Märchenstiftung - Märchen - Märchen aus der fernen Heimat

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/Land erweitert.

Jemen
Tibet
Eritrea
Syrien
Afghanistan
Uiguren, China

 


Jemen

Die Menschen im Jemen leiden seit 2013 unter dem Bürgerkrieg und der daraus folgenden Cholera. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung sind auf Hilfe angewiesen. Neben Gewalt und Krankheiten ist der Hunger die grösste Bedrohung, doch Hilfsgüter erreichen die Notleidenden oft nicht.

Märchen:
Der Holzsammler und die Hühnchentochter
Du da an meinem Tor
Schaman und Dschauhara

Der Holzsammler und die Hühnchentochter

Vor langer Zeit lebte einmal ein Holzsammler mit seiner Frau. Er sammelte Holz und verkaufte es, sie melkte die Ziegen und Schafe und verkaufte die Milch an die Nachbarn. Davon lebten sie nicht schlecht. Nur eines fehlte ihnen: Sie hatten keine Kinder. Der Mann machte seiner Frau keine Vorwürfe, er wusste doch, wie traurig sie darüber war. Die Nachbarinnen aber nutzten jede Gelegenheit, um die Frau auszulachen: «Sieh nur, du hast keine Kinder und bist neidisch auf uns!»Die Frau litt sehr unter den bösen Worten. Was sie auch tat, immer hiess es: «Das tust du nur, weil du keine Kinder hast. Allah will dich sicher strafen.» Traurig ging die Frau in ihr Haus. Sie kniete nieder und flehte zu Allah: «Bitte, gib mir ein Kind, und wenn es nur ein Hühnchen ist.»Die Zeit verging, da brachte die Frau ein Hühnchen zur Welt. Sie freute sich sehr über ihre Hühnchentochter und ihr Mann freute sich mit ihr. Sie pflegte es wie ein menschliches Kind, sprach mit ihm und passte auf, wenn es mit den anderen Hühnchen hinaus auf das Feld ging. Je älter das Hühnchen wurde, umso weitere Wege ging es. Jeden Tag lief es weit hinaus zu einem Garten. Dort aber zog es sein Federkleid aus, schwamm im Wasserbecken, schlüpfte danach wieder in sein Federkleid und kehrte als Hühnchen nach Hause zurück.
Der Garten aber gehörte dem Sultan und eines Tages entdeckte ein Wächter das Mädchen beim Schwimmen. Er ging zum Sultan und erzählte alles. Dessen Sohn hörte zu und sprach: «Vater, lass mich gehen und schauen, ob der Wächter die Wahrheit erzählt». 
Am nächsten Morgen führte der Wächter den Sultanssohn in einen versteckten Winkel des Gartens. Bald sahen sie, wie das Hühnchen in den Garten kam, sein Federkleid abstreifte und bald darauf im Wasser schwamm. Nach einiger Zeit stieg es fröhlich aus dem Wasser, zog sein Federkleid an und verliess als Hühnchen den Garten. Der junge Mann aber hatte sich unsterblich in die Hühnchentochter verliebt. «Diese und keine andere will ich heiraten!», sagte er zu seinem Vater. Da schickte der Sultan Diener in das Haus des Holzhackers. Diese brachten ihre Bitte vor: «Der Sultan schickt uns. Sein Sohn will deine Tochter heiraten.»
Der Holzhacker sprach: «Wenn ich eine Tochter hätte, wäre es mir eine Ehre, doch ich habe nur ein Hühnchen als Tochter.»
«Der Sohn des Sultans will sie heiraten, auch wenn es eine Hühnchentochter ist», sagten die Gesandten. Da willigte der Holzhacker ein. Eine Brautgabe wollte er nicht. «Es ist mir eine Ehre», sprach er. 
So wurde ein grosses Fest gefeiert und der Sultanssohn nahm die Hühnchentochter zur Frau. Die Leute lachten über ihn, doch er wusste um das Geheimnis des Mädchens und lächelte nur.
Bereits am nächsten Tag aber war das Hühnchen verschwunden. Der junge Mann suchte es überall, bis ihm einfiel, dass es wohl im Garten war. Er ritt dorthin, versteckte sich wieder in dem geheimen Winkel, und tatsächlich badete das Mädchen wieder im Wasserbecken. Schnell nahm er das Federkleid und wies den Wächter an, es zu verbrennen.
Als die junge Frau aus dem Wasser stieg, suchte sie ihr Federkleid. «Mein Federkleid, wo ist mein Federkleid?», rief sie verzweifelt. Da trat der Sultanssohn hervor und sprach: «Dein Federkleid brauchst du nicht mehr, denn ich liebe dich über alles.» Da lächelte sie und die beiden umarmten sich. Nun liess der Sultanssohn schöne Kleider holen und dann brachte er die junge Frau zurück in den Palast. Wie staunten alle, als sie die Schönheit der jungen Frau sahen! Der Sultan liess ein Freudenfest feiern, zu dem auch die Eltern der Hühnchentochter eingeladen waren. Alle freuten sich, sangen, tranken und waren glücklich. Der Sultanssohn und die Hühnchentochter lebten im Glück bis an ihr Lebensende. 

 Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach: W. Daum, Märchen aus dem Jemen, Köln 1983

 

Du da an meinem Tor

Ein Scheich hatte einmal einen schönen Sohn und vermachte ihm all seinen Reichtum und die Ehre seines Namens. Doch nicht lange nach dem Tod des Vaters verlor der Sohn das meiste der Besitztümer an falsche Freunde. Was ihm nämlich wirklich fehlte, war jemand an seiner Seite, der ihn um seiner selbst liebte. Nun lebte aber nicht weit vom Land seines Vaters entfernt ein anderer Scheich. Dieser hatte sieben Söhne und eine einzige, wunderschöne Tochter. Viele Männer wollten sie zur Frau haben, doch ihr Vater wies alle ab, es schien, als wollte er sie für immer bei sich behalten. Auch der junge Mann hörte von diesem wunderschönen Mädchen, und so wanderte er in ihr Land, um sie einmal zu sehen.  Das Mädchen ging, wie alle anderen Mädchen, jeden Abend zum Brunnen. Dort traf sie sich mit ihren Freundinnen, um zu plaudern. Doch an einem Abend stand am Brunnen ein schöner junger Mann. Die beiden schauten sich in die Augen und es war um sie geschehen. Das Mädchen wusste, dass es keinen Tag mehr ohne den jungen Mann verbringen wollte, und der junge Mann erkannte, dass das Mädchen die Liebe seines Lebens war. Aber beide wussten auch, dass der Vater des Mädchens seine Tochter nicht hergeben wollte. Schweigend schauten sie sich an, dann lächelten sie und ohne ein Wort zu sprechen, wussten sie, dass sie einen Weg finden würden, um zueinander zu kommen.
Am folgenden Tag verkleidete sich der junge Mann als Bettler, stellte sich vor das Haus des Scheichs und rief:

«Oh Mädchen, arm bin ich,
gehe von Tür zu Tür,
doch ich brenne vor Leidenschaft für dich,
öffne mir das Tor!»

Die junge Frau trat auf die Terrasse des Hauses, blickte verschmitzt hinunter und rief:

«Du da, an meinem Tor,
willst du nur reden, dann geh fort,
doch willst du mehr, komm herein,
lass dich verführen, wir wollen beisammen sein.»

Der Scheich und seine Söhne hörten, was das Mädchen sang. Was für eine Schande! «Jetzt will niemand sie mehr heiraten!», riefen sie. «Der Bettler muss sie nehmen!» Sie riefen den Bettler ins Haus und erklärten: «Nach diesen Sprüchen will kein anderer unsere Schwester mehr haben. Du musst sie nehmen!» Der Bettler war einverstanden und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen.

Am folgenden Morgen erschien der junge Mann schön gekleidet, liess sich zum Scheich bringen und bat darum, die Tochter zu heiraten. «Das geht nun nicht mehr», rief der Scheich klagend, «ich musste sie einem Bettler versprechen.»

«Ich war dieser Bettler,», sagte der junge Mann, «und ich liebe deine Tochter über alles.» Nun trat auch das Mädchen hervor und der Scheich, erfreut über die glückliche Wendung, willigte voller Freude in die Heirat ein. Da wurde ein prächtiges Fest gefeiert, die beiden zogen in das Land des jungen Mannes und lebten noch lange in Glück und Wohlstand. Ihre Söhne, Töchter, Enkel und Urenkel aber leben noch heute.

Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach:  W. Daum, Märchen aus dem Jemen, Köln 1983

 


Schaman und Dschauhara

In der Stadt Sanaa lebte einmal ein junger König. Schaman war nicht nur schön und klug, sondern auch gerecht und so nannte man sein Reich «Das glückliche Arabien». Nun sollte er heiraten, doch keine der Frauen in seinem Reich gefiel ihm. Da hörte er von einem Emir im Hedschas mit drei wunderschönen Töchtern und beschloss, den Emir zu besuchen.
Mit grossem Gefolge kam er zu Emir Mas’du und wurde mit grosser Freude begrüsst. «Du solltest nur die beste meiner drei Töchter heiraten», meinte der Emir. «Ich will meine Frau danach fragen, denn wer kennt ihre Schwächen besser als die Mutter?» Am Abend fragte er seine Frau und diese sprach: «Du hast recht. Alle drei Mädchen sind schön, doch die älteste steckt immer ihren Finger in den Mund und die zweite schläft gerne den ganzen Tag. Die Jüngste, Dschauhara, sollte Königin werden.»
So wurde die Jüngste auf ihre Reise in den Jemen vorbereitet. Ein Schleier bedeckte ihr Gesicht, viele Dienerinnen begleiteten sie und auf den Kamelen lasteten die Schätze als Brautgabe. So zog der junge König mit seiner Braut Richtung Jemen. Wie gerne hätte er ihr Gesicht gesehen! Eines Nachts, als alle in ihren Zelten schliefen, schlich der junge Mann aus seinem Zelt zu seiner Braut. Er sah sie schlafend auf ihren Decken, erkannte, wie wunderschön sie war und entdeckte einen neckischen Schönheitsfleck hinter ihrem Ohr.  Neben ihr lag eine herrliche Perlenkette. Er nahm sie in die Hand und hielt sie ins Mondlicht, um sie zu bewundern. In diesem Augenblick kam ein grosser Vogel und riss sie ihm aus der Hand. Der König sprang dem Vogel hinterher in der Hoffnung, ihn noch zu erwischen, doch schon war er an der Küste und der Vogel flog über das Meer davon. Da stand er nun, schaute verloren über das Wasser, als auf einmal Piraten auf ihn zustürmten. Sie schlugen ihn mit ihren Waffen, fesselten ihn und holten dann ihr Schiff, um ihn fortzubringen und als Sklaven zu verkaufen. Blutend und verzweifelt lag er zwischen den Felsen. Mit letzter Kraft konnte er seine Hände ein wenig befreien. Mit seinem Blut schrieb er eine Nachricht auf die Steine, dann kamen die Piraten und holten ihn.
Als Dschauhara am Morgen erwachte, suchte sie die Perlenkette. Als sie sie nicht fand, schickte sie Diener in das Zelt des Königs, doch das Zelt war leer und niemand wusste, wo der König war. Vor dem Zelt im Sand jedoch sah man Spuren. Dschauhara zog sich die Kleider des Königs an und folgte ihnen bis zur Küste. Dort sah sie das Blut am Boden und entdeckte die Nachricht ihres Bräutigams. Sie setzte sich nieder, weinte und merkte nicht, wie sich Fremde näherten. Sie hielten sie für einen jungen Mann, überfielen sie und bald lag sie gefesselt neben dem Felsen, wie zuvor der König. Kurz darauf war sie bereits auf dem Schiff ihrer Entführer. «Er ist schön, wir wollen ihn dem König von Somalia verkaufen», sagten diese und so geschah es auch. König Jalloul freute sich über den klugen jungen Mann, der sich Schaman nannte, und machte ihn zu seinem Türhüter. Niemand erkannte, dass Schaman in Wirklichkeit eine Frau war, sogar die Tochter König Jallouls, die hübsche Leila merkte es nicht, ja sie verliebte sich in den Fremden und wollte ihn zum Mann. Was sollte Dschauhara nun tun? Sie bat den König: «Das Angebot ehrt mich, doch bitte, lasst mich einmal unter vier Augen mit Leila sprechen.» Dies wurde bewilligt und so kam es, dass Dschauhara der jungen Leila ihre ganze Geschichte erzählte. Zu Tränen gerührt sprach Leila: «Bleibe als Türhüter bei uns und ich werde sehen, wie ich dir helfen kann.»
Doch was geschah mit dem echten Schaman? Er war als Sklave an einen Schweinebauern in Somalia verkauft worden und musste tagaus, tagein die Schweine hüten. Jeden Tag setzte er sich unter einen Baum in den Schatten. Da hörte er einmal, wie die Vögel im Nest über ihm lärmten. Neugierig stieg in in den Baum und fand zu seinem Erstaunen das Perlenhalsband von Dschauhara und versteckte es in seinen lumpigen Kleidern. Nun war aber die Tochter des Schweinebauern gelähmt und Schaman musste sie jeden Tag ins Dorf tragen. Einmal fiel ihm dabei das Perlenhalsband aus seiner Jacke. Das Mädchen schrie auf: «Er ist ein Dieb, ein Dieb!» und man beschloss Schaman vor den König zu bringen. 
«Wie ist dein Name?», wollte König Jalloul wissen, als der fremde Schweinehirt vor ihm stand.
«Ich heisse Schaman und komme aus dem Jemen», antwortete dieser.
«Seltsam,» sprach der König, «genauso heisst auch mein Türhüter, in den sich meine Tochter verliebt hat. Erzähl mir deine Geschichte!»
Da erzählte König Schaman alles. Von seiner Reise zu Dschauhara, dem Halsband und den Piraten. König Jalloul hörte gebannt zu. «Dann bist du der berühmte jemenitische König und bist hier als Sklave gelandet! Ich will dir alle Ehre zukommen lassen und als Geschenk gebe ich dir meinen Türhüter als Begleitung mit, denn er heisst genauso wie du.»
Als Leila hörte, was geschehen war, eilte sie zu Dschauhara und erzählte ihr alles. «Wie kann ich wissen, ob er mich immer noch liebt?», fragte Dschauhara. «Das werde ich herausfinden», versprach Leila.
König Schaman wurde ein Bad vorbereitet und dann liess Leila ihm seinen Umhang bringen, den Dschauhara getragen hatte, als sie entführt wurde. «Wie kommt mein Umhang hierher?», wollte er wissen, «er lag in meinem Zelt damals, als das Unglück geschah.» Da brachte Leila ihren Türhüter herbei und sprach: «Vielleicht kann er es dir erzählen?». Dann liess sie die beiden allein. «Würdest du Dschauhara erkennen, wenn sie vor dir steht’», fragte diese. König Schaman erkannte die junge Frau in den Männerkleidern nicht, doch er sprach: «Ich habe sie nur einmal in Mondlicht gesehen, doch ich weiss von einem Schönheitsfleck hinter ihrem Ohr.»
«So einer, wie dieser hier?», fragte Dschauhara und zeigt ihm ihr Ohr. «Du bist es!», rief er glücklich aus, nahm ihr den Turban vom Kopf und die beiden umarmten sich. «Wie bist du hierhergekommen?», fragte er. Da erzählte sie alles, dass sie sich in seine Kleider gehüllt an die Küste begeben, dort seine Zeichen am Felsen gesehen hatte und dann von Piraten verschleppt worden war. Auch er erzählte seine Geschichte. Sie sprachen lange, die ganze Nacht.
Am nächsten Morgen verbreitete sich die Geschichte im ganzen Palast. Ein Fest wurde gefeiert und einige Tage später bestiegen Schaman und Dschauhara ein Schiff, reisten zurück in den Jemen und lebten dort lange und glücklich.

Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach: I. Diederichs, Märchen aus dem Land der Königin von Saba, Köln 1987

 


Tibet

Seit mehr als siebzig Jahren sind Menschen in Tibet auf der Flucht vor der Repression. Viele wagen den gefährlichen Weg über den Himalaya nach Nordindien, wo ihr Oberhaupt der Dalai Lama lebt. Mittlerweile leben die Tibeter in der ganzen Welt verstreut, manche bereits in der zweiten Generation, doch die Lage in ihrer Heimat macht keine Hoffnung auf Rückkehr.

Märchen: 
Das Salz und das Teekraut
Der Affe und das Kamel
Der wunderbare Birnbaum
 

 


Das Salz und das Teekraut

Seit vielen Generationen war der Stamm der Sha verfeindet mit dem Stamm der Nu, doch niemand wusste mehr, wie es dazu gekommen war. Zwischen den beiden Stämmen war ein Fluss, und auf jeder Seite des Wassers grasten die Schafe. Auf der einen Seite hütete Memetsog, ein liebenswertes Mädchen vom Stamm der Sha ihre Schafe, auf der anderen Seite brachte Wendampa, ein junger Mann vom Stamm der Nu seine Tiere zum Fluss. Jeden Tag sahen sich das Mädchen und der junge Mann, und es dauerte nicht lange und die beiden verliebten sich. Da sang Wendampa sein Liebeslied:

«Das Wasser des Flusses strömt dahin,
Lass uns den Tee gemeinsam kochen
Und die Armreifen miteinander tauschen.»

Bald führten sie ihre Tiere über den Fluss, weideten sie gemeinsam, tranken Tee und tauschten die Armreifen. Einmal aber, als Memetsog sich zu Hause die Hände wusch, erkannte die Mutter den fremden Armreifen und entlockte ihr den Namen des Geliebten. Ihre Mutter war die Stammesanführerin der Sha. Sie rief ihren ältesten Sohn zu sich, gab ihm giftige Pfeile und befahl ihm, Wendampa damit zu töten. Als dieser nicht wollte, schickte sie den zweitältesten Sohn, aber auch er weigerte sich, da schickte sie den Jüngsten. Verängstigt schoss er den vergifteten Pfeil auf Wendampa. Als Memetsog erfuhr, dass ihr Geliebter tot war, stürzte sie sich verzweifelt in den Fluss. Die Götter aber hatten Mitleid mit den beiden Liebenden. Memetsog verwandelten sie in einen Teestrauch, und Wendampa wurde zum Salz in den Hochebenen Tibets, dort wo die Tibeter es seit Jahrhunderten abbauen, um ihren Tee zu salzen. Wann immer nun in Tibet Tee getrunken wird, und das ist oft, entfaltet sich der Duft des Teestrauchs im salzigen Wasser des Buttertees, und die beiden Liebenden kommen zusammen.

Märchen aus Tibet, aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag 2020

 

 


Der Affe und das Kamel

An einem sonnigen Tag sass ein Affe oben in der Krone eines Baumes und schaute neugierig ins Land. Da sah er auf der anderen Seite des Flusses einen Garten mit Pfirsichbäumen. Die Pfirsiche leuchteten rot und gelb in der Sonne. Der Affe bekam furchtbare Lust auf Pfirsiche! Das Wasser lief ihm schon im Mund zusammen. Aber ach! Wie sollte er über den Fluss kommen? Neben dem Pfirsichgarten aber lag ein Feld mit Zuckerrohr. Der Affe wusste genau, dass sein Freund, das Kamel, sehr gerne Zuckerrohr ass. Schnell kletterte er vom Baum herunter und sprang zum Kamel. «Kamel, hör mal!», rief er schon von Weitem. «Ich habe ein herrliches Zuckerrohrfeld entdeckt, das wäre doch etwas für dich.»
«Wo ist es?», fragte das Kamel gierig.
«Du musst über den Fluss, dann nach rechts, ein Stück geradeaus, nach links und dann wieder nach rechts, und dann siehst du das Feld.»
«Das kann ich mir nie merken», jammerte das Kamel. «Könntest du mich nicht hinführen, du bist doch mein Freund?»
«Natürlich, gerne», antwortete der Affe. «Aber wie soll ich über den Fluss kommen, ich kann ja nicht schwimmen.»
«Ich kann schwimmen», meinte das Kamel. «Ich nehme dich einfach auf meinen Rücken und trage dich hinüber.» So kletterte der Affe auf den Rücken des Kamels, machte es sich zwischen den beiden Höckern bequem und liess sich von dem Kamel über den Fluss tragen. Als sie zu dem Zuckerrohrfeld kamen, sagte der Affe: «Du bleibst hier, und ich gehe in den Pfirsichgarten dort und passe auf, dass der Wächter dich nicht erwischt. Man hat dort einen guten Blick nach allen Seiten.»
«Das ist sehr lieb von dir», sagte das Kamel und machte sich auf zum Zuckerrohr. Der Affe aber lief in den Pfirsichgarten, kletterte auf den ersten besten Baum und pflückte einen Pfirsich nach dem anderen. Ach, wie süss die Früchte waren! Ach, wie süss sie dufteten! Der köstliche Saft floss über sein Kinn. Als der Affe sich satt gegessen hatte, kehrte er auf das Zuckerrohrfeld zurück. Das Kamel stand dort, frass, kaute langsam und liess sich Zeit. Dem Affen wurde langweilig. «Wir sollten jetzt gehen», meinte er.
«Ach, warte noch ein Weilchen, ich bin noch nicht fertig», bat das Kamel.
«Ich möchte aber nicht warten», sagte der Affe und hüpfte von einem Bein auf das andere.
«Ich komme ja schon, nur noch dies Rohr», bat das Kamel. Der Affe aber mochte nicht warten und so rief er: «Wenn du nicht gleich kommst, rufe ich den Wächter.»
«Tu das nicht», bat das Kamel. «Er würde mich mit dem Stock schlagen.» Der Affe aber hatte genug vom Warten und schrie laut: «Wächter komm herbei! Ein Kamel ist im Feld. Es frisst dein Zuckerrohr!»
«Bitte nicht!», rief das Kamel. Der Affe aber lief zum Fluss und schrie die ganze Zeit weiter. Der Wächter hörte das Geschrei, sprang auf, rannte zum Kamel schlug es mit seinem Stock, um es zu vertreiben. Das Kamel lief jammernd aus dem Feld zum Fluss, wo der Affe stand. «Warum bist du nicht gleich gekommen?», sagte der Affe. «Dann hätte der Wächter dich nicht geschlagen.»
«Du bist schuld!», jammerte das Kamel. «Du hast ja den Wächter gerufen.»
«Ich?», fragte der Affe.
«Wer den sonst?», schimpfte das Kamel. Der Affe kratzte sich ein Weilchen hinter dem Ohr und sagte dann: «Weisst du, Kamel, ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich den Wächter gerufen habe. Aber manchmal überkommt es mich einfach und ich tue Dinge, die ich sonst nie tun würde. Wie eine Art Krankheit.»
«Nun gut», meinte das Kamel. «Komm jetzt auf meinen Rücken. Wir wollen nach Hause.» Der Affe sprang auf den Rücken des Kamels und machte es sich zwischen den Höckern bequem. Als sie mitten im Fluss waren, rief das Kamel plötzlich: «Ich werde jetzt kurz untertauchen.»
«Aber nein!», rief der Affe erschrocken. «Auf keinen Fall! Da werde ich nass und ich kann nicht schwimmen!»
«Weisst du, Affe, manchmal überkommt es mich einfach und ich tue Dinge, die ich sonst nie tun würde. Wie eine Art Krankheit.» Und mit diesen Worten tauchte es unter.
«Hilfe!», schrie der Affe als er ins Wasser plumpste.Der Fluss war nicht tief und der Affe paddelte schon bald nass ans Ufer. Aber von dem Tag an spielte er seinem Freund, dem Kamel, keinen bösen Streich mehr.

Fassung Djamila Jaenike, nach: D. und M. Stovickova, Tibetische Märchen, Prag, 1974, © Mutabor Märchenstiftung


Der wunderbare Birnbaum

Ein Bauer fuhr einmal mit seinem Wagen voller goldgelber und süsser Birnen auf den Markt. «Herrliche Birnen zu verkaufen, kommt Leute und kauft!», rief er immer wieder. Das hörte auch einer der Mönche, vom nahen Kloster. Er kam näher und bat: «Sehr gerne hätte ich eine einzige Birne.» Der Bauer schaute den Mönch an und schüttelte den Kopf. Natürlich hatten Mönche kein Geld, also konnten sie sich keine Birnen kaufen, aber er wollte hier das grosse Geschäft machen und keine seiner Früchte verschenken. Der Mönch schaute ihn traurig an und sagte: «Du hast so viele Birnen auf deinem Wagen und kannst doch sicher eine einzige entbehren», dabei hielt er bittend seine Hand hin. Der Bauer schaute den zerlumpten Mönch an, wurde wütend und schrie: «Verschwinde, du Hungerleider!».
«Wieso wirst du so zornig, es geht doch nur um eine Birne?», fragte der Mönch. Da begann der Bauer vor Wut zu schreien und zu fluchen. Das störte nun die anderen Händler, die in Ruhe ihre Ware verkaufen wollten. «Gib ihm doch eine Birne und dann gebt Ruhe!», sagten sie. Doch der Bauer wollte keine einzige hergeben. Endlich kam ein Kaufmann aus seinem Laden, gab dem Bauern eine Münze und drückte dem Mönch eine Birne in die Hand. «So, und jetzt ist Ruhe!»
«Ich danke dir!», sagte der Mönch. «Ich besitze nichts und kenne keinen Geiz. Deshalb lade ich euch jetzt alle ein mit mir Birnen zu essen.»
Mittlerweile hatten sich viele Menschen um den Mönch versammelt und einer rief lachend: «Wie willst du mit uns teilen, du hast doch nur eine einzige?»
«Wartet, gleich werden wir mehr haben, ich muss nur erst den Birnbaum pflanzen.» Er begann die Birne zu essen. Schmatzend schleckte er den süssen Saft auf und ass, bis er nur noch die Kerne in der Hand hielt. «Jetzt brauche ich eine Hacke und Wasser.» Sofort eilte jemand, um das gewünschte zu holen und vor den Augen der Zuschauer, hackte der Mönch ein Loch in den Boden, legte den Birnenkern hinein und goss ihn mit Wasser an. Erstaunt sahen die Leute, dass schon bald darauf ein Keimling aus dem Boden wuchs. Er wuchs und wuchs und wurde vor ihren Augen zu einem Baum mit Stamm, Ästen und Blättern. Kurz darauf begann er zu blühen und schon bald hingen dicke Birnen daran, saftig gelb und reif. Der Mönch kletterte auf den Baum, nahm eine Birne nach der anderen und verschenkte sie an die Umstehenden. Nicht lange, da waren alle Birnen aufgegessen. Der Mönch nahm die Axt, fällte den Baum, nahm den Stamm auf die Schulter und wanderte unter Winken davon.
Während dieser ganzen Zeit hatte der Bauer dem Mönch mit offenem Mund zugeschaut. Nun, als dieser fort war, sah er sich um und traute seinen Augen nicht: Die Birnen waren fort und die Achse seines Wagens ebenfalls. «Ein Dieb, ein Dieb¨», rief der Bauer und rannte dem Mönch hinterher, doch der war schon längst verschwunden. Nur die Wagenachse lag vor dem Stadttor. Als der Bauer zu seinem Wagen zurückkehrte lachten die Leute. «Das hast du nun von deinem Geiz!», sprachen sie und der Bauer senkte beschämt seinen Kopf. Die Geschichte vom wunderbaren Birnbaum erzählten sich die Leute noch lange mit Genuss und ihr, ihr kennt sie jetzt auch.

Märchen aus Tibet, Fassung Djamila Jaenike, nach: J. Guter, Tibetische Märchen, Frankfurt a M. 1997, © Mutabor Märchenstiftung

 


Eritrea

In Eritrea, dem Land im nordöstlichen Afrika, sind Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung. Jahrelange Zwangsrekrutierung, grundlose Inhaftierung und die Unterdrückung von Minderheiten bringen Zehntausende von Menschen jedes Jahr dazu, den gefährlichen Weg der Flucht zu wagen.

Märchen:
Zwei Männer und zwei Esel
Die Geschichte vom Elefanten, vom Leoparden und seinem Sohn
Der Rat der Mäuse

 


Der Rat der Mäuse

Der älteste Feind der Maus ist die Katze. Einmal trafen sich deshalb die Mäuse, um sich gemeinsam zu beraten. Als sie alle beisammen waren, rief die erste Maus: „Die Katze tötet uns Mäuse. Was können wir dagegen tun?“ Gemeinsam überlegten sie, wie sie sich wohl am besten vor der Katze schützen könnten. Endlich hatte eine Maus eine Idee: „Lasst uns der Katze eine Glocke umbinden. Wenn sie kommt und uns fressen möchte, dann hören wir sie. So bleibt uns genug Zeit, um zu fliehen.“ Alle Mäuse waren mit diesem Plan einverstanden: „Ja! So machen wir es.“Nachdem sie den Rat beendet hatten, gingen sie nach Hause.
Dort sass der Grossvater der Mäuse. Er war zuhause geblieben und wartete gespannt auf die Entscheidung des Mäuserates. „Meine Kinder, was habt ihr beschlossen?“
Sie erzählten von ihrer Idee: „Wir wollen der Katze eine Glocke anziehen. Wenn sie in unsere Nähe kommt, so hören wir das Klingeln der Glocke und können rechtzeitig fliehen.“  Der Grossvater nickte nachdenklich. „Das habt ihr gut geplant, meine Kinder. Aber wer von Euch fängt die Katze? Und wer zieht ihr die Glocke an?“ Nun wurden die Mäuse ganz still vor Angst und flüsterten einander zu: „Das ist wahr. Wer soll sie für uns fangen?“ Niemand traute sich. Keine einzige Maus. So war der Rat der Mäuse am Ende vergebens.
Und bis heute gibt es in Eritrea eine Redewendung für einen Rat, der vergebens tagt und keine Lösung findet. Man sagt: „Es ist wie beim Rat der Mäuse.“

Märchen aus EritreaFassung Anina Meile, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

 

 

Zwei Männer und zwei Esel

Es trafen sich einmal zwei Männer auf der Strasse, die beide einen Esel mit sich führten. Die Männer begrüssten sich und plauderten miteinander. Auch die Esel begrüssten sich und schienen miteinander zu plaudern, indem sie ihre Nasen zusammensteckten. Das entging den beiden Männern nicht und der eine fragte: «Sag mal, was haben sich die beiden Esel eigentlich zu sagen?»
«Weisst du das denn nicht?», fragte der andere. «Die Esel haben den stärksten von allen Eseln als Boten zum Herrn geschickt, um zu fragen, wann er sie endlich von der Tyrannei der Menschen befreit. Immer, wenn sich zwei Esel treffen, fragen sie einander, ob der Bote schon mit einer Antwort zurückgekehrt sei.» Da die Esel bis heute die Köpfe zusammenstecken, wenn sie sich treffen, warten sie wohl noch immer auf den Boten, der ihnen die Freiheit bringt.

Märchen aus Eritrea, Fassung Djamila Jaenike, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die Geschichte vom Elefanten, vom Leoparden und seinem Sohn

In Eritrea gibt es ein Sprichwort, das heisst: „Die Ziegen sind schuld, sagt der Leopard.» Wie es zu diesem Sprichwort kam, erzählt die folgende Geschichte: Ein Leopard war einmal auf der Jagd. Seinen kleinen Sohn musste er allein zurücklassen. Kaum war der Leopard fort, kam der Elefant, trat mit seinen grossen schweren Füssen auf das Leopardenjunge, so dass es starb. Dies alles hatte ein Mann gesehen. Er wartete bei dem toten Tier und als der Leopard nach Hause kam, rief er: «Es ist etwas Schreckliches geschehen, dein Sohn wurde getötet». Der Leopard erschrak und fragte: «Wer hat ihn getötet?»
«Es war der Elefant.»
Da erschrak der Leopard noch mehr, denn der Elefant war viel grösser und stärker als er. Deshalb sagte er: «Ich denke, es waren die Ziegen. Ich werde mich an ihnen rächen!»
«Aber nein!», sprach der Mann, «es war der Elefant ich habe es genau gesehen!»»
Doch der Leopard wollte nicht hören. Er sprang davon, um sich an den Ziegen zu rächen.
Bis heute jagen die Leoparden die Ziegen, weil man sie leichter fangen kann als die Elefanten. Und wenn sich einer, dem von einem Stärkeren unrecht getan wurde, gegen jemanden stellt, der schwächer ist als er, sagen die Eritreer: «Die Ziegen sind schuld, sagt der Leopard».

Märchen aus Eritrea, Fassung Djamila Jaenike, nach: E. Littmann, Tales, Customs, Names and Dirges oft he Tigre Tribes, Vol. II, Leyden 1910, © Mutabor Märchenstiftung

 

 


Syrien

Syrien hat eine bewegte Geschichte, die weit in die Zeit vor unserer Zeitrechnung zurückgeht. Seit 2011 herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Viele sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht, über 11 Millionen Menschen mussten bereits ihr Zuhause oder sogar ihr Land verlassen, täglich werden es mehr. Sie haben kaum Hoffnung, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Märchen
Hase und Elefant
Die glückliche Frau
Die Knotenschnur


Hase und Elefant

In einem Land hatte es viele Jahre nicht geregnet. Die Pflanzen vertrockneten und die Tiere litten Hunger und Durst. Da schickte der König der Elefanten Späher aus, um nach einer Quelle zu suchen. Bald kehrte einer der Elefanten zurück und erzählte: «Ich habe eine Quelle gefunden, sie heisst Mahchani, Mondquelle, und es wächst viel Gras dort.» Sogleich beschloss der König der Elefanten, mit seiner Herde an die Mondquelle zu ziehen. Dort an der Mondquelle wohnten aber zahlreiche Hasen. Als die Elefanten mit ihren grossen Füssen an das Wasser zogen, zertrampelten sie die Bauten der Hasen, und einige starben. Da versammelten sich die Hasen, und der Hasenkönig sprach: «Ihr wisst, wie schlecht es uns geht, seit die Elefanten an unserer Quelle sind. Wir müssen einen Weg finden, uns von den Elefanten zu befreien, bevor noch mehr von uns sterben.» Da meldete sich der Hase Peroz, der für seine Schlauheit bekannt war, und sprach: «Ich werde zu den Elefanten gehen und sie dazu bringen, von hier fortzugehen. Gebt mir nur einen Tag Zeit.»
Der König der Hasen war einverstanden, und so begab sich Peroz in die Nähe der Elefanten, die neben der Quelle Gras frassen. Er wartete, bis es langsam dunkel wurde. Dann setzte er sich auf einen Felsen und sprach: «König der Elefanten, höre! Der Mond schickt mich mit einer Botschaft zu dir.»
«Was hat er mir zu sagen?», fragte der König der Elefanten.
«Der Mond lässt dir sagen, dass du und dein Volk seine Quelle verunreinigen. Ich soll dich warnen. Wenn du die Mondquelle nicht verlässt, werden du und dein Volk das Leben verlieren. Wenn du mir nicht glaubst, so werde ich dich überzeugen, komm mit mir.»
Der Hase führte den König der Elefanten zur Quelle. Mittlerweile war es dunkel, nur der Mond schien hell vom Himmel. «Begrüsse den Mond in der Quelle!», befahl der Hase.
Der König der Elefanten hielt seinen Rüssel in das Wasser. Da zitterte die Oberfläche, und das Spiegelbild des Mondes erbebte. «Siehst du? Der Mond ist erzürnt über dich und dein Volk.»
Der Elefant erschrak und rief: «Oh wohltätiger Mond, zürne uns nicht. Wir werden noch heute Nacht fortgehen und nicht wieder herkommen.» So machte sich die Elefantenherde noch in der gleichen Nacht auf die Suche nach einer anderen Quelle. Der Hase aber kehrte als Held zu seinem König zurück.

Märchen aus Syrien, Fassung D. Jaenike, nach: F. Schulthess, Kalila und Dimna, Berlin 1911, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die glückliche Frau

Einst lebte ein Beduinenstamm in der Wüste. Ihr Stammesführer hatte eine wunderschöne Tochter, die hiess Zina. Als die Zeit kam, dass sie heiraten sollte, rief der Vater die Tochter zu sich und sagte: «Bald wirst du heiraten, Zina. Sag, wie soll dein Bräutigam sein?» Die Tochter überlegte kurz und sagte: «Ich möchte einen Mann, der arm ist aber auch reich.» Der Vater wunderte sich. «Wie soll dies gehen?», fragte er, «wie kann ein Mann arm sein und zugleich reich?»
«Nun, das ist meine Bedingung. Ich werde erst heiraten, wenn du einen Mann für mich findest, der arm ist und auch reich.» Was blieb dem Vater übrig? Er rief die Männer im Stamm zusammen und teilte ihnen den Wunsch seiner Tochter mit. Die jungen Männer schüttelten die Köpfe. Aber es dauerte nicht lange, da ging einer nach dem anderen zu Zinas Zelt. «Ich bin reich», sagte der Erste und brachte ihr Schmuck und Edelsteine. «Und wenn ich die dies alles gebe, bin ich arm.» Zina aber schüttelte den Kopf und meinte: «Du bist nicht so, wie ich es wünsche», und schickte ihn wieder hinaus. Der nächste brachte eine ganze Karawane, beladen mit Schätzen, vor Zinas Zelt. «Sieh, ich bin reich», sprach er, «doch wenn Räuber mich überfallen, bin ich arm.» Doch Zina schüttelte wieder den Kopf und meinte: «Du bist nicht so, wie ich es wünsche», und schickte auch ihn wieder hinaus. Auch der dritte Freier war reich. Er sagte: «Ich bin arm und reich zugleich, denn wenn ich all meinen Reichtum an die Armen verteile, habe ich nichts mehr.» Zina aber schlug die Augen nieder und sprach: «Du bist nicht so, wie ich es mir wünsche.»
Der vierte Mann trat vor Zinas Zelt. «Schau, ich bin arm. Doch mit meinen Soldaten kann ich jede Karawane überfallen und dann bin ich reich.» Zina wurde bleich bei diesen Worten und sie sprach: «Auch du bist nicht der rechte, denn du verstehst nicht, wie ich es meine.» Als letztes kam ein Mann zum Zelt, dem man schon von Weitem die Armut ansah. Einzig eine Nadel und einen Hammer trug er bei sich. «Ich glaube, ich könnte dich glücklich machen», sprach er, «denn ich bin zwar arm, doch mit dieser Nadel kann ich die schönsten Kleider nähen und mit diesem Hammer, den herrlichsten Tisch bauen.» Da lächelte Zina und sagte: «Du bist so, wie ich es mir wünsche!», sprach sie und so wurden sie miteinander vermählt und lebten ein glückliches Leben.
Daus, daus
Die Geschichte ist aus.

Märchen aus Syrien, Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Kuhr, Arabische Märchen aus Syrien, Frankfurt a. M/Leipzig 1993, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die Knotenschnur

Es war einmal ein Mann, der musste seinen einzigen Sohn alleine aufziehen. Eines Tages musste er schweren Herzens sein Heimatdorf verlassen, um in der Stadt Geld zu verdienen. Also nahm er seine wenigen Habseligkeiten, hob das kleine Kind auf seine Schultern und machte sich auf den Weg in die Stadt. Der Weg war weit und dem Sohn wurde die Zeit lang. Er schaute sich um und sah einen Vogel. «Was ist das?», wollte er wissen. «Das ist ein Rabe», antwortete der Vater. Der Junge sah viele verschiedene Dinge und der Vater antwortete geduldig. Schliesslich zog er eine Schnur aus seiner Jacke hervor, und als der Junge fragte: «Was ist das?», antwortete der Vater: «Ein Falke …, ein Sperling …, eine Taube …», und machte jedes Mal einen Knoten in die Schnur. Als sie endlich in der Stadt angekommen waren, war die Schnur voller Knoten.
Der Vater und sein Sohn lebten viele Jahre in der Stadt. Der Vater trieb Handel, verdiente Geld und der Sohn wuchs heran und ging ihm zur Hand. So wurde der Vater alt und der Sohn übernahm die Geschäfte. Mit der Zeit wurde der Alte so gebrechlich, dass er sich kaum noch bewegen, geschweige denn gehen konnte. Schliesslich äusserte er den Wunsch, wieder zurück in die Heimat zu kehren und auch der Sohn wollte gerne die Verwandtschaft besuchen. Der Sohn nahm ein paar wenige Habseligkeiten mit sich, hob den alten Vater auf seine Schultern und machte sich auf den Weg ins Heimatdorf. Der Weg war weit und dem Vater wurde die Zeit lang. Er schaute sich um und sah einen Vogel. Da seine Augen nicht mehr die besten waren, fragte er: «Was ist das?»
«Ein Rabe», antwortete der Sohn. «Und das?», wollte der Vater wissen und zeigte auf einen anderen Vogel. «Ein Rabe», sagte der Sohn, ohne den Blick zu heben. «Und das hier?», fragte der Vater, doch da war der Sohn mit seiner Geduld schon am Ende. Er hob den Vater von seinen Schultern, setzte ihn auf den Boden und sagte laut: «Ich habe dir doch gesagt, dass das ein Rabe ist!» Da zog der Vater eine Schnur aus seiner Jacke. Sie war voller Knoten. Er betrachtete sie und sagte: «Schau, diese Schnur ist voller Knoten. So viele Fragen hast du gestellt, als ich dich auf dem gleichen Weg zur Stadt trug und ich habe sie alle geduldig beantwortet. Du aber, ärgerst dich schon nach wenigen Fragen. Das ist wie im Sprichwort: Ein Vater kann zehn Kinder ertragen, aber zehn Kinder nicht einen Vater.»
Der Sohn hörte zu. Dann setzte er sich neben seinen Vater auf den Boden, nahm die Knotenschnur in die Hand und betrachtete sie. Schliesslich lächelte er, nahm er die Hand seines Vaters hob ihn auf den Rücken und es dauerte nicht lange, da kamen sie im Heimatdorf an. Als der Vater später starb, nahm der Sohn die Knotenschnur an sich, und als er selber Vater wurde, wurde er nicht müde, seinen Kindern diese Geschichte zu erzählen.

Märchen aus Syrien, Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Kuhr, Arabische Märchen aus Syrien, Frankfurt a. M/Leipzig 1993, © Mutabor Märchenstiftung

 


Afghanistan

Seit vier Jahrzehnten leidet die Bevölkerung in Afghanistan unter dem Krieg, der zigtausende Afghaninnen und Afghanen das Leben gekostet hat. Nicht nur die bewaffneten Konflikte,  auch die Verfolgung aufgrund religiöser Zugehörigkeit treiben die Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und aus ihrem Land zu flüchten. 

Märchen
Wer ist nun der Maler?
Der Kaufmann und der Papagei
Von den Talenten
Nim Kuni

 


Wer ist nun der Maler?

Ein Mann war mit einem Tiger befreundet. Einmal gingen sie zusammen, und da sahen sie ein Bild, auf dem ein Mensch dargestellt war, der einen Tiger zu Boden geworfen hatte. „Da schau“, bemerkte der Mann, „wie der Mensch den Tiger besiegt hat.“
Tiger erwiderte: „Das Bild hat auch ein Mensch gemalt. Hätte es ein Tiger gemalt, so wäre es umgekehrt.“

Märchen aus Afghanistan, Aus: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985

 

​​​​​Der Kaufmann und der Papagei

Ein Kaufmann wollte eine weite Reise nach Indien machen. Er versammelte seine Familie um sich und fragte jeden, was er ihm als Geschenk aus Indien mitbringen sollte und jeder sagte, was er sich wünschte. Nun besaß der Kaufmann einen Papagei in einem Käfig, auch den fragte er: »Was soll ich dir mitbringen? Ich reise nach Indien, das ist doch deine Heimat. Sag, was wünschst du dir?«  Der Papagei sprach: »Bitte geh in einen Wald, wo die Papageien auf den Ästen der Bäume sitzen. Grüße sie von mir und erzähle ihnen, wie ich in meinem Käfig lebe und bringe mir bitte ihre Antwort.«  Der Kaufmann war gern bereit, diese Bitte zu erfüllen. Er packte seine Sachen und machte sich auf die Reise. Als er in Indien in einen Wald kam, sah er dort Papageien, und sein Versprechen fiel ihm wieder ein.  »He, ihr Papageien! Einer eurer Brüder wohnt bei mir zu Hause in einem Käfig. Er bat mich, euch zu grüssen und ihm eine Antwort von euch mitzubringen«, sprach der Kaufmann.  Als der Älteste der Papageien diese Worte vernahm, zitterte er, schlug mit den Flügeln und fiel tot zu Boden. Als der Kaufmann das sah, wurde er sehr betrübt und ging dann traurig nach Hause. Als er seine Geschäfte in Indien abgeschlossen hatte, kehrte er nach Hause zurück. Dort empfing man ihn freudig, und er übergab jedem sein Geschenk: Der eine erhielt ein Baumwolltuch, der andere ein Stück Stoff für ein Hemd oder ein Paar Hosen, einen Turban oder einen Gürtel, die Mädchen bekamen Pantoffeln und die Frauen Schmuck und Kopftücher. Dann ging er zum Papagei und dieser fragte: »Hast du mir eine Antwort von den Papageien mitgebracht?«  
»Ach, es wäre besser für dich, wenn ich es dir nicht erzählen würde, bestimmt macht es dich traurig“, sagte der Kaufmann. Doch der Papagei bat ihn, trotzdem zu berichten und so erzählte der Kaufmann: » Ich ging durch einen Wald, wo ich lauter Papageien sah. Ich überbrachte ihnen deinen Gruß und berichtete ihnen, wie du bei mir zu Hause in einem Käfig lebst. Kaum hatte ich dies gesagt, zitterte einer der Papageien, schlug mit den Flügeln und fiel tot vom Baum. Siehst du, deshalb bin ich so traurig und wollte es dir nicht erzählen.«  Der Papagei hatte aufmerksam zugehört. Dann begann er zu zittern, schlug mit den Flügeln und fiel tot zu boden. Der Kaufmann weinte und schluchzte. Er nahm den Vogel aus dem Käfig, trug ihn in seiner Hand hinaus in den Garten und legte ihn dort auf den Boden.  In diesem Moment flog der Papagei auf und setzte sich auf einen hohen Ast und rief: „Ich danke dir, Kaufmann, für die Antwort, die du mir von meinen Verwandten mitgebracht hast, denn jetzt bin ich frei!« 
Da verstand der Kaufmann und rief: » Möge Allah dich schützen und bewahren!«
Dann flog der Papagei davon.

Märchen aus Afghanistan, Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985, © Mutabor Märchenstiftung

 


Von den Talenten

Der Padischah Mahmud von Ghasni verkleidete sich abends gerne als Bettler, um zu erfahren, was sein Volk so trieb. So geriet er einmal in eine Schar von Dieben.  Diese sprachen ihn an und fragten:  „Was bist du für einer?“
„Ich bin so einer wie ihr“, erwiderte der Padischah.
„Gut“, sagten die Diebe, „dann soll nun jeder sagen, was seine besondere Begabung ist, damit wir dann gemeinsam erfolgreich stehlen gehen können.“
Der erste sagte: „Ich kann verstehen, was die Hunde bellen.“
Der zweite meinte: „Ich kann jeden Menschen, selbst, wenn ich ihn nur nachts gesehen habe, sofort wiedererkennen«
„Ich bin sehr stark“, sagte ein dritter. „Wenn ich in einer Wand einen Riss finde, kann ich die ganze Wand einreissen.“
Ein vierter verkündete: „Ich habe eine gute Nase. Liegt irgendwo Geld vergraben, so kann ich es riechen.“
Der nächste Dieb sagte: „Ich bin ein Meister im Schlingenwerfen. Selbst wenn es eine sehr glatte und ebenmäßige Mauer ist, findet mein Seil daran Halt.“
Als nun sämtliche Diebe ihre Begabung verraten hatten, wandten sie sich an den verkleideten Padischah und fragten ihn: „Nun, was für eine Begabung besitzt du?“
Der Padischah erwiderte: „Ich besitze die Gabe, zum Tode verurteilte zu befreien, ich brauche dafür nur an meinem Bart zu zupfen.“  Die Diebe brachen in Begeisterungsrufe aus: „Du hast die beste Gabe. Sollten wir vor den Henker geführt werden, kannst du uns befreien. Sei unser Anführer!“
So machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Sie kamen zu einem Haus, wo sie einbrechen wollten. Da hörten sie Hunde bellen und der erste der Diebe sagte: „Seltsam, die Hunde sagen, dass der Padischah bei uns ist.“
„Du bist ein Dummkopf, sicher meinen sie unseren neuen Anführer, der ist für uns wie ein Padischah, weil er Verurteilte befreien kann“, sagten die anderen.
Der Dieb, der Schätze riechen konnte, meinte: „Hier liegt ein Schatz, ich rieche Gold und Edelsteine.« Der Dieb, der ein Meister im Schlingenwerfen war, warf ein
Seil, und alle kletterten daran über die Mauer.
Der Kraftprotz grub einen Tunnel zu dem Raum, in dem sich der Schatz befand, und alle krochen hinein.
Die Diebe stahlen soviele Schätze, wie sie nur tragen konnten. Sie verließen das Haus und vergruben sämtliche Wertsachen außerhalb der Stadt, um sie später wieder auszugraben und unter sich zu verteilen. Dann trennten sie sich, und jeder ging nach Hause. Der Padischah erfuhr, wo jeder der Diebe wohnte, prägte sich ihre Namen ein und ging auf Umwegen zurück zu seinem Palast. Dort zog er die Bettlerkleidung aus, rief den Hauptmann der Palastwache und befahl die Diebe zu fangen. Der fand sie und brachte sie in den Palast vor den Padischah. Dieser sass auf seinem Thron und der Dieb, der jedes Gesicht wiedererkennen konnte, erkannte im Padischah sogleich den  Bettler wieder und teilte es seinen Diebesfreunden mit. Da sagten die Diebe: Oh mächtiger Herrscher. Du hast das Recht, uns zum Tode zu verurteilen. Doch vorerst, so bitten wir dich, höre uns an.“
„So sprecht“, sprach der Padischah. „Nun“, begann der Dieb, der den Padischah wiedererkannt hatte, „letzte Nacht haben alle ihre Begabungen mitgeteilt und jeder hat sein Talent unter Beweis gestellt. Der erste hat die Sprache der Hunde übersetzt, der zweite den Schatz gerochen, der dritte, die Schlinge geworfen, der vierte den Tunnel gegraben und ich habe dich wiedererkannt, obwohl du als Bettler verkleidet warst und es dunkle Nacht war. Doch dein Talent haben wir bisher noch nicht gesehen.“ Der Padischah wurde nachdenklich, als er dies hörte. Dann zupfte er an seinem Bart, liess die Diebe begnadigen und verteilte die Schätze unter ihnen, so dass sie von nun an ohne Sorge leben konnten und nicht wieder zu stehlen brauchten.

Märchen aus Afghanistan, Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Der Zauberbrunnen, Leipzig 1985, © Mutabor Märchenstiftung

 

Nim-Kuni

Es lebte einstmals ein Padischah. Der besaß sieben Frauen, aber keine Kinder. Ganze Tage lang grämte er sich deshalb. Eines Tages nun wurde er so traurig, daß er sich sogar zu Bett legte. Da klopfte ein Fakir an seinen Palast und bat um eine milde Gabe. Der Schah erhob sich und reichte ihm ein Almosen.
„Oh, Padischah“, sagte der Fakir. „Ich bin zu jedem Opfer für dich bereit, sag, weshalb bist du so traurig?“
„Ich habe sieben Frauen, doch keinen Sohn. Darum bin ich so traurig“, sagte der Padischah.
„Kornm mit mir“, sprach da der Fakir. ​​​​​Sie verließen die Stadt und kamen zu einem Baum. Der Fakir brach einen Zweig mit sieben Blättern und reichte ihn dem Padischah.
„Nimm diese Blätter“, sagte der Fakir, „und gib sie deinen Frauen. Jede soll ein Blatt essen.“
Der Padischah kehrte in seinen Palast zurück und gab jeder Frau ein Blatt. Doch da kam eine Maus gelaufen und knabberte von einem der Blätter die Hälfte ab.
Als nun die Zeit heran war, gebar jede der sieben Frauen dem Padischah einen Sohn. Nur die Frau, die das halbe Blatt bekommen hatte, gebar einen Jungen, der war nur halb so gross, wie die anderen. Sie nannte ihn Nim-Kuni.
Jahre vergingen. Die Söhne des Padischahs wuchsen heran und wurde stark und gross. Jedem der sechs Söhne schenkte der Vater ein Pferd, Nim-Kuni aber schenkte er eine Katze als Reittier. Die sechs Söhne erhielten Speere, um ihre Kraft, ihre Geschicklichkeit zu messen, NimKuni aber erhielt eine Spindel. Einmal erprobten die Prinzen ihre Geschicklichkeit. Doch keiner traf ins Ziel. Da ritt Nim-Kuni auf seiner Katze herbei, sprang unter den Pferden hindurch und traf mit seiner Spindel mitten ins Ziel. Da schämten sich die Brüder.
„Lauf uns nicht immer nach“, sagten sie zu Nim-Kuni. „Mach nicht immer das, was wir machen.“ Doch er gehorchte ihnen nicht. Wo sie hingingen, da ging auch er hin, manchmal auch ohne, dass sie es merkten.
Einmal ritten die Brüder auf die Jagd, Nim-Kuni wollten sie aber nicht mitnehmen. Er ritt aber trotzdem mit und versteckte sich mit seiner Katze unter einem der Pferd.
Als sie eine Weile geritten waren, bekamen sie Hunger. Sie kamen an einem Garten vorbei. Dort wuchsen hinter einem Zaun herrliche Melonen. „Wäre doch Nim-Kuni hier“, sagte einer der Brüder, „der würde durch den Zaun klettern und uns Melonen holen.“ Kaum hatte Nim-Kuni diese Worte gehört, da sprengte er mit seiner Katze hervor, kletterte durch den Zaun und holte Melonen. Die Brüder assen die Melonen, dann sprachen sie:   „Jetzt reite aber nach Hause und komm uns nicht immer hinterher!“ Aber Nim-Kuni folgte ihnen auch weiterhin, immer unter den Pferden versteckt. So ritten und ritten sie und kamen endlich in die Steppe. Dort lebte eine alte Zauberin, die Menschenfleisch ass. Weil es schon Nacht wurde, mussten die Brüder in der Hütte der alten schlafen. Die Alte sagte: „Legt euch schlafen!“ Die Brüder fürchteten sich vor der Zauberin und flüsterten: „Wenn jetzt Nim-Kuni da wäre, würde er uns retten.“ Als Nim-Kuni die Worte gehört hatte, kam er hervor und sagte zur Alten: „Gib uns erst zu essen, dann gehen wir schlafen.“
Die Alte bereitete das Essen zu und als alle satt waren, sprach sie: „Legt euch jetzt schlafen!“ Da sprach Nim-Kuni: „Wir sind durstig. Hol uns erst Wasser in einem Sieb.“ Die Alte ging mit dem Sieb zum Fluss. Nim-Kuni aber rief seinen Brüdern zu: „Schnell, wir müssen fliehen!“ Sie eilten davon so schnell sie konnten, denn nicht lange, da merkte die Alte, dass man in einem Sieb kein Wasser holen kann. Als sie zum Haus kam und sah, dass die Gäste fort waren, sagte sie wütend: „Die haben mich reingelegt, aber ich werde sie einholen!“
Währendessen waren die sechs Brüder mit ihren schnellen Pferde wieder zu Hause eingetroffen. Nur Nim-Kuni war zurückgeblieben und die Alte holte ihn ein. Gerade als sie ihn packen wollte, kroch er in eine Höhle. Sie setzte sich vor das Loch und wartete, dabei schlief sie ein und Nim-Kuni nahm seine Spindel und tötete sie.  Dann setzte er sich auf seine Katze und ritt nach Hause. Dort erzählte Nim-Kuni, wie er die Brüder vorm Tod bewahrt hatte. Der Padischah hörte staunend zu und lobte Nim-Kuni.
Von diesem Tag an durfte er stets zusammen mit seinen Brüdern reiten.

Märchen aus Afghanistan, Fassung Djamila Jaenike, nach: M. Lorenz, Afghanische Märchen, Leipzig 1985, © Mutabor Märchenstiftung

 


Uiguren

Der Ausdruck "Uiguren" meint die Vereinigung von mehreren indoeuropäischen und turkstämmigen Volksgruppen in Zentralasien. Die meisten leben in Ostturkestan, im Nordwesten Chinas. Als ehtnische Minderheit werden sie in Umerziehungslager gezwungen und sind ständiger Beobachtung, Unterdrückung und Diskriminierung ausgesetzt. Ihre eigene Kultur  und ihre Traditionen drohen verloren zu gehen.

Märchen
Ausgezeichnet 
Das Kamel, das um sein Geweih betrogen wurde
Der Frosch als Prahlhans

 


Ausgezeichnet

Es war einmal ein armer Mann, der schuftete von früh bis spät und brachte es trotzdem zu nichts. Einmal – es war mitten im Winter – heizte der Arme seine Hütte, so dass sie mollig warm war, trug Erde herein und pflanzte einen Melonenkern. Es dauerte nicht lange, da begann die Pflanze zu wachsen. Nach kurzer Zeit hing eine grosse Frucht am Stängel.«Ich will sie dem Kaiser bringen», sagte sich der Arme. «Er wird mir die Melone sicher gut bezahlen.» Und so brach er auf und schleppte die Melone zum Palast des Kaisers. «Hast du die Melone selbst gezogen?», fragte der Kaiser neugierig. «Ja, Eure Majestät», antwortete der Arme. «Ausgezeichnet!», lobte ihn der Kaiser. «Und das bei dieser Kälte?»
«Ja, Eure Majestät.»
«Ausgezeichnet!», lobte wieder der Kaiser. «Und du hast dir die Mühe nur deshalb gemacht, um mir die Melone als Geschenk zu bringen?»
«Ja, Eure Majestät», flüsterte der Arme.
«Ausgezeichnet», rief der Kaiser, biss in die Melone, dass ihm der Saft vom Munde spritzte und entliess den Armen, ohne ihm die Frucht zu bezahlen. Der Arme trat aus dem Palast. Sein Magen knurrte vor Hunger, und am liebsten hätte er geweint. Da kam er an einem Wirtshaus vorbei. «He, du da, hast du nicht Appetit auf Tügüre, Teigtaschen?», rief der Wirt aus der Tür. Der Arme liess sich das nicht zweimal sagen. Schnell war er im Wirtshaus und noch schneller am Tisch. Der Wirt stellte eine Schüssel dampfender Teigtaschen vor ihn hin, und da der Arme schon lange nichts gegessen hatte, langte er tüchtig zu. «Hast du den Teig selbst zubereitet?», fragte der Arme den Wirt. «Selbstverständlich», antwortete der.
«Ausgezeichnet», lobte ihn der Arme. «Hast du sie auch selbst gekocht?»
«Selbstverständlich!»
«Ausgezeichnet», meinte der Arme. «Hast du die Tügüre auch selbst aus dem Wasser genommen?»
«Selbstverständlich!», antwortete der Wirt, der sich langsam über die vielen Fragen zu ärgern begann.
«Ausgezeichnet!», rief der Arme, erhob sich und schritt zur Tür. «Du hast zu zahlen vergessen», rief der Wirt und rannte dem Armen nach. Und weil der keinen Groschen bei sich hatte, liess der Wirt ihn vor den Kaiser schleppen. «Das ist unerhört!», rief der Kaiser. «Teigtaschen essen und nicht bezahlen! Glaubst du vielleicht, es reiche, wenn man ‹Ausgezeichnet› sagt? Dafür bekommt man bei uns nichts.»
«Entschuldigt, Majestät, ich habe alles verwechselt. Ich brachte Euch eine Melone, die ich mit viel Mühe gezüchtet hatte, und Ihr habt nur ‹Ausgezeichnet‹ gesagt und mich weggeschickt. Also glaubte ich, dass man mit diesem Wörtchen bezahlen kann.» Da schämte sich der Kaiser, bezahlte dem Wirt die Schulden und belohnte den Armen, denn eine gute Lehre ist ihren Preis wert. 

Märchen der Uiguren, Xinjiang/China, aus: Pflanzenmärchen aus aller Welt © Mutabor Verlag 2020

 

Das Kamel, das um sein Geweih betrogen wurde

Vor langer, langer Zeit lebten einmal ein Kamel, das ein wunderschönes Geweih hatte, und ein Hirsch, der gar nichts auf dem Kopf hatte. Jedes Mal, wenn das Kamel dem Hirsch begegnete, spottete es: „Auf der ganzen Welt gibt es keinen Hirsch ohne Geweih. Es gibt kein Tier unter all den wilden Tieren, das so hässlich ist wie du! Ich kann deinen Anblick nicht ertragen!“ Eines Abends, als das Kamel zum Trinken an den See gekommen war und wieder einmal sein Spiegelbild im Wasser bewunderte, kam der Hirsch aus dem Wald gelaufen. Das Kamel sah ihn und fing sofort wieder an zu prahlen: „Nirgendwo gibt es ein Tier, das ein so schönes Geweih hat wie ich. Selbst das Yak bewundert mich.“ Der Hirsch war sehr traurig, senkte seinen Kopf und sagte zum Kamel: „Der Tiger hat mich zu einem Fest eingeladen, aber wie könnte ein so hässliches, kahlköpfiges Tier wie ich zu ihm gehen? Gutes Kamel, leih mir bitte dein schönes Geweih für einen Abend! Morgen werde ich wieder hierher kommen und es dir zurückgeben.“ Da gab das Kamel dem Hirsch sein schönes Geweih und der Hirsch lief davon. Als das Kamel am nächsten Morgen wieder zum Seeufer kam, war der Hirsch nicht da. Das Kamel wollte trinken und sah plötzlich seinen kahlen Kopf im Wasser. Es schreckte zurück: „Ein Kopf ohne Geweih ist furchtbar hässlich! Wenn der Hirsch nicht kommt und mir mein Geweih zurückgibt, wird mir jedes Mal grauen, wenn ich mich selbst ansehen muss.“ Dann nahm es wieder einen Schluck. Es trank und schaute sich immer wieder nach allen Seiten um. „Der Hirsch hat mir mein Geweih genommen und nun ist es fort.“ Das Kamel wartete einen ganzen Tag lang, doch der Hirsch kam nicht, um das Geweih zurückzubringen. 
Am nächsten Tag ging das Kamel wieder zum Seeufer und wartete auf den Hirsch. Es schüttelte seinen Kopf hierhin und dorthin, um nur nicht sein Spiegelbild sehen zu müssen. Da sah es plötzlich ein Rudel wilder Wölfe und Schakale, die den Hirsch verfolgten. Der Hirsch floh in einen nahen Wald, um der Gefahr zu entgehen, und dort blieb er sein ganzes Leben lang. Die Jahre vergingen. Jedes Mal, wenn das Kamel zum Trinken an den See kam, sah es seinen kahlen Kopf im Wasser und jedes Mal dachte es voller Sehnsucht an sein Geweih und sagte: „Wenn der Hirsch mir doch endlich mein schönes Geweih zurückgeben würde!“
Seitdem sehen Kamele immer ein wenig traurig aus, und wenn sie trinken, dann heben sie von Zeit zu Zeit den Kopf und schauen nach hierhin und dorthin, um zu sehen, ob der Hirsch nicht vielleicht doch noch eines Tages kommt und das geliehene Geweih zurückbringt.

Märchen der Uiguren, China. Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von I.Widiarto von www.uigurkultur.com

 

Der Frosch als Prahlhans

Es war einmal ein Frosch, der fand ein Kuhhaar und klebte es sich auf die Oberlippe. Dann hüpfte er auf der Wiese herum und rief: „Schaut mal, wie stark ich bin, ich habe heute schon eine ganze Kuh verschluckt!“ Alle Tiere, die das hörten, bewunderten den Frosch. Nur der Spatz drehte seinen Kopf hin und her und meinte: „Du bist doch selber nur so gross wie eine Baumnuss, wie willst du da eine Kuh verschlucken?“ Das ärgerte den Frosch, und er sprach: „Ah, du glaubst mir nicht! Hast du denn das Kuhhaar auf meiner Oberlippe nicht gesehen?“ Genau in diesem Augenblick kam eine Kuh über die Wiese gelaufen. Der Spatz sah sie schon von Weitem und rief dem Frosch zu: „Jetzt kannst du beweisen, dass du eine Kuh verschlucken kannst, da kommt nämlich eine. Schnell, verschlinge sie!“ Der Frosch aber meinte: „Heute habe ich schon eine Kuh verschluckt, ich habe jetzt keinen Hunger mehr. Aber morgen, wenn mein Bauch leer ist, werde ich diese Kuh  verschlingen!“ Während er noch laut quakte, kam die Kuh so nah, dass sie ihn mit ihren grossen Füssen fast zertreten hätte. Halb ohnmächtig vor Angst, konnte er sich mit einem grossen Sprung in Sicherheit bringen.
Von diesem Tag an, hörte man den Frosch nicht mehr so laut prahlen.

Märchen der Uiguren, China. Fassung Djamila Jaenike, nach: K. Reichl, Märchen aus Sinkiang, Düsseldorf/Köln 1986, © Mutabor Märchenstiftung