dann: «Weisst du, Kamel, ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich den Wächter gerufen habe. Aber manchmal überkommt es mich einfach und ich tue Dinge, die ich sonst nie tun würde. Wie eine Art Krankheit.»
«Nun gut», meinte das Kamel. «Komm jetzt auf meinen Rücken. Wir wollen nach Hause.» Der Affe sprang auf den Rücken des Kamels und machte es sich zwischen den Höckern bequem. Als sie mitten im Fluss waren, rief das Kamel plötzlich: «Ich werde jetzt kurz untertauchen.»
«Aber nein!», rief der Affe erschrocken. «Auf keinen Fall! Da werde ich nass und ich kann nicht schwimmen!»
«Weisst du, Affe, manchmal überkommt es mich einfach und ich tue Dinge, die ich sonst nie tun würde. Wie eine Art Krankheit.» Und mit diesen Worten tauchte es unter.
«Hilfe!», schrie der Affe als er ins Wasser plumpste.Der Fluss war nicht tief und der Affe paddelte schon bald nass ans Ufer. Aber von dem Tag an spielte er seinem Freund, dem Kamel, keinen bösen Streich mehr.

Fassung Djamila Jaenike, nach: D. und M. Stovickova, Tibetische Märchen, Prag, 1974, © Mutabor Märchenstiftung


Der wunderbare Birnbaum

Ein Bauer fuhr einmal mit seinem Wagen voller goldgelber und süsser Birnen auf den Markt. «Herrliche Birnen zu verkaufen, kommt Leute und kauft!», rief er immer wieder. Das hörte auch einer der Mönche, vom nahen Kloster. Er kam näher und bat: «Sehr gerne hätte ich eine einzige Birne.» Der Bauer schaute den Mönch an und schüttelte den Kopf. Natürlich hatten Mönche kein Geld, also konnten sie sich keine Birnen kaufen, aber er wollte hier das grosse Geschäft machen und keine seiner Früchte verschenken. Der Mönch schaute ihn traurig an und sagte: «Du hast so viele Birnen auf deinem Wagen und kannst doch sicher eine einzige entbehren», dabei hielt er bittend seine Hand hin. Der Bauer schaute den zerlumpten Mönch an, wurde wütend und schrie: «Verschwinde, du Hungerleider!».
«Wieso wirst du so zornig, es geht doch nur um eine Birne?», fragte der Mönch. Da begann der Bauer vor Wut zu schreien und zu fluchen. Das störte nun die anderen Händler, die in Ruhe ihre Ware verkaufen wollten. «Gib ihm doch eine Birne und dann gebt Ruhe!», sagten sie. Doch der Bauer wollte keine einzige hergeben. Endlich kam ein Kaufmann aus seinem Laden, gab dem Bauern eine Münze und drückte dem Mönch eine Birne in die Hand. «So, und jetzt ist Ruhe!»
«Ich danke dir!», sagte der Mönch. «Ich besitze nichts und kenne keinen Geiz. Deshalb lade ich euch jetzt alle ein mit mir Birnen zu essen.»
Mittlerweile hatten sich viele Menschen um den Mönch versammelt und einer rief lachend: «Wie willst du mit uns teilen, du hast doch nur eine einzige?»
«Wartet, gleich werden wir mehr haben, ich muss nur erst den Birnbaum pflanzen.» Er begann die Birne zu essen. Schmatzend schleckte er den süssen Saft auf und ass, bis er nur noch die Kerne in der Hand hielt. «Jetzt brauche ich eine Hacke und Wasser.» Sofort eilte jemand, um das gewünschte zu holen und vor den Augen der Zuschauer, hackte der Mönch ein Loch in den Boden, legte den Birnenkern hinein und goss ihn mit Wasser an. Erstaunt sahen die Leute, dass schon bald darauf ein Keimling aus dem Boden wuchs. Er wuchs und wuchs und wurde vor ihren Augen zu einem Baum mit Stamm, Ästen und Blättern. Kurz darauf begann er zu blühen und schon bald hingen dicke Birnen daran, saftig gelb und reif. Der Mönch kletterte auf den Baum, nahm eine Birne nach der anderen und verschenkte sie an die Umstehenden. Nicht lange, da waren alle Birnen aufgegessen. Der Mönch nahm die Axt, fällte den Baum, nahm den Stamm auf die Schulter und wanderte unter Winken davon.
Während dieser ganzen Zeit hatte der Bauer dem Mönch mit offenem Mund zugeschaut. Nun, als dieser fort war, sah er sich um und traute seinen Augen nicht: Die Birnen waren fort und die Achse seines Wagens ebenfalls. «Ein Dieb, ein Dieb¨», rief der Bauer und rannte dem Mönch hinterher, doch der war schon längst verschwunden. Nur die Wagenachse lag vor dem Stadttor. Als der Bauer zu seinem Wagen zurückkehrte lachten die Leute. «Das hast du nun von deinem Geiz!», sprachen sie und der Bauer senkte beschämt seinen Kopf. Die Geschichte vom wunderbaren Birnbaum erzählten sich die Leute noch lange mit Genuss und ihr, ihr kennt sie jetzt auch.

Märchen aus Tibet, Fassung Djamila Jaenike, nach: J. Guter, Tibetische Märchen, Frankfurt a M. 1997, © Mutabor Märchenstiftung

 


Eritrea

In Eritrea, dem Land im nordöstlichen Afrika, sind Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung. Jahrelange Zwangsrekrutierung, grundlose Inhaftierung und die Unterdrückung von Minderheiten bringen Zehntausende von Menschen jedes Jahr dazu, den gefährlichen Weg der Flucht zu wagen.

Märchen:
Zwei Männer und zwei Esel
Die Geschichte vom Elefanten, vom Leoparden und seinem Sohn
Der Rat der Mäuse

 


Der Rat der Mäuse

Der älteste Feind der Maus ist die Katze. Einmal trafen sich deshalb die Mäuse, um sich gemeinsam zu beraten. Als sie alle beisammen waren, rief die erste Maus: „Die Katze tötet uns Mäuse. Was können wir dagegen tun?“ Gemeinsam überlegten sie, wie sie sich wohl am besten vor der Katze schützen könnten. Endlich hatte eine Maus eine Idee: „Lasst uns der Katze eine Glocke umbinden. Wenn sie kommt und uns fressen möchte, dann hören wir sie. So bleibt uns genug Zeit, um zu fliehen.“ Alle Mäuse waren mit diesem Plan einverstanden: „Ja! So machen wir es.“Nachdem sie den Rat beendet hatten, gingen sie nach Hause.
Dort sass der Grossvater der Mäuse. Er war zuhause geblieben und wartete gespannt auf die Entscheidung des Mäuserates. „Meine Kinder, was habt ihr beschlossen?“
Sie erzählten von ihrer Idee: „Wir wollen der Katze eine Glocke anziehen. Wenn sie in unsere Nähe kommt, so hören wir das Klingeln der Glocke und können rechtzeitig fliehen.“  Der Grossvater nickte nachdenklich. „Das habt ihr gut geplant, meine Kinder. Aber wer von Euch fängt die Katze? Und wer zieht ihr die Glocke an?“ Nun wurden die Mäuse ganz still vor Angst und flüsterten einander zu: „Das ist wahr. Wer soll sie für uns fangen?“ Niemand traute sich. Keine einzige Maus. So war der Rat der Mäuse am Ende vergebens.
Und bis heute gibt es in Eritrea eine Redewendung für einen Rat, der vergebens tagt und keine Lösung findet. Man sagt: „Es ist wie beim Rat der Mäuse.“

Märchen aus EritreaFassung Anina Meile, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

 

 

Zwei Männer und zwei Esel

Es trafen sich einmal zwei Männer auf der Strasse, die beide einen Esel mit sich führten. Die Männer begrüssten sich und plauderten miteinander. Auch die Esel begrüssten sich und schienen miteinander zu plaudern, indem sie ihre Nasen zusammensteckten. Das entging den beiden Männern nicht und der eine fragte: «Sag mal, was haben sich die beiden Esel eigentlich zu sagen?»
«Weisst du das denn nicht?», fragte der andere. «Die Esel haben den stärksten von allen Eseln als Boten zum Herrn geschickt, um zu fragen, wann er sie endlich von der Tyrannei der Menschen befreit. Immer, wenn sich zwei Esel treffen, fragen sie einander, ob der Bote schon mit einer Antwort zurückgekehrt sei.» Da die Esel bis heute die Köpfe zusammenstecken, wenn sie sich treffen, warten sie wohl noch immer auf den Boten, der ihnen die Freiheit bringt.

Märchen aus Eritrea, Fassung Djamila Jaenike, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die Geschichte vom Elefanten, vom Leoparden und seinem Sohn

In Eritrea gibt es ein Sprichwort, das heisst: „Die Ziegen sind schuld, sagt der Leopard.» Wie es zu diesem Sprichwort kam, erzählt die folgende Geschichte: Ein Leopard war einmal auf der Jagd. Seinen kleinen Sohn musste er allein zurücklassen. Kaum war der Leopard fort, kam der Elefant, trat mit seinen grossen schweren Füssen auf das Leopardenjunge, so dass es starb. Dies alles hatte ein Mann gesehen. Er wartete bei dem toten Tier und als der Leopard nach Hause kam, rief er: «Es ist etwas Schreckliches geschehen, dein Sohn wurde getötet». Der Leopard erschrak und fragte: «Wer hat ihn getötet?»
«Es war der Elefant.»
Da erschrak der Leopard noch mehr, denn der Elefant war viel grösser und stärker als er. Deshalb sagte er: «Ich denke, es waren die Ziegen. Ich werde mich an ihnen rächen!»
«Aber nein!», sprach der Mann, «es war der Elefant ich habe es genau gesehen!»»
Doch der Leopard wollte nicht hören. Er sprang davon, um sich an den Ziegen zu rächen.
Bis heute jagen die Leoparden die Ziegen, weil man sie leichter fangen kann als die Elefanten. Und wenn sich einer, dem von einem Stärkeren unrecht getan wurde, gegen jemanden stellt, der schwächer ist als er, sagen die Eritreer: «Die Ziegen sind schuld, sagt der Leopard».

Märchen aus Eritrea, Fassung Djamila Jaenike, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

 

 


Syrien

Syrien hat eine bewegte Geschichte, die weit in die Zeit vor unserer Zeitrechnung zurückgeht. Seit 2011 herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Viele sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht, über 11 Millionen Menschen mussten bereits ihr Zuhause oder sogar ihr Land verlassen, täglich werden es mehr. Sie haben kaum Hoffnung, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Märchen
Hase und Elefant
Die glückliche Frau
Die Knotenschnur


Hase und Elefant

In einem Land hatte es viele Jahre nicht geregnet. Die Pflanzen vertrockneten und die Tiere litten Hunger und Durst. Da schickte der König der Elefanten Späher aus, um nach einer Quelle zu suchen. Bald kehrte einer der Elefanten zurück und erzählte: «Ich habe eine Quelle gefunden, sie heisst Mahchani, Mondquelle, und es wächst viel Gras dort.» Sogleich beschloss der König der Elefanten, mit seiner Herde an die Mondquelle zu ziehen. Dort an der Mondquelle wohnten aber zahlreiche Hasen. Als die Elefanten mit ihren grossen Füssen an das Wasser zogen, zertrampelten sie die Bauten der Hasen, und einige starben. Da versammelten sich die Hasen, und der Hasenkönig sprach: «Ihr wisst, wie schlecht es uns geht, seit die Elefanten an unserer Quelle sind. Wir müssen einen Weg finden, uns von den Elefanten zu befreien, bevor noch mehr von uns sterben.» Da meldete sich der Hase Peroz, der für seine Schlauheit bekannt war, und sprach: «Ich werde zu den Elefanten gehen und sie dazu bringen, von hier fortzugehen. Gebt mir nur einen Tag Zeit.»
Der König der Hasen war einverstanden, und so begab sich Peroz in die Nähe der Elefanten, die neben der Quelle Gras frassen. Er wartete, bis es langsam dunkel wurde. Dann setzte er sich auf einen Felsen und sprach: «König der Elefanten, höre! Der Mond schickt mich mit einer Botschaft zu dir.»
«Was hat er mir zu sagen?», fragte der König der Elefanten.
«Der Mond lässt dir sagen, dass du und dein Volk seine Quelle verunreinigen. Ich soll dich warnen. Wenn du die Mondquelle nicht verlässt, werden du und dein Volk das Leben verlieren. Wenn du mir nicht glaubst, so werde ich dich überzeugen, komm mit mir.»
Der Hase führte den König der Elefanten zur Quelle. Mittlerweile war es dunkel, nur der Mond schien hell vom Himmel. «Begrüsse den Mond in der Quelle!», befahl der Hase.
Der König der Elefanten hielt seinen Rüssel in das Wasser. Da zitterte die Oberfläche, und das Spiegelbild des Mondes erbebte. «Siehst du? Der Mond ist erzürnt über dich und dein Volk.»
Der Elefant erschrak und rief: «Oh wohltätiger Mond, zürne uns nicht. Wir werden noch heute Nacht fortgehen und nicht wieder herkommen.» So machte sich die Elefantenherde noch in der gleichen Nacht auf die Suche nach einer anderen Quelle. Der Hase aber kehrte als Held zu seinem König zurück.

Märchen aus Syrien, Fassung D. Jaenike, nach: F. Schulthess, Kalila und Dimna, Berlin 1911, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die glückliche Frau

Einst lebte ein Beduinenstamm in der Wüste. Ihr Stammesführer hatte eine wunderschöne Tochter, die hiess Zina. Als die Zeit kam, dass sie heiraten sollte, rief der Vater die Tochter zu sich und sagte: «Bald wirst du heiraten, Zina. Sag, wie soll dein Bräutigam sein?» Die Tochter überlegte kurz und sagte: «Ich möchte einen Mann, der arm ist aber auch reich.» Der Vater wunderte sich. «Wie soll dies gehen?», fragte er, «wie kann ein Mann arm sein und zugleich reich?»
«Nun, das ist meine Bedingung. Ich werde erst heiraten, wenn du einen Mann für mich findest, der arm ist und auch reich.» Was blieb dem Vater übrig? Er rief die Männer im Stamm zusammen und teilte ihnen den Wunsch seiner Tochter mit. Die jungen Männer schüttelten die Köpfe. Aber es dauerte nicht lange, da ging einer nach dem anderen zu Zinas Zelt. «Ich bin reich», sagte der Erste und brachte ihr Schmuck und Edelsteine. «Und wenn ich die dies alles gebe, bin ich arm.» Zina aber schüttelte den Kopf und meinte: «Du bist nicht so, wie ich es wünsche», und schickte ihn wieder hinaus. Der nächste brachte eine ganze Karawane, beladen mit Schätzen, vor Zinas Zelt. «Sieh, ich bin reich», sprach er, «doch wenn Räuber mich überfallen, bin ich arm.» Doch Zina schüttelte wieder den Kopf und meinte: «Du bist nicht so, wie ich es wünsche», und schickte auch ihn wieder hinaus. Auch der dritte Freier war reich. Er sagte: «Ich bin arm und reich zugleich, denn wenn ich all meinen Reichtum an die Armen verteile, habe ich nichts mehr.» Zina aber schlug die Augen nieder und sprach: «Du bist nicht so, wie ich es mir wünsche.»
Der vierte Mann trat vor Zinas Zelt. «Schau, ich bin arm. Doch mit meinen Soldaten kann ich jede Karawane überfallen und dann bin ich reich.» Zina wurde bleich bei diesen Worten und sie sprach: «Auch du bist nicht der rechte, denn du verstehst nicht, wie ich es meine.» Als letztes kam ein Mann zum Zelt, dem man schon von Weitem die Armut ansah. Einzig eine Nadel und einen Hammer trug er bei sich. «Ich glaube, ich könnte dich glücklich machen», sprach er, «denn ich bin zwar arm, doch mit dieser Nadel kann ich die schönsten Kleider nähen und mit diesem Hammer, den herrlichsten Tisch bauen.» Da lächelte Zina und sagte: «Du bist so, wie ich es mir wünsche!», sprach sie und so wurden sie miteinander vermählt und lebten ein glückliches Leben.
Daus, daus
Die Geschichte ist aus.

Märchen aus Syrien, Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Kuhr, Arabische Märchen aus Syrien, Frankfurt a. M/Leipzig 1993, © Mutabor Märchenstiftung

 


Die Knotenschnur

Es war einmal ein Mann, der musste seinen einzigen Sohn alleine aufziehen. Eines Tages musste er schweren Herzens sein Heimatdorf verlassen, um in der Stadt Geld zu verdienen. Also nahm er seine wenigen Habseligkeiten, hob das kleine Kind auf seine Schultern und machte sich auf den Weg in die Stadt. Der Weg war weit und dem Sohn wurde die Zeit lang. Er schaute sich um und sah einen Vogel. «Was ist das?», wollte er wissen. «Das ist ein Rabe», antwortete der Vater. Der Junge sah viele verschiedene Dinge und der Vater antwortete geduldig. Schliesslich zog er eine Schnur aus seiner Jacke hervor, und als der Junge fragte: «Was ist das?», antwortete der Vater: «Ein Falke …, ein Sperling …, eine Taube …», und machte jedes Mal einen Knoten in die Schnur. Als sie endlich in der Stadt angekommen waren, war die Schnur voller Knoten.
Der Vater und sein Sohn lebten viele Jahre in der Stadt. Der Vater trieb Handel, verdiente Geld und der Sohn wuchs heran und ging ihm zur Hand. So wurde der Vater alt und der Sohn übernahm die Geschäfte. Mit der Zeit wurde der Alte so gebrechlich, dass er sich kaum noch bewegen, geschweige denn gehen konnte. Schliesslich äusserte er den Wunsch, wieder zurück in die Heimat zu kehren und auch der Sohn wollte gerne die Verwandtschaft besuchen. Der Sohn nahm ein paar wenige Habseligkeiten mit sich, hob den alten Vater auf seine Schultern und machte sich auf den Weg ins Heimatdorf. Der Weg war weit und dem Vater wurde die Zeit lang. Er schaute sich um und sah einen Vogel. Da seine Augen nicht mehr die besten waren, fragte er: «Was ist das?»
«Ein Rabe», antwortete der Sohn. «Und das?», wollte der Vater wissen und zeigte auf einen anderen Vogel. «Ein Rabe», sagte der Sohn, ohne den Blick zu heben. «Und das hier?», fragte der Vater, doch da war der Sohn mit seiner Geduld schon am Ende. Er hob den Vater von seinen Schultern, setzte ihn auf den Boden und sagte laut: «Ich habe dir doch gesagt, dass das ein Rabe ist!» Da zog der Vater eine Schnur aus seiner Jacke. Sie war voller Knoten. Er betrachtete sie und sagte: «Schau, diese Schnur ist voller Knoten. So viele Fragen hast du gestellt, als ich dich auf dem gleichen Weg zur Stadt trug und ich habe sie alle geduldig beantwortet. Du aber, ärgerst dich schon nach wenigen Fragen. Das ist wie im Sprichwort: Ein Vater kann zehn Kinder ertragen, aber zehn Kinder nicht einen Vater.»
Der Sohn hörte zu. Dann setzte er sich neben seinen Vater auf den Boden, nahm die Knotenschnur in die Hand und betrachtete sie. Schliesslich lächelte er, nahm er die Hand seines Vaters hob ihn auf den Rücken und es dauerte nicht lange, da kamen sie im Heimatdorf an. Als der Vater später starb, nahm der Sohn die Knotenschnur an sich, und als er selber Vater wurde, wurde er nicht müde, seinen Kindern diese Geschichte zu erzählen.

Märchen aus Syrien, Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Kuhr, Arabische Märchen aus Syrien, Frankfurt a. M/Leipzig 1993, © Mutabor Märchenstiftung

 


Afghanistan

Seit vier Jahrzehnten leidet die Bevölkerung in Afghanistan unter dem Krieg, der zigtausende Afghaninnen und Afghanen das Leben gekostet hat. Nicht nur die bewaffneten Konflikte,  auch die Verfolgung aufgrund religiöser Zugehörigkeit treiben die Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und aus ihrem Land zu flüchten. 

Märchen
Wer ist nun der Maler?
Der Kaufmann und der Papagei
Von den Talenten
Nim Kuni

 


Wer ist nun der Maler?

Ein Mann war mit einem Tiger befreundet. Einmal gingen sie zusammen, und da sahen sie ein Bild, auf dem ein Mensch dargestellt war, der einen Tiger zu Boden geworfen hatte. „Da schau“, bemerkte der Mann, „wie der Mensch den Tiger besiegt hat.“
Tiger erwiderte: „Das Bild hat auch ein Mensch gemalt. Hätte es ein Tiger gemalt, so wäre es umgekehrt.“

Märchen aus Afghanistan, Aus: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985

 

​​​​​Der Kaufmann und der Papagei

Ein Kaufmann wollte eine weite Reise nach Indien machen. Er versammelte seine Familie um sich und fragte jeden, was er ihm als Geschenk aus Indien mitbringen sollte und jeder sagte, was er sich wünschte. Nun besaß der Kaufmann einen Papagei in einem Käfig, auch den fragte er: »Was soll ich dir mitbringen? Ich reise nach Indien, das ist doch deine Heimat. Sag, was wünschst du dir?«  Der Papagei sprach: »Bitte geh in einen Wald, wo die Papageien auf den Ästen der Bäume sitzen. Grüße sie von mir und erzähle ihnen, wie ich in meinem Käfig lebe und bringe mir bitte ihre Antwort.«  Der Kaufmann war gern bereit, diese Bitte zu erfüllen. Er packte seine Sachen und machte sich auf die Reise. Als er in Indien in einen Wald kam, sah er dort Papageien, und sein Versprechen fiel ihm wieder ein.  »He, ihr Papageien! Einer eurer Brüder wohnt bei mir zu Hause in einem Käfig. Er bat mich, euch zu grüssen und ihm eine Antwort von euch mitzubringen«, sprach der Kaufmann.  Als der Älteste der Papageien diese Worte vernahm, zitterte er, schlug mit den Flügeln und fiel tot zu Boden. Als der Kaufmann das sah, wurde er sehr betrübt und ging dann traurig nach Hause. Als er seine Geschäfte in Indien abgeschlossen hatte, kehrte er nach Hause zurück. Dort empfing man ihn freudig, und er übergab jedem sein Geschenk: Der eine erhielt ein Baumwolltuch, der andere ein Stück Stoff für ein Hemd oder ein Paar Hosen, einen Turban oder einen Gürtel, die Mädchen bekamen Pantoffeln und die Frauen Schmuck und Kopftücher. Dann ging er zum Papagei und dieser fragte: »Hast du mir eine Antwort von den Papageien mitgebracht?«  
»Ach, es wäre besser für dich, wenn ich es dir nicht erzählen würde, bestimmt macht es dich traurig“, sagte der Kaufmann. Doch der Papagei bat ihn, trotzdem zu berichten und so erzählte der Kaufmann: » Ich ging durch einen Wald, wo ich lauter Papageien sah. Ich überbrachte ihnen deinen Gruß und berichtete ihnen, wie du bei mir zu Hause in einem Käfig lebst. Kaum hatte ich dies gesagt, zitterte einer der Papageien, schlug mit den Flügeln und fiel tot vom Baum. Siehst du, deshalb bin ich so traurig und wollte es dir nicht erzählen.«  Der Papagei hatte aufmerksam zugehört. Dann begann er zu zittern, schlug mit den Flügeln und fiel tot zu boden. Der Kaufmann weinte und schluchzte. Er nahm den Vogel aus dem Käfig, trug ihn in seiner Hand hinaus in den Garten und legte ihn dort auf den Boden.  In diesem Moment flog der Papagei auf und setzte sich auf einen hohen Ast und rief: „Ich danke dir, Kaufmann, für die Antwort, die du mir von meinen Verwandten mitgebracht hast, denn jetzt bin ich frei!« 
Da verstand der Kaufmann und rief: » Möge Allah dich schützen und bewahren!«
Dann flog der Papagei davon.

Märchen aus Afghanistan, Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985, © Mutabor Märchenstiftung

 


Von den Talenten

Der Padischah Mahmud von Ghasni verkleidete sich abends gerne als Bettler, um zu erfahren, was sein Volk so trieb. So geriet er einmal in eine Schar von Dieben.  Diese sprachen ihn an und fragten:  „Was bist du für einer?“
„Ich bin so einer wie ihr“, erwiderte der Padischah.
„Gut“, sagten die Diebe, „dann soll nun jeder sagen, was seine besondere Begabung ist, damit wir dann gemeinsam erfolgreich stehlen gehen können.“
Der erste sagte: „Ich kann verstehen, was die Hunde bellen.“
Der zweite meinte: „Ich kann jeden Menschen, selbst, wenn ich ihn nur nachts gesehen habe, sofort wiedererkennen«
„Ich bin sehr stark“, sagte ein dritter. „Wenn ich in einer Wand einen Riss finde, kann ich die ganze Wand einreissen.“
Ein vierter verkündete: „Ich habe eine gute Nase. Liegt irgendwo Geld vergraben, so kann ich es riechen.“
Der nächste Dieb sagte: „Ich bin ein Meister im Schlingenwerfen. Selbst wenn es eine sehr glatte und ebenmäßige Mauer ist, findet mein Seil daran Halt.“
Als nun sämtliche Diebe ihre Begabung verraten hatten, wandten sie sich an den verkleideten Padischah und fragten ihn: „Nun, was für eine Begabung besitzt du?“
Der Padischah erwiderte: „Ich besitze die Gabe, zum Tode verurteilte zu befreien, ich brauche dafür nur an meinem Bart zu zupfen.“  Die Diebe brachen in Begeisterungsrufe aus: „Du hast die beste Gabe. Sollten wir vor den Henker geführt werden, kannst du uns befreien. Sei unser Anführer!“
So machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Sie kamen zu einem Haus, wo sie einbrechen wollten. Da hörten sie Hunde bellen und der erste der Diebe sagte: „Seltsam, die Hunde sagen, dass der Padischah bei uns ist.“
„Du bist ein Dummkopf, sicher meinen sie unseren neuen Anführer, der ist für uns wie ein Padischah, weil er Verurteilte befreien kann“, sagten die anderen.
Der Dieb, der Schätze riechen konnte, meinte: „Hier liegt ein Schatz, ich rieche Gold und Edelsteine.« Der Dieb, der ein Meister im Schlingenwerfen war, warf ein
Seil, und alle kletterten daran über die Mauer.
Der Kraftprotz grub einen Tunnel zu dem Raum, in dem sich der Schatz befand, und alle krochen hinein.
Die Diebe stahlen soviele Schätze, wie sie nur tragen konnten. Sie verließen das Haus und vergruben sämtliche Wertsachen außerhalb der Stadt, um sie später wieder auszugraben und unter sich zu verteilen. Dann trennten sie sich, und jeder ging nach Hause. Der Padischah erfuhr, wo jeder der Diebe wohnte, prägte sich ihre Namen ein und ging auf Umwegen zurück zu seinem Palast. Dort zog er die Bettlerkleidung aus, rief den Hauptmann der Palastwache und befahl die Diebe zu fangen. Der fand sie und brachte sie in den Palast vor den Padischah. Dieser sass auf seinem Thron und der Dieb, der jedes Gesicht wiedererkennen konnte, erkannte im Padischah sogleich den  Bettler wieder und teilte es seinen Diebesfreunden mit. Da sagten die Diebe: Oh mächtiger Herrscher. Du hast das Recht, uns zum Tode zu verurteilen. Doch vorerst, so bitten wir dich, höre uns an.“
„So sprecht“, sprach der Padischah. „Nun“, begann der Dieb, der den Padischah wiedererkannt hatte, „letzte Nacht haben alle ihre Begabungen mitgeteilt und jeder hat sein Talent unter Beweis gestellt. Der erste hat die Sprache der Hunde übersetzt, der zweite den Schatz gerochen, der dritte, die Schlinge geworfen, der vierte den Tunnel gegraben und ich habe dich wiedererkannt, obwohl du als Bettler verkleidet warst und es dunkle Nacht war. Doch dein Talent haben wir bisher noch nicht gesehen.“ Der Padischah wurde nachdenklich, als er dies hörte. Dann zupfte er an seinem Bart, liess die Diebe begnadigen und verteilte die Schätze unter ihnen, so dass sie von nun an ohne Sorge leben konnten und nicht wieder zu stehlen brauchten.

Märchen aus Afghanistan, Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985, © Mutabor Märchenstiftung

 

Nim-Kuni

Es lebte einstmals ein Padischah. Der besaß sieben Frauen, aber keine Kinder. Ganze Tage lang grämte er sich deshalb. Eines Tages nun wurde er so traurig, daß er sich sogar zu Bett legte. Da klopfte ein Fakir an seinen Palast und bat um eine milde Gabe. Der Schah erhob sich und reichte ihm ein Almosen.
„Oh, Padischah“, sagte der Fakir. „Ich bin zu jedem Opfer für dich bereit, sag, weshalb bist du so traurig?“
„Ich habe sieben Frauen, doch keinen Sohn. Darum bin ich so traurig“, sagte der Padischah.
„Kornm mit mir“, sprach da der Fakir. ​​​​​Sie verließen die Stadt und kamen zu einem Baum. Der Fakir brach einen Zweig mit sieben Blättern und reichte ihn dem Padischah.
„Nimm diese Blätter“, sagte der Fakir, „und gib sie deinen Frauen. Jede soll ein Blatt essen.“
Der Padischah kehrte in seinen Palast zurück und gab jeder Frau ein Blatt. Doch da kam eine Maus gelaufen und knabberte von einem der Blätter die Hälfte ab.
Als nun die Zeit heran war, gebar jede der sieben Frauen dem Padischah einen Sohn. Nur die Frau, die das halbe Blatt bekommen hatte, gebar einen Jungen, der war nur halb so gross, wie die anderen. Sie nannte ihn Nim-Kuni.
Jahre vergingen. Die Söhne des Padischahs wuchsen heran und wurde stark und gross. Jedem der sechs Söhne schenkte der Vater ein Pferd, Nim-Kuni aber schenkte er eine Katze als Reittier. Die sechs Söhne erhielten Speere, um ihre Kraft, ihre Geschicklichkeit zu messen, NimKuni aber erhielt eine Spindel. Einmal erprobten die Prinzen ihre Geschicklichkeit. Doch keiner traf ins Ziel. Da ritt Nim-Kuni auf seiner Katze herbei, sprang unter den Pferden hindurch und traf mit seiner Spindel mitten ins Ziel. Da schämten sich die Brüder.
„Lauf uns nicht immer nach“, sagten sie zu Nim-Kuni. „Mach nicht immer das, was wir machen.“ Doch er gehorchte ihnen nicht. Wo sie hingingen, da ging auch er hin, manchmal auch ohne, dass sie es merkten.
Einmal ritten die Brüder auf die Jagd, Nim-Kuni wollten sie aber nicht mitnehmen. Er ritt aber trotzdem mit und versteckte sich mit seiner Katze unter einem der Pferd.
Als sie eine Weile geritten waren, bekamen sie Hunger. Sie kamen an einem Garten vorbei. Dort wuchsen hinter einem Zaun herrliche Melonen. „Wäre doch Nim-Kuni hier“, sagte einer der Brüder, „der würde durch den Zaun klettern und uns Melonen holen.“ Kaum hatte Nim-Kuni diese Worte gehört, da sprengte er mit seiner Katze hervor, kletterte durch den Zaun und holte Melonen. Die Brüder assen die Melonen, dann sprachen sie:   „Jetzt reite aber nach Hause und komm uns nicht immer hinterher!“ Aber Nim-Kuni folgte ihnen auch weiterhin, immer unter den Pferden versteckt. So ritten und ritten sie und kamen endlich in die Steppe. Dort lebte eine alte Zauberin, die Menschenfleisch ass. Weil es schon Nacht wurde, mussten die Brüder in der Hütte der alten schlafen. Die Alte sagte: „Legt euch schlafen!“ Die Brüder fürchteten sich vor der Zauberin und flüsterten: „Wenn jetzt Nim-Kuni da wäre, würde er uns retten.“ Als Nim-Kuni die Worte gehört hatte, kam er hervor und sagte zur Alten: „Gib uns erst zu essen, dann gehen wir schlafen.“
Die Alte bereitete das Essen zu und als alle satt waren, sprach sie: „Legt euch jetzt schlafen!“ Da sprach Nim-Kuni: „Wir sind durstig. Hol uns erst Wasser in einem Sieb.“ Die Alte ging mit dem Sieb zum Fluss. Nim-Kuni aber rief seinen Brüdern zu: „Schnell, wir müssen fliehen!“ Sie eilten davon so schnell sie konnten, denn nicht lange, da merkte die Alte, dass man in einem Sieb kein Wasser holen kann. Als sie zum Haus kam und sah, dass die Gäste fort waren, sagte sie wütend: „Die haben mich reingelegt, aber ich werde sie einholen!“
Währendessen waren die sechs Brüder mit ihren schnellen Pferde wieder zu Hause eingetroffen. Nur Nim-Kuni war zurückgeblieben und die Alte holte ihn ein. Gerade als sie ihn packen wollte, kroch er in eine Höhle. Sie setzte sich vor das Loch und wartete, dabei schlief sie ein und Nim-Kuni nahm seine Spindel und tötete sie.  Dann setzte er sich auf seine Katze und ritt nach Hause. Dort erzählte Nim-Kuni, wie er die Brüder vorm Tod bewahrt hatte. Der Padischah hörte staunend zu und lobte Nim-Kuni.
Von diesem Tag an durfte er stets zusammen mit seinen Brüdern reiten.

Märchen aus Afghanistan, Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Afghanische Märchen, Leipzig 1985, © Mutabor Märchenstiftung

 


Uiguren

Der Ausdruck "Uiguren" meint die Vereinigung von mehreren indoeuropäischen und turkstämmigen Volksgruppen in Zentralasien. Die meisten leben in Ostturkestan, im Nordwesten Chinas. Als ehtnische Minderheit werden sie in Umerziehungslager gezwungen und sind ständiger Beobachtung, Unterdrückung und Diskriminierung ausgesetzt. Ihre eigene Kultur  und ihre Traditionen drohen verloren zu gehen.

Märchen
Ausgezeichnet 
Das Kamel, das um sein Geweih betrogen wurde
Der Frosch als Prahlhans

 


Ausgezeichnet

Es war einmal ein armer Mann, der schuftete von früh bis spät und brachte es trotzdem zu nichts. Einmal – es war mitten im Winter – heizte der Arme seine Hütte, so dass sie mollig warm war, trug Erde herein und pflanzte einen Melonenkern. Es dauerte nicht lange, da begann die Pflanze zu wachsen. Nach kurzer Zeit hing eine grosse Frucht am Stängel.«Ich will sie dem Kaiser bringen», sagte sich der Arme. «Er wird mir die Melone sicher gut bezahlen.» Und so brach er auf und schleppte die Melone zum Palast des Kaisers. «Hast du die Melone selbst gezogen?», fragte der Kaiser neugierig. «Ja, Eure Majestät», antwortete der Arme. «Ausgezeichnet!», lobte ihn der Kaiser. «Und das bei dieser Kälte?»
«Ja, Eure Majestät.»
«Ausgezeichnet!», lobte wieder der Kaiser. «Und du hast dir die Mühe nur deshalb gemacht, um mir die Melone als Geschenk zu bringen?»
«Ja, Eure Majestät», flüsterte der Arme.
«Ausgezeichnet», rief der Kaiser, biss in die Melone, dass ihm der Saft vom Munde spritzte und entliess den Armen, ohne ihm die Frucht zu bezahlen. Der Arme trat aus dem Palast. Sein Magen knurrte vor Hunger, und am liebsten hätte er geweint. Da kam er an einem Wirtshaus vorbei. «He, du da, hast du nicht Appetit auf Tügüre, Teigtaschen?», rief der Wirt aus der Tür. Der Arme liess sich das nicht zweimal sagen. Schnell war er im Wirtshaus und noch schneller am Tisch. Der Wirt stellte eine Schüssel dampfender Teigtaschen vor ihn hin, und da der Arme schon lange nichts gegessen hatte, langte er tüchtig zu. «Hast du den Teig selbst zubereitet?», fragte der Arme den Wirt. «Selbstverständlich», antwortete der.
«Ausgezeichnet», lobte ihn der Arme. «Hast du sie auch selbst gekocht?»
«Selbstverständlich!»
«Ausgezeichnet», meinte der Arme. «Hast du die Tügüre auch selbst aus dem Wasser genommen?»
«Selbstverständlich!», antwortete der Wirt, der sich langsam über die vielen Fragen zu ärgern begann.
«Ausgezeichnet!», rief der Arme, erhob sich und schritt zur Tür. «Du hast zu zahlen vergessen», rief der Wirt und rannte dem Armen nach. Und weil der keinen Groschen bei sich hatte, liess der Wirt ihn vor den Kaiser schleppen. «Das ist unerhört!», rief der Kaiser. «Teigtaschen essen und nicht bezahlen! Glaubst du vielleicht, es reiche, wenn man ‹Ausgezeichnet› sagt? Dafür bekommt man bei uns nichts.»
«Entschuldigt, Majestät, ich habe alles verwechselt. Ich brachte Euch eine Melone, die ich mit viel Mühe gezüchtet hatte, und Ihr habt nur ‹Ausgezeichnet‹ gesagt und mich weggeschickt. Also glaubte ich, dass man mit diesem Wörtchen bezahlen kann.» Da schämte sich der Kaiser, bezahlte dem Wirt die Schulden und belohnte den Armen, denn eine gute Lehre ist ihren Preis wert. 

Märchen der Uiguren, Xinjiang/China, aus: Pflanzenmärchen aus aller Welt © Mutabor Verlag 2020

 

Das Kamel, das um sein Geweih betrogen wurde

Vor langer, langer Zeit lebten einmal ein Kamel, das ein wunderschönes Geweih hatte, und ein Hirsch, der gar nichts auf dem Kopf hatte. Jedes Mal, wenn das Kamel dem Hirsch begegnete, spottete es: „Auf der ganzen Welt gibt es keinen Hirsch ohne Geweih. Es gibt kein Tier unter all den wilden Tieren, das so hässlich ist wie du! Ich kann deinen Anblick nicht ertragen!“ Eines Abends, als das Kamel zum Trinken an den See gekommen war und wieder einmal sein Spiegelbild im Wasser bewunderte, kam der Hirsch aus dem Wald gelaufen. Das Kamel sah ihn und fing sofort wieder an zu prahlen: „Nirgendwo gibt es ein Tier, das ein so schönes Geweih hat wie ich. Selbst das Yak bewundert mich.“ Der Hirsch war sehr traurig, senkte seinen Kopf und sagte zum Kamel: „Der Tiger hat mich zu einem Fest eingeladen, aber wie könnte ein so hässliches, kahlköpfiges Tier wie ich zu ihm gehen? Gutes Kamel, leih mir bitte dein schönes Geweih für einen Abend! Morgen werde ich wieder hierher kommen und es dir zurückgeben.“ Da gab das Kamel dem Hirsch sein schönes Geweih und der Hirsch lief davon. Als das Kamel am nächsten Morgen wieder zum Seeufer kam, war der Hirsch nicht da. Das Kamel wollte trinken und sah plötzlich seinen kahlen Kopf im Wasser. Es schreckte zurück: „Ein Kopf ohne Geweih ist furchtbar hässlich! Wenn der Hirsch nicht kommt und mir mein Geweih zurückgibt, wird mir jedes Mal grauen, wenn ich mich selbst ansehen muss.“ Dann nahm es wieder einen Schluck. Es trank und schaute sich immer wieder nach allen Seiten um. „Der Hirsch hat mir mein Geweih genommen und nun ist es fort.“ Das Kamel wartete einen ganzen Tag lang, doch der Hirsch kam nicht, um das Geweih zurückzubringen. 
Am nächsten Tag ging das Kamel wieder zum Seeufer und wartete auf den Hirsch. Es schüttelte seinen Kopf hierhin und dorthin, um nur nicht sein Spiegelbild sehen zu müssen. Da sah es plötzlich ein Rudel wilder Wölfe und Schakale, die den Hirsch verfolgten. Der Hirsch floh in einen nahen Wald, um der Gefahr zu entgehen, und dort blieb er sein ganzes Leben lang. Die Jahre vergingen. Jedes Mal, wenn das Kamel zum Trinken an den See kam, sah es seinen kahlen Kopf im Wasser und jedes Mal dachte es voller Sehnsucht an sein Geweih und sagte: „Wenn der Hirsch mir doch endlich mein schönes Geweih zurückgeben würde!“
Seitdem sehen Kamele immer ein wenig traurig aus, und wenn sie trinken, dann heben sie von Zeit zu Zeit den Kopf und schauen nach hierhin und dorthin, um zu sehen, ob der Hirsch nicht vielleicht doch noch eines Tages kommt und das geliehene Geweih zurückbringt.

Märchen der Uiguren, China. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von I.Widiarto von www.uigurkultur.com

 

Der Frosch als Prahlhans

Es war einmal ein Frosch, der fand ein Kuhhaar und klebte es sich auf die Oberlippe. Dann hüpfte er auf der Wiese herum und rief: „Schaut mal, wie stark ich bin, ich habe heute schon eine ganze Kuh verschluckt!“ Alle Tiere, die das hörten, bewunderten den Frosch. Nur der Spatz drehte seinen Kopf hin und her und meinte: „Du bist doch selber nur so gross wie eine Baumnuss, wie willst du da eine Kuh verschlucken?“ Das ärgerte den Frosch, und er sprach: „Ah, du glaubst mir nicht! Hast du denn das Kuhhaar auf meiner Oberlippe nicht gesehen?“ Genau in diesem Augenblick kam eine Kuh über die Wiese gelaufen. Der Spatz sah sie schon von Weitem und rief dem Frosch zu: „Jetzt kannst du beweisen, dass du eine Kuh verschlucken kannst, da kommt nämlich eine. Schnell, verschlinge sie!“ Der Frosch aber meinte: „Heute habe ich schon eine Kuh verschluckt, ich habe jetzt keinen Hunger mehr. Aber morgen, wenn mein Bauch leer ist, werde ich diese Kuh  verschlingen!“ Während er noch laut quakte, kam die Kuh so nah, dass sie ihn mit ihren grossen Füssen fast zertreten hätte. Halb ohnmächtig vor Angst, konnte er sich mit einem grossen Sprung in Sicherheit bringen.
Von diesem Tag an, hörte man den Frosch nicht mehr so laut prahlen.

Märchen der Uiguren, China. Fassung Djamila Jaenike, nach: K. Reichl, Märchen aus Sinkiang, Düsseldorf/Köln 1986, © Mutabor Märchenstiftung