Märchenstiftung - Märchen - Märchen aus der fernen Heimat

Märchen aus der fernen Heimat 

Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird laufend erweitert, geplant ist eine besondere Förderung von 2021 bis 2026.

Uiguren, China
Afghanistan

 


Afghanistan
Seit vier Jahrzehnten leidet die Bevölkerung in Afghanistan unter dem Krieg, der zigtausende Afghaninnen und Afghanen das Leben gekostet hat. Nicht nur die bewaffneten Konflikte,  auch die Verfolgung aufgrund religiöser Zugehörigkeit treiben die Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und aus ihrem Land zu flüchten. 

Märchen
Wer ist nun der Maler?
Der Kaufmann und der Papagei
Von den Talenten
Nim Kuni


Wer ist nun der Maler?

Ein Mann war mit einem Tiger befreundet. Einmal gingen sie zusammen, und da sahen sie ein Bild, auf dem ein Mensch dargestellt war, der einen Tiger zu Boden geworfen hatte. „Da schau“, bemerkte der Mann, „wie der Mensch den Tiger besiegt hat.“
Tiger erwiderte: „Das Bild hat auch ein Mensch gemalt. Hätte es ein Tiger gemalt, so wäre es umgekehrt.“

Aus: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985

 

Der Kaufmann und der Papagei

Ein Kaufmann wollte eine weite Reise nach Indien machen. Er versammelte seine Familie um sich und fragte jeden, was er ihm als Geschenk aus Indien mitbringen sollte und jeder sagte, was er sich wünschte. Nun besaß der Kaufmann einen Papagei in einem Käfig, auch den fragte er: »Was soll ich dir mitbringen? Ich reise nach Indien, das ist doch deine Heimat. Sag, was wünschst du dir?«  Der Papagei sprach: »Bitte geh in einen Wald, wo die Papageien auf den Ästen der Bäume sitzen. Grüße sie von mir und erzähle ihnen, wie ich in meinem Käfig lebe und bringe mir bitte ihre Antwort.«  Der Kaufmann war gern bereit, diese Bitte zu erfüllen. Er packte seine Sachen und machte sich auf die Reise. Als er in Indien in einen Wald kam, sah er dort Papageien, und sein Versprechen fiel ihm wieder ein.  »He, ihr Papageien! Einer eurer Brüder wohnt bei mir zu Hause in einem Käfig. Er bat mich, euch zu grüssen und ihm eine Antwort von euch mitzubringen«, sprach der Kaufmann.  Als der Älteste der Papageien diese Worte vernahm, zitterte er, schlug mit den Flügeln und fiel tot zu Boden. Als der Kaufmann das sah, wurde er sehr betrübt und ging dann traurig nach Hause. Als er seine Geschäfte in Indien abgeschlossen hatte, kehrte er nach Hause zurück. Dort empfing man ihn freudig, und er übergab jedem sein Geschenk: Der eine erhielt ein Baumwolltuch, der andere ein Stück Stoff für ein Hemd oder ein Paar Hosen, einen Turban oder einen Gürtel, die Mädchen bekamen Pantoffeln und die Frauen Schmuck und Kopftücher. Dann ging er zum Papagei und dieser fragte: »Hast du mir eine Antwort von den Papageien mitgebracht?«  
»Ach, es wäre besser für dich, wenn ich es dir nicht erzählen würde, bestimmt macht es dich traurig“, sagte der Kaufmann. Doch der Papagei bat ihn, trotzdem zu berichten und so erzählte der Kaufmann: » Ich ging durch einen Wald, wo ich lauter Papageien sah. Ich überbrachte ihnen deinen Gruß und berichtete ihnen, wie du bei mir zu Hause in einem Käfig lebst. Kaum hatte ich dies gesagt, zitterte einer der Papageien, schlug mit den Flügeln und fiel tot vom Baum. Siehst du, deshalb bin ich so traurig und wollte es dir nicht erzählen.«  Der Papagei hatte aufmerksam zugehört. Dann begann er zu zittern, schlug mit den Flügeln und fiel tot zu boden. Der Kaufmann weinte und schluchzte. Er nahm den Vogel aus dem Käfig, trug ihn in seiner Hand hinaus in den Garten und legte ihn dort auf den Boden.  In diesem Moment flog der Papagei auf und setzte sich auf einen hohen Ast und rief: „Ich danke dir, Kaufmann, für die Antwort, die du mir von meinen Verwandten mitgebracht hast, denn jetzt bin ich frei!« 
Da verstand der Kaufmann und rief: » Möge Allah dich schützen und bewahren!«
Dann flog der Papagei davon.

Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985

 


Von den Talenten

Der Padischah Mahmud von Ghasni verkleidete sich abends gerne als Bettler, um zu erfahren, was sein Volk so trieb. So geriet er einmal in eine Schar von Dieben.  Diese sprachen ihn an und fragten:  „Was bist du für einer?“
„Ich bin so einer wie ihr“, erwiderte der Padischah.
„Gut“, sagten die Diebe, „dann soll nun jeder sagen, was seine besondere Begabung ist, damit wir dann gemeinsam erfolgreich stehlen gehen können.“
Der erste sagte: „Ich kann verstehen, was die Hunde bellen.“
Der zweite meinte: „Ich kann jeden Menschen, selbst, wenn ich ihn nur nachts gesehen habe, sofort wiedererkennen«
„Ich bin sehr stark“, sagte ein dritter. „Wenn ich in einer Wand einen Riss finde, kann ich die ganze Wand einreissen.“
Ein vierter verkündete: „Ich habe eine gute Nase. Liegt irgendwo Geld vergraben, so kann ich es riechen.“
Der nächste Dieb sagte: „Ich bin ein Meister im Schlingenwerfen. Selbst wenn es eine sehr glatte und ebenmäßige Mauer ist, findet mein Seil daran Halt.“
Als nun sämtliche Diebe ihre Begabung verraten hatten, wandten sie sich an den verkleideten Padischah und fragten ihn: „Nun, was für eine Begabung besitzt du?“
Der Padischah erwiderte: „Ich besitze die Gabe, zum Tode verurteilte zu befreien, ich brauche dafür nur an meinem Bart zu zupfen.“  Die Diebe brachen in Begeisterungsrufe aus: „Du hast die beste Gabe. Sollten wir vor den Henker geführt werden, kannst du uns befreien. Sei unser Anführer!“
So machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Sie kamen zu einem Haus, wo sie einbrechen wollten. Da hörten sie Hunde bellen und der erste der Diebe sagte: „Seltsam, die Hunde sagen, dass der Padischah bei uns ist.“
„Du bist ein Dummkopf, sicher meinen sie unseren neuen Anführer, der ist für uns wie ein Padischah, weil er Verurteilte befreien kann“, sagten die anderen.
Der Dieb, der Schätze riechen konnte, meinte: „Hier liegt ein Schatz, ich rieche Gold und Edelsteine.« Der Dieb, der ein Meister im Schlingenwerfen war, warf ein
Seil, und alle kletterten daran über die Mauer.
Der Kraftprotz grub einen Tunnel zu dem Raum, in dem sich der Schatz befand, und alle krochen hinein.
Die Diebe stahlen soviele Schätze, wie sie nur tragen konnten. Sie verließen das Haus und vergruben sämtliche Wertsachen außerhalb der Stadt, um sie später wieder auszugraben und unter sich zu verteilen. Dann trennten sie sich, und jeder ging nach Hause. Der Padischah erfuhr, wo jeder der Diebe wohnte, prägte sich ihre Namen ein und ging auf Umwegen zurück zu seinem Palast. Dort zog er die Bettlerkleidung aus, rief den Hauptmann der Palastwache und befahl die Diebe zu fangen. Der fand sie und brachte sie in den Palast vor den Padischah. Dieser sass auf seinem Thron und der Dieb, der jedes Gesicht wiedererkennen konnte, erkannte im Padischah sogleich den  Bettler wieder und teilte es seinen Diebesfreunden mit. Da sagten die Diebe: Oh mächtiger Herrscher. Du hast das Recht, uns zum Tode zu verurteilen. Doch vorerst, so bitten wir dich, höre uns an.“
„So sprecht“, sprach der Padischah. „Nun“, begann der Dieb, der den Padischah wiedererkannt hatte, „letzte Nacht haben alle ihre Begabungen mitgeteilt und jeder hat sein Talent unter Beweis gestellt. Der erste hat die Sprache der Hunde übersetzt, der zweite den Schatz gerochen, der dritte, die Schlinge geworfen, der vierte den Tunnel gegraben und ich habe dich wiedererkannt, obwohl du als Bettler verkleidet warst und es dunkle Nacht war. Doch dein Talent haben wir bisher noch nicht gesehen.“ Der Padischah wurde nachdenklich, als er dies hörte. Dann zupfte er an seinem Bart, liess die Diebe begnadigen und verteilte die Schätze unter ihnen, so dass sie von nun an ohne Sorge leben konnten und nicht wieder zu stehlen brauchten.

Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985

 

Nim-Kuni

Es lebte einstmals ein Padischah. Der besaß sieben Frauen, aber keine Kinder. Ganze Tage lang grämte er sich deshalb. Eines Tages nun wurde er so traurig, daß er sich sogar zu Bett legte. Da klopfte ein Fakir an seinen Palast und bat um eine milde Gabe. Der Schah erhob sich und reichte ihm ein Almosen.
„Oh, Padischah“, sagte der Fakir. „Ich bin zu jedem Opfer für dich bereit, sag, weshalb bist du so traurig?“
„Ich habe sieben Frauen, doch keinen Sohn. Darum bin ich so traurig“, sagte der Padischah.
„Kornm mit mir“, sprach da der Fakir. ​​​​​Sie verließen die Stadt und kamen zu einem Baum. Der Fakir brach einen Zweig mit sieben Blättern und reichte ihn dem Padischah.
„Nimm diese Blätter“, sagte der Fakir, „und gib sie deinen Frauen. Jede soll ein Blatt essen.“
Der Padischah kehrte in seinen Palast zurück und gab jeder Frau ein Blatt. Doch da kam eine Maus gelaufen und knabberte von einem der Blätter die Hälfte ab.
Als nun die Zeit heran war, gebar jede der sieben Frauen dem Padischah einen Sohn. Nur die Frau, die das halbe Blatt bekommen hatte, gebar einen Jungen, der war nur halb so gross, wie die anderen. Sie nannte ihn Nim-Kuni.
Jahre vergingen. Die Söhne des Padischahs wuchsen heran und wurde stark und gross. Jedem der sechs Söhne schenkte der Vater ein Pferd, Nim-Kuni aber schenkte er eine Katze als Reittier. Die sechs Söhne erhielten Speere, um ihre Kraft, ihre Geschicklichkeit zu messen, NimKuni aber erhielt eine Spindel. Einmal erprobten die Prinzen ihre Geschicklichkeit. Doch keiner traf ins Ziel. Da ritt Nim-Kuni auf seiner Katze herbei, sprang unter den Pferden hindurch und traf mit seiner Spindel mitten ins Ziel. Da schämten sich die Brüder.
„Lauf uns nicht immer nach“, sagten sie zu Nim-Kuni. „Mach nicht immer das, was wir machen.“ Doch er gehorchte ihnen nicht. Wo sie hingingen, da ging auch er hin, manchmal auch ohne, dass sie es merkten.
Einmal ritten die Brüder auf die Jagd, Nim-Kuni wollten sie aber nicht mitnehmen. Er ritt aber trotzdem mit und versteckte sich mit seiner Katze unter einem der Pferd.
Als sie eine Weile geritten waren, bekamen sie Hunger. Sie kamen an einem Garten vorbei. Dort wuchsen hinter einem Zaun herrliche Melonen. „Wäre doch Nim-Kuni hier“, sagte einer der Brüder, „der würde durch den Zaun klettern und uns Melonen holen.“
Kaum hatte Nim-Kuni diese Worte gehört, da sprengte er mit seiner Katze hervor, kletterte durch den Zaun und holte Melonen. Die Brüder assen die Melonen, dann sprachen sie:  
„Jetzt reite aber nach Hause und komm uns nicht immer hinterher!“ Aber Nim-Kuni folgte ihnen auch weiterhin, immer unter den Pferden versteckt. So ritten und ritten sie und kamen endlich in die Steppe. Dort lebte eine alte Zauberin, die Menschenfleisch ass. Weil es schon Nacht wurde, mussten die Brüder in der Hütte der alten schlafen. Die Alte sagte: „Legt euch schlafen!“ Die Brüder fürchteten sich vor der Zauberin und flüsterten: „Wenn jetzt Nim-Kuni da wäre, würde er uns retten.“
​​​​​Kaum hatte Nim-Kuni die Worte gehört, kam er hervor und sagte zur Alten: „Gib uns erst zu essen, dann gehen wir schlafen.“
Die Alte bereitete das Essen zu und als alle satt waren, sprach sie: „Legt euch jetzt schlafen!“
Da sprach Nim-Kuni: „Wir sind durstig. Hol uns erst Wasser in einem Sieb.“
Die Alte ging mit dem Sieb zum Fluss. Nim-Kuni aber rief seinen Brüdern zu: „Schnell, wir müssen fliehen!“
Sie eilten davon so schnell sie konnten, denn nicht lange, da merkte die Alte, dass man in einem Sieb kein Wasser holen kann. Als sie zum Haus kam und sah, dass die Gäste fort waren, sagte sie wütend: „Die haben mich reingelegt, aber ich werde sie einholen!“
Währendessen waren die sechs Brüder mit ihren schnellen Pferde wieder zu Hause eingetroffen. Nur Nim-Kuni war zurückgeblieben und die Alte holte ihn ein. Gerade als sie ihn packen wollte, kroch er in eine Höhle. Sie setzte sich vor das Loch und wartete, dabei schlief sie ein und Nim-Kuni nahm seine Spindel und tötete sie.  Dann setzte er sich auf seine Katze und ritt nach Hause. Dort erzählte Nim-Kuni, wie er die Brüder vorm Tod bewahrt hatte. Der Padischah hörte staunend zu und lobte Nim-Kuni.
Von diesem Tag an durfte er stets zusammen mit seinen Brüdern reiten.

Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Afghanische Märchen, Leipzig 1985

 

 


Uiguren
Der Ausdruck "Uiguren" meint die Vereinigung von mehreren indoeuropäischen und turkstämmigen Volksgruppen in Zentralasien. Die meisten leben in Ostturkestan, im Nordwesten Chinas. Als ehtnische Minderheit werden sie in Umerziehungslager gezwungen und sind ständiger Beobachtung, Unterdrückung und Diskriminierung ausgesetzt. Ihre eigene Kultur  und ihre Traditionen drohen verloren zu gehen.

Märchen
Ausgezeichnet 
Das Kamel, das um sein Geweih betrogen wurde
Der Frosch als Prahlhans

 


Ausgezeichnet

Es war einmal ein armer Mann, der schuftete von früh bis spät und brachte es trotzdem zu nichts. Einmal – es war mitten im Winter – heizte der Arme seine Hütte, so dass sie mollig warm war, trug Erde herein und pflanzte einen Melonenkern. Es dauerte nicht lange, da begann die Pflanze zu wachsen. Nach kurzer Zeit hing eine grosse Frucht am Stängel.«Ich will sie dem Kaiser bringen», sagte sich der Arme. «Er wird mir die Melone sicher gut bezahlen.» Und so brach er auf und schleppte die Melone zum Palast des Kaisers. «Hast du die Melone selbst gezogen?», fragte der Kaiser neugierig. «Ja, Eure Majestät», antwortete der Arme. «Ausgezeichnet!», lobte ihn der Kaiser. «Und das bei dieser Kälte?»
«Ja, Eure Majestät.»
«Ausgezeichnet!», lobte wieder der Kaiser. «Und du hast dir die Mühe nur deshalb gemacht, um mir die Melone als Geschenk zu bringen?»
«Ja, Eure Majestät», flüsterte der Arme.
«Ausgezeichnet», rief der Kaiser, biss in die Melone, dass ihm der Saft vom Munde spritzte und entliess den Armen, ohne ihm die Frucht zu bezahlen. Der Arme trat aus dem Palast. Sein Magen knurrte vor Hunger, und am liebsten hätte er geweint. Da kam er an einem Wirtshaus vorbei. «He, du da, hast du nicht Appetit auf Tügüre, Teigtaschen?», rief der Wirt aus der Tür. Der Arme liess sich das nicht zweimal sagen. Schnell war er im Wirtshaus und noch schneller am Tisch. Der Wirt stellte eine Schüssel dampfender Teigtaschen vor ihn hin, und da der Arme schon lange nichts gegessen hatte, langte er tüchtig zu. «Hast du den Teig selbst zubereitet?», fragte der Arme den Wirt. «Selbstverständlich», antwortete der.
«Ausgezeichnet», lobte ihn der Arme. «Hast du sie auch selbst gekocht?»
«Selbstverständlich!»
«Ausgezeichnet», meinte der Arme. «Hast du die Tügüre auch selbst aus dem Wasser genommen?»
«Selbstverständlich!», antwortete der Wirt, der sich langsam über die vielen Fragen zu ärgern begann.
«Ausgezeichnet!», rief der Arme, erhob sich und schritt zur Tür. «Du hast zu zahlen vergessen», rief der Wirt und rannte dem Armen nach. Und weil der keinen Groschen bei sich hatte, liess der Wirt ihn vor den Kaiser schleppen. «Das ist unerhört!», rief der Kaiser. «Teigtaschen essen und nicht bezahlen! Glaubst du vielleicht, es reiche, wenn man ‹Ausgezeichnet› sagt? Dafür bekommt man bei uns nichts.»
«Entschuldigt, Majestät, ich habe alles verwechselt. Ich brachte Euch eine Melone, die ich mit viel Mühe gezüchtet hatte, und Ihr habt nur ‹Ausgezeichnet‹ gesagt und mich weggeschickt. Also glaubte ich, dass man mit diesem Wörtchen bezahlen kann.» Da schämte sich der Kaiser, bezahlte dem Wirt die Schulden und belohnte den Armen, denn eine gute Lehre ist ihren Preis wert. 

Märchen der Uiguren, China, aus: Pflanzenmärchen aus aller Welt © Mutabor Verlag 2020
Die Melone ist eine der Lieblingsfrüchte der Uiguren. In dieser Geschichte wird sie zum Symbol für Gerechtigkeit.

 

Das Kamel, das um sein Geweih betrogen wurde

Vor langer, langer Zeit lebten einmal ein Kamel, das ein wunderschönes Geweih hatte, und ein Hirsch, der gar nichts auf dem Kopf hatte. Jedes Mal, wenn das Kamel dem Hirsch begegnete, spottete es: „Auf der ganzen Welt gibt es keinen Hirsch ohne Geweih. Es gibt kein Tier unter all den wilden Tieren, das so hässlich ist wie du! Ich kann deinen Anblick nicht ertragen!“ Eines Abends, als das Kamel zum Trinken an den See gekommen war und wieder einmal sein Spiegelbild im Wasser bewunderte, kam der Hirsch aus dem Wald gelaufen. Das Kamel sah ihn und fing sofort wieder an zu prahlen: „Nirgendwo gibt es ein Tier, das ein so schönes Geweih hat wie ich. Selbst das Yak bewundert mich.“ Der Hirsch war sehr traurig, senkte seinen Kopf und sagte zum Kamel: „Der Tiger hat mich zu einem Fest eingeladen, aber wie könnte ein so hässliches, kahlköpfiges Tier wie ich zu ihm gehen? Gutes Kamel, leih mir bitte dein schönes Geweih für einen Abend! Morgen werde ich wieder hierher kommen und es dir zurückgeben.“ Da gab das Kamel dem Hirsch sein schönes Geweih und der Hirsch lief davon. Als das Kamel am nächsten Morgen wieder zum Seeufer kam, war der Hirsch nicht da. Das Kamel wollte trinken und sah plötzlich seinen kahlen Kopf im Wasser. Es schreckte zurück: „Ein Kopf ohne Geweih ist furchtbar hässlich! Wenn der Hirsch nicht kommt und mir mein Geweih zurückgibt, wird mir jedes Mal grauen, wenn ich mich selbst ansehen muss.“ Dann nahm es wieder einen Schluck. Es trank und schaute sich immer wieder nach allen Seiten um. „Der Hirsch hat mir mein Geweih genommen und nun ist es fort.“ Das Kamel wartete einen ganzen Tag lang, doch der Hirsch kam nicht, um das Geweih zurückzubringen. 
Am nächsten Tag ging das Kamel wieder zum Seeufer und wartete auf den Hirsch. Es schüttelte seinen Kopf hierhin und dorthin, um nur nicht sein Spiegelbild sehen zu müssen. Da sah es plötzlich ein Rudel wilder Wölfe und Schakale, die den Hirsch verfolgten. Der Hirsch floh in einen nahen Wald, um der Gefahr zu entgehen, und dort blieb er sein ganzes Leben lang. Die Jahre vergingen. Jedes Mal, wenn das Kamel zum Trinken an den See kam, sah es seinen kahlen Kopf im Wasser und jedes Mal dachte es voller Sehnsucht an sein Geweih und sagte: „Wenn der Hirsch mir doch endlich mein schönes Geweih zurückgeben würde!“
Seitdem sehen Kamele immer ein wenig traurig aus, und wenn sie trinken, dann heben sie von Zeit zu Zeit den Kopf und schauen nach hierhin und dorthin, um zu sehen, ob der Hirsch nicht vielleicht doch noch eines Tages kommt und das geliehene Geweih zurückbringt.

Märchen der Uiguren, China. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von I.Widiarto von www.uigurkultur.com

 

Der Frosch als Prahlhans

Es war einmal ein Frosch, der fand ein Kuhhaar und klebte es sich auf die Oberlippe. Dann hüpfte er auf der Wiese herum und rief: „Schaut mal, wie stark ich bin, ich habe heute schon eine ganze Kuh verschluckt!“
Alle Tiere, die das hörten, bewunderten den Frosch. Nur der Spatz drehte seinen Kopf hin und her und meinte: „Du bist doch selber nur so gross wie eine Baumnuss, wie willst du da eine Kuh verschlucken?“
Das ärgerte den Frosch, und er sprach: „Ah, du glaubst mir nicht! Hast du denn das Kuhhaar auf meiner Oberlippe nicht gesehen?“
Genau in diesem Augenblick kam eine Kuh über die Wiese gelaufen. Der Spatz sah sie schon von Weitem und rief dem Frosch zu: „Jetzt kannst du beweisen, dass du eine Kuh verschlucken kannst, da kommt nämlich eine. Schnell, verschlinge sie!“
Der Frosch aber meinte: „Heute habe ich schon eine Kuh verschluckt, ich habe jetzt keinen Hunger mehr. Aber morgen, wenn mein Bauch leer ist, werde ich diese Kuh  verschlingen!“
Während er noch laut quakte, kam die Kuh so nah, dass sie ihn mit ihren grossen Füssen fast zertreten hätte. Halb ohnmächtig vor Angst, konnte er sich mit einem grossen Sprung in Sicherheit bringen.
Von diesem Tag an, hörte man den Frosch nicht mehr so laut prahlen.

Märchen der Uiguren, China. Fassung Djamila Jaenike, nach: K. Reichl, Märchen aus Sinkiang, Düsseldorf/Köln 1986