Der König und sein Falke
In alter Zeit lebte ein persischer König, der die Jagd sehr liebte. Dieser König hatte einen Falken, der im Flug jedes Wild einholte. Der König liebte diesen Falken über die Massen und fütterte ihn immer mit eigener Hand.
Eines Tages jagte der König mit dem Falken auf einer Wiese, und plötzlich erschien ein Hirsch. Der König verfolgte den Hirsch mit grösstem Eifer auf seinem leichtfüssigen Pferd. Es rannte so schnell, dass selbst der Morgenwind, der die Welt in einem Augenblick durcheilt, es nicht einholen konnte. Infolgedessen blieb sein Gefolge zurück. Nach einiger Zeit war auch der Hirsch nicht mehr zu sehen, und der König musste die Jagd aufgeben. Da er von brennendem Durst gequält wurde, durcheilte er die Wiese, nach allen Richtungen, um nach Wasser zu suchen,
Schliesslich kam er an den Fuss eines Berges und sah, dass von dem Berg klares Wasser herabtröpfelte. Er nahm einen Becher, den er bei sich führte, und füllte ihn mit dem Wasser, das tropfenweise herabfloss. Als er davon trinken wollte, schlug der Falke mit seinem Flügel an den Becher, sodass das Wasser ausfloss. Als der König ärgerlich den Becher mit vieler Mühe von Neuem füllte und trinken wollte, geschah dasselbe.
Der König, von der Glut des Durstes gequält und zornig über das Betragen des Falken, schlug ihn zu Boden und tötete ihn. In diesem Augenblick kam der Page des Königs heran und fand den Falken tot und den König durstig. Er holte seine Feldflasche hervor, füllte aus ihr den Becher und gab dem König zu trinken. Der König sprach: «Ich möchte auch noch von dem Wasser haben, das vom Berg kommt, aber da es nur herabtröpfelt, macht es so viel Mühe, den Becher zu füllen. Du musst hinaufklettern und sehen, ob dort irgendein Hindernis für das Wasser ist.»
Der Page stieg den Berg hinauf. Da sah er eine Quelle, die nur tropfenweise Wasser gab, und vor der Quelle lag eine grosse tote Schlange. Durch die Einwirkung der Sonne war sie verwest, und ihr Gift hatte sich mit dem Wasser vermischt und rieselte den Berg hinab. Der Page lief erschreckt und bestürzt den Berg hinunter und erzählte dem König, was er gesehen hatte. Dem König flossen Tränen aus seinen Augen. Der Knabe fragte ihn nach dem Grund der Tränen. Der König erzählte die Geschichte und sagte: «Ich weine darüber, dass ich den Falken zu Unrecht getötet habe.»
Der Page erwiderte: «O König, dieser Falke hat dich vor einem grossen Unglück bewahrt, und das ganze Volk ist ihm zu grossem Dank verpflichtet. Es wäre besser gewesen, wenn der König nicht so eilig getötet hätte und die Glut seines Zornes mit dem Wasser der Milde gedämpft hätte.»
Der König antwortete: «Ich bereue meine Handlung, aber die Reue nützt nichts, denn solange ich lebe, werde ich durch Gewissensbisse gequält werden.»
Märchen aus dem Iran, Fassung: L. Tetzner, nach: «Die Geschichte des persischen Königs und seines Falken», in: G. Weil, A. Lewald, Märchen aus 1001 Nacht. Arabische Erzählungen. Oxford 1841. Sprachlich leicht angepasst. © Mutabor
Das historische Persien hat eine lange Geschichte mit grossem kulturellem Reichtum hinter sich. Nach der Gründung der Islamischen Republik Iran folgte Krieg und das Scheitern von Reformbemühungen; zudem nehmen die Umweltprobleme zu. Die Arbeitslosigkeit und Inflation sind hoch, auch wegen des stark theokratischen Regimes, das die politischen Freiheiten stark einschränkt und ethnische Minderheiten unterdrückt, zu denen etwa ein Drittel der Bevölkerung gehören, so dass Menschen zu politischen Flüchtlingen werden.