Der Bruder, dessen Glück schlief
Es waren einmal zwei Brüder. Als deren Vater starb, teilten sie das Land gerecht auf. Beide arbeiteten fleissig, doch der jüngere Bruder hatte reiche Ernten und der ältere Bruder kaum genug, um satt zu werden. „Lass uns das Land tauschen“, meinte der Ältere. Der jüngere Bruder war einverstanden, doch nach einem Jahr, war es wieder wie zuvor: Der Jüngere hatte eine reiche Ernte, der Ältere eine schlechte Ernte. Da beschloss der ältere Bruder dem jüngeren vom Getreide zu stehlen. Er wartete, bis es dunkel wurde, nahm einen Esel und einen leeren Sack und ging zum Feld seines Bruders. Gerade wollte er sich am Kornhaufen des Bruders zu schaffen machen, als ein Fremder auf ihn zutrat und sagte: „Wer bist du und was tust du hier?“
Der Bruder erschrak, doch er fasste sich und fragte: „Nichts tue ich, und wer bist du?“
„Oh, ich bin das Glück deines Bruders. Ich passe auf, damit niemand Korn stiehlt“, sagte der Fremde.
Der Ältere staunte und fragte: „Wo ist denn mein Glück?“
„Dein Glück ist dort auf dem Gipfel von diesem Berg, aber es schläft. Wenn du ein glückliches Leben führen willst, musst du dorthin gehen und es wecken.“
Nachdenklich ging der ältere Bruder mit dem Esel nach Hause. Dann gab er seinen ganzen Besitz seinem Bruder und machte sich auf die Reise.
Er wanderte lange, sehr lange, bis auf einmal ein hungriger Löwe auf den Weg trat und ihn bedrohte. „Bitte lass mich am Leben“, bat der Mann. Er bat und flehte so lange, bis der Löwe sprach: „Ich lasse dich gehen, aber sag du mir, wohin du gehst und warum.“
Da erzählte der Mann seine Geschichte und sagte: „Nun will ich zu meinem Glück gehen und es wecken.“
„Wenn du dein Glück geweckt hast, so frage es, weshalb ich nie satt werde“, bat der Löwe.
Der Mann versprach es und wanderte weiter. Er kam in ein Dorf und ein alter Mann bewirtete ihn. Er fragte: „Wohin gehst du und warum?“
Der ältere Bruder erzählte alles und sagte: „Nun will ich zu meinem Glück gehen und es wecken.“
„Wenn du das Glück geweckt hast, so frage es, weshalb auf meinem Acker nichts wächst“, bat der Alte.
Der Ältere versprach es und ging weiter, bis er in eine Stadt kam. Kaum war er durch das Stadttor gegangen, da packte ihn die Wache und brachte ihn vor den König. Dieser sprach: „Erzähle Fremder, wohin gehst du und warum?“
Da erzählte der Mann seine ganze Geschichte und sagte: „Nun gehe ich zu meinem Glück, um es zu wecken.“
„Wenn du dein Glück gefunden hast, dann frage es, warum mein Königreich nicht den Ruhm und Wohlstand hat, den es verdient“, bat der König.
Der Mann versprach es und wanderte weiter. Endlich kam er zu dem Berg. Er kletterte hinauf und sah ganz oben einen grossen Mann, der schlief. Sein Schnarchen liess die Blätter rundherum erzittern. Der ältere Bruder ging zum Schlafenden, gab ihm einen Stoss mit dem Fuss und rief: „Steh auf, du hast lange genug geschlafen!“
Der grosse Mann rieb sich die Augen und sagte: „Weshalb hast du mich geweckt?“
Da erzählte der ältere Bruder seine ganze Geschichte und stellte ihm auch die Fragen, die ihm aufgetragen worden waren und sein Glück gab ihm auf alles eine Antwort. So machte sich der Älteste wieder auf den Heimweg. Als er in die Stadt kam, liess er sich zum König bringen und sagte: „Schicke alle Wachen fort, dann will ich dir die Antwort vom Glück sagen.“
Als der König und der Mann allein waren, sprach dieser: „Deine Stadt wird erst zu Ruhm und Wohlstand kommen, wenn du heiratest, denn das Glück sagt, dass du kein Mann, sondern eine Frau bist.“
„Dann heirate mich und werde König an meiner Seite!“, rief die Königin, doch der Mann sprach: „Das geht nicht, denn ich habe mein Glück geweckt und will jetzt nach Hause.“ So verliess er das Schloss und wanderte, bis er zum Dorf kam, wo der Alte auf ihn wartete. „Hast du dein Glück geweckt?“, wollte dieser wissen.
„Ja, und es sagt, dass auf deinem Feld ein Schatz vergraben liegt. Wenn du diesen ausgräbst, wird wieder alles gut wachsen“, erzählte der älteste Bruder. Sogleich ging der Alte auf sein Feld und mithilfe seiner Tochter fand er den Schatz. „Bitte bleib bei uns. Du kannst den Schatz haben und meine Tochter heiraten!“, bat der Alte.
Doch der Mann sprach: „Das geht nicht, ich habe mein Glück geweckt und will nach Hause und gute Ernte einbringen.“ Alles Bitten nützte nichts, der Älteste wanderte weiter heimwärts.
Endlich kam er zu dem Löwen. „Hast du dein Glück geweckt?“
„Oh ja“, sagte der Mann und erzählte alles, was er auf der Reise erlebt hatte. Der Löwe hörte zu und fragte: „Und welche Antwort gab dir dein Glück auf meine Frage?“
„Nun, es sagte, dass du erst satt wirst, wenn du den grössten Dummkopf, den du triffst, gefressen hast.“
Der Löwe dachte einen Moment nach und sagte dann: „Nachdem ich deine Geschichte gehört habe, scheint mir, dass du der grösste Dummkopf bist, denn ich je getroffen habe.“ Daraufhin riss er sein grosses Maul auf und verschlang den ältesten Bruder in einem Happs.
Märchen aus dem Iran. Fassung Djamila Jaenike, nach: D. L. R. und E. O. Lorimer, Persien Tales, London 1919, © Mutabor
Das historische Persien hat eine lange Geschichte mit grossem kulturellem Reichtum hinter sich. Nach der Gründung der Islamischen Republik Iran folgte Krieg und das Scheitern von Reformbemühungen; zudem nehmen die Umweltprobleme zu. Die Arbeitslosigkeit und Inflation sind hoch, auch wegen des stark theokratischen Regimes, das die politischen Freiheiten stark einschränkt und ethnische Minderheiten unterdrückt, zu denen etwa ein Drittel der Bevölkerung gehören, so dass Menschen zu politischen Flüchtlingen werden.